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Gemeinsam erfolgreich – 20 Jahre L im LSVD

Nicht enden wollender Beifall folgt auf dem 11. Verbandstag der wichtigsten Abstimmung seit der Gründung. Mit über 90 % beschließt die Versammlung am 07. März 1999 die Erweiterung des SVD zum LSVD. Halina Bendkowski, Dr. Dorothee Markert und Ida Schillen, alle drei Persönlichkeiten mit viel Erfahrung in der Frauenbewegung und in der Lesbenpolitik, werden in den Bundesvorstand des neuen LSVD gewählt.

Wie ist es dazu gekommen?

Den Anstoß bringt die Lesbeninitiative „Wir wollen heiraten“. Diese gründete sich nach einem gleichlautenden Workshop auf dem Lesbenfrühlingstreffen 1998 (LFT) in Freiburg. Dorothee Markert und Ute Knüfer nutzten das LFT für die Formulierung eines rechtspolitischen lesbischen Manifests: „Wir wollen heiraten, noch in diesem Jahrhundert“ ist das Motto des Ankündigungstextes für den Workshop.
Markert und Knüfer fordern: „Es geht dabei nicht um die Frage, ob Lesben heiraten sollten oder nicht, sondern zuerst einmal um die symbolische und politische Bedeutung der Öffnung dieser Institution für uns. Wir sind der Meinung, dass die Möglichkeit zu heiraten, d.h. die vollständige Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare, allen Lesben zugute kommt.“

Obwohl sich der Initiative über 300 Frauen anschließen, findet diese bei den damaligen Lesbenorganisationen kein Gehör. Dorothee Markert wendet sich deshalb mit einem Brief an den damaligen Vorstand des Schwulenverbandes (SVD) und schlägt eine Zusammenarbeit vor, da sie die Chancen, die der rot-grüne Wahlsieg im Sommer 1998 bietet, nicht verpasst sehen will. „Vielleicht wäre es ja auch sinnvoll, vor allem dort, wo es um Bürgerrechtsfragen geht, dem Schwulenverband zu einem Schwulen- und Lesbenverband zu erweitern.“, schreibt sie.

Dort rennt sie offene Türen ein. Im SVD hatte man schon öfter die Frage einer Erweiterung diskutiert und eingeschätzt, dass dies nur auf Augenhöhe zwischen Lesben und Schwulen funktionieren können. Bereits an der „Aktion Standesamt“ 1992 oder der Kampagne „Traut Euch“ 1996 haben sich auch Lesben und Frauenpaare beteiligt. Die Initiative kommt wie gerufen.

Am 15. November 1998 findet ein Beratungstreffen zwischen politisch aktiven Lesben aus verschiedenen Regionen der Bundesrepublik und dem SVD-Vorstand statt. Nach dem Lesben und Schwule 40 Jahre lang getrennt und an unterschiedlichen Fronten gekämpft haben, ist für die Beteiligten nun klar: Wenn wir auf Bundesebene gleiche Rechte durchsetzen wollen, müssen Lesben und Schwule an einem Strang ziehen.

Die meisten anwesenden Frauen treten noch am gleichen Tag in unseren Verband ein. Dorothee Markert, Maria Sabine Augstein, Halina Bendkowski, Isa Schillen, Cornelia Scheel, Gerta Siller und viele andere Engagierten organisierten die erste große Eintrittswelle von Lesben in den Verband.
Im Dezember 1998 gehen sie und weitere lesbenpolitisch engagierte Frauen mit einem „Aufruf an alle Lesben, die sich eine wirkungsvolle Politik für unsere Rechte auf Bundesebene wünschen“ an die Öffentlichkeit und fordern dazu auf, den SVD zu erweitern. Der SVD-Bundesvorstand stürzt sich in die Arbeit. Gemeinsam mit der Initiative wird in Rekordzeit das Programm lesbenpolitisch erweitert, die Satzung ergänzt und beides dem Verbandstag zur Abstimmung vorgelegt. Wichtige Forderungen wie die Gleichstellung von Regenbogenfamilien werden neu aufgenommen. Am 6./7. März 1999 wird die Erweiterung beschlossen.

Ein bedeutendes und prägendes Ereignis – für unseren Verband und für die Lesben- und Schwulenbewegung in Deutschland!

Inzwischen können wir uns kaum vorstellen, dass es einmal anders war. 40% unserer Mitglieder sind weiblich – eine Quote, von der viele politische Parteien träumen. Unsere Angebote werden paritätisch genutzt, unser Team ist gemischt, in unseren Vorständen engagieren sich viele Frauen. Darauf sind wir stolz. Gleichzeitig müssen wir immer auch selbstkritisch hinterfragen, wie wir diesem Anspruch gerecht werden können und wie Zusammenarbeit und Solidarität gelingt. Wie wir der Diversität in unserem Verband und in der Community gerecht werden können? Denn selbstverständlich sind auch wir aufgefordert, dafür zu sorgen, dass sich Pluralität umfassend bei uns wiederfindet.

Ein Blick auf die zurückliegenden Erfolge und die kommenden Herausforderungen zeigt den Gewinn an politischer Schlagkraft, der in einer Zusammenarbeit, in einem Gemeinsam liegt. Was haben wir in den 20 Jahren nicht alles an persönlicher und gesellschaftlicher Freiheit gemeinsam erkämpft. Immer mehr Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen leben selbstbewusst, offen und akzeptiert: in der Familie, in der Nachbarschaft, im Verein und allen denkbaren Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Die rechtliche Gleichstellung konnten wir weit vorantreiben. Drei Jahrzehnte haben wir für die Öffnung der Ehe gekämpft und schließlich breite Mehrheiten in Gesellschaft und Parlament gewinnen können. Die Ehe für alle ist sicherlich ein Meilenstein in der Geschichte der Bürger*innenrechte in Deutschland.

Zugleich sind Homophobie und Transfeindlichkeit noch nicht überwunden, sondern in Teilen der Gesellschaft weiterhin verbreitet. Beleidigungen und Herabwürdigungen, Diskriminierungen und Benachteiligungen, Anfeindungen und Übergriffe bis hin zur offenen Gewalt gehören weiterhin zur Wirklichkeit in Deutschland. Wenn sich deshalb nicht alle Menschen unbefangen im öffentlichen Raum bewegen können, ist das ein massiver Angriff auf die Freiheit. Homophobe und transfeindliche Stimmen sind in jüngster Zeit sogar wieder deutlich lautstärker geworden. Menschenverachtende Ideologien der Ungleichheit befeuern Ressentiments. Religiös-fundamentalistische, rechtsextreme und rechtspopulistische Kräfte kämpfen voller Hass darum, LSBTI gleiche Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten zu beschneiden und sie wieder aus dem öffentlichen Leben zu drängen. So laufen sie Sturm gegen eine Pädagogik der Vielfalt oder diffamieren das Bemühen um mehr Geschlechtergerechtigkeit.

All das zeigt uns: Um Werte wie Freiheit, Gleichheit und Respekt muss täglich neu gerungen werden. Für uns ist dabei klar: Gemeinsam ist besser, gemeinsam ist stärker, gemeinsam ist erfolgreicher!

Hintergrund

Renate Rampf (2007): Die Erfindung der Homo-Ehe. In: Gabriele Dennert, Christiane Leidinger und Franziska Rauchut (Hg.): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Berlin: Querverlag. S. 356-359.

Henny Engels (2018): Lesbische (Un)Sichtbarkeit. Panel auf dem LSVD-Verbandstag mit Historikerin Dr. Kirsten Plötz.