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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

20 Jahre Lesben im LSVD

Gemeinsam besser, gemeinsam stärker, gemeinsam erfolgreicher

Am 7. März 2019 jährte sich die Erweiterung des SVD um die Lesben zum LSVD zum zwanzigsten Mal. Diese Erweiterung war ein bedeutendes und prägendes Ereignis – für unseren Verband und für die Lesben- und Schwulenbewegung in Deutschland.

Als ich einer Freundin erzählte, dass ich mich nach meiner Pensionierung im LSVD-Bundesvorstand engagieren wollte, war ihre Reaktion „Der LSVD – das ist doch der Schwulenverein, in dem die Lesben jetzt auch mitspielen dürfen?“ Ermutigung geht anders. Und heute, etliche Jahre später, kann ich sagen, dass der Satz so einfach nicht stimmt.

40 Prozent der Mitglieder des Verbandes sind weiblich, im Bundesvorstand waren es zeitweise mehr als die Hälfte der Mitglieder. Und die Frauen im Vorstand „spielen nicht nur mit“. Am 7. März 2019 jährte sich die Erweiterung des SVD um die Lesben zum LSVD zum zwanzigsten Mal. Diese Erweiterung war ein bedeutendes und prägendes Ereignis – für unseren Verband und für die Lesben- und Schwulenbewegung in Deutschland.

Lesbeninitiative „Wir wollen heiraten“

Der Anstoß kommt von der Lesbeninitiative „Wir wollen heiraten“. Diese gründet sich nach einem gleichlautenden Workshop auf dem Lesbenfrühlingstreffen 1998 (LFT) in Freiburg. Dort hatten Dorothee Markert und Ute Knüfer erklärt: „Wir wollen heiraten – noch in diesem Jahrhundert“. Es gehe nicht darum, ob Lesben heiraten sollten, sondern um „die symbolische und politische Bedeutung der Öffnung dieser Institution für uns“. Die im September 1998 anstehende Bundestagswahl wurde dabei als gute Gelegenheit gesehen, die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften einzufordern.

Obwohl sich der Initiative über 300 Frauen anschließen, stößt sie bei den damaligen Lesbenorganisationen mit dieser Forderung auf wenig Gegenliebe. Renate Rampf schreibt dazu in ihrem Artikel „Die Erfindung der Homo-Ehe“, dass ihnen entgegengehalten wurde, die Forderung sei „lediglich eine „Angleichung an heterosexuelle Beziehungen“, eine „Ausweitung staatlicher Privilegien auf eine kleine Bevölkerungsgruppe“. (...) So etwas entspräche „weder unseren Beziehungsformen noch unserer Lebensplanung“.

Daher wenden sich die beiden Frauen an den damaligen Vorstand des Schwulenverbandes (SVD) und schlagen eine Zusammenarbeit vor. Bereits an der „Aktion Standesamt“ 1992 oder der Kampagne „Traut Euch“ 1996 beteiligen sich auch Lesben und Frauenpaare.

Am 15. November 1998 findet ein Beratungstreffen zwischen politisch aktiven Lesben aus verschiedenen Regionen der Bundesrepublik und dem SVD-Vorstand statt. Die meisten anwesenden Frauen treten noch am gleichen Tag in unseren Verband ein. Kurz darauf gehen Dorothee Markert, Ute Knüfer, Maria Sabine Augstein, Halina Bendkowski, Ida Schillen, Hella von Sinnen, Cornelia Scheel, Gerta Siller und weitere lesbenpolitisch engagierte Frauen mit einem „Aufruf an alle Lesben, die sich eine wirkungsvolle Politik für unsere Rechte auf Bundesebene wünschen“ an die Öffentlichkeit und fordern dazu auf, den SVD zu erweitern.

So erreichen sie die erste große Eintrittswelle von Lesben in den Verband. Gemeinsam mit der Initiative wird in Rekordzeit das Programm lesbenpolitisch erweitert, die Satzung ergänzt und beides dem Verbandstag zur Abstimmung vorgelegt. Wichtige Forderungen wie die Gleichstellung von Regenbogenfamilien werden neu aufgenommen. Auf dem Verbandstag am 6./7. März 1999 wird die Erweiterung beschlossene Sache.

Lesben sind weniger sichtbar als Schwule

Mit dem Thema „Lesbische (Un-)Sichtbarkeit“ befasste sich ein Panel beim Verbandstag 2018. Die Historikerin Dr. Kirsten Plötz führte dazu aus, dass die alleinige Bedrohung von Männern durch den § 175 StGB auch zur Unsichtbarkeit von lesbischen Frauen beigetragen habe. Häufig nicht bekannt sei z.B., dass in der Bundesrepublik im Zusammenhang mit diesem Paragrafen auch ungefähr 100 Frauen (vermutlich wegen Beihilfe) verurteilt worden seien.

Auch in der Sprache schlage sich die Unsichtbarkeit nieder – beim Stichwort Homosexualität assoziierten die meisten Menschen Männer; in den Köpfen stecke nach wie vor „Mensch = Mann“. Für Studien sei es relativ einfach, in Archiven Quellen zur männlichen Homosexualität zu finden – zu lesbischen Frauen gebe es dagegen nur selten passende Schlagwortsuchen. Ein Blick in Medien bis in die 1970er Jahre mache deutlich, dass Lesben dort fast überhaupt nicht vorkamen. Auch die zentrale Bedeutung von Ehe und Mutterschaft spiele für das Thema „Lesbische (Un-)Sichtbarkeit“ eine große Rolle. Ein weiterer zu beachtender Gesichtspunkt sei die traditionelle Haltung, dass männliche Sexualität für Gesellschaften wie die unsere hochrelevant sei, weibliche hingegen nicht.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätten sich drei Strömungen herauskristallisiert: Frauen, die sich mit homosexuellen Männern solidarisierten und hinter ihnen öffentlich unsichtbar wurden, Frauenrechtlerinnen, die öffentlich nicht über weibliche Homosexualität sprachen, und kleine Gruppen organisierter ausdrücklich lesbischer Frauen. In den 1970er Jahren hätten sich lesbische Aktivitäten dann verstärkt, schon damals mit dem zentralen Thema „Lesbische Sichtbarkeit“. Die Unsichtbarkeit von Lesben habe weitreichende Folgen gehabt – von dem Weg in die heterosexuelle Ehe bis hin zum Suizid. Die Unsichtbarkeit habe zudem dazu beigetragen, dass viele der Frauen in dem Bewusstsein gelebt hätten, sie seien die Einzige.

20 Jahre gemeinsame Politik

Erzählt wurde die Geschichte der Erweiterung des SVD auch als Ausgangspunkt für ein Panel auf dem 31. LSVD-Verbandstag zu 20 Jahren gemeinsame Politik. Halina Bendkowski, einer der ersten drei weiblichen Mitglieder des Bundesvorstandes, Günter Dworek, ein „LSVD-Urgestein“, Kerstin Fritzsche, seit 2018 Mitglied im Vorstand des LSVD Baden-Württemberg, und Gabriela Lünsmann, seit 2015 Mitglied im Bundesvorstand, diskutierten über zurückliegende Erfolge, kommende Herausforderungen und gemeinsame Ziele.

Halina Bendkowski berichtete, wie sie und andere, die sich für eine gemeinsame Arbeit einsetzten, von Feministinnen wegen ihres Engagements attackiert wurden. Günter Dworek erinnerte daran, dass auch manche Schwule mit diesen Plänen Probleme hatten und den Lesben lieber nahelegen wollten, doch etwas „eigenes“ zu machen. Aus seiner Sicht sei die Erweiterung des Verbandes einer der entscheidenden Faktoren gewesen für die erfolgreiche Lobbyarbeit hin zum Partnerschaftsgesetz und später der Eheöffnung.

Im Panel ging es aber nicht nur um den Blick in den goldenen Rückspiegel, sondern auch um Themen, die auch künftig nur gemeinsam erfolgreich bearbeitet werden können. So ist die rechtliche Gleichstellung nicht vollständig erreicht – etwa für die Situation von Regenbogenfamilien und das Abstammungsrecht. Im Bereich der Bildung ist die Thematisierung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt noch längst nicht selbstverständlich. Im Gegenteil: Es gibt hier starken Gegenwind.

Grundsätzlich gilt es, die Zivilgesellschaft und ihren Einfluss auf Gesellschaft und Politik zu stärken und dabei deutlich zu machen, dass eine offene und vielfältige Gesellschaft ein Gewinn für alle Bürger*innen ist. Zudem müssen die erstrittenen Rechte gegen alte und neue Gegner*innen verteidigt werden. Dazu gehört auch ein mit wirksamen Maßnahmen und ausreichenden Mitteln untersetzter Nationaler Aktionsplan gegen Homosexuellen- und Transfeindlichkeit – zum Schutz von LSBTI*-Menschen und als unerlässlicher Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft.

Für die Weiterentwicklung des LSVD ist es wichtig, dass er auch für jüngere Menschen attraktiv ist. Die Motive für das Handeln des Verbandes müssen noch besser als bisher deutlich gemacht werden. Dies alles gelingt im Miteinander von Lesben und Schwulen besser.

Dass die Entwicklung zum gemeinsamen Verband auch für die Zukunft wichtig bleibt, spricht auch aus den Zuschriften von Verbandsmitgliedern zum Jubiläum. Christian beispielsweise schreibt: „Der LSVD ist mit dem L seit 20 Jahren für mich zum echten Bürgerrechtsverband geworden, und genau das ist für mich wichtig: Bürgerrechte, Gleichstellung, Freiheit, Respekt. Danke, dass Ihr Euch einsetzt! Für uns alle gemeinsam, für mich.“

Henny Engels
LSVD-Bundesvorstand

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