Von „besorgten Eltern“ und „Gender-Wahn“

Angriffe auf (sexuelle und geschlechtliche) Vielfalt in der Bildung und mögliche Gegenstrategien

Vortrag von Dr. Carolin Küppers gehalten auf der 4. Regionalkonferenz des LSVD-Projekts "Miteinander stärken. Rechtspopulismus entgegenwirken!" in Magdeburg am 02. April 2019

Am 02. April 2019 fand in Magdeburg die 4. Regionalkonferenz des LSVD-Projekts "Miteinander stärken. Rechtspopulismus entgegenwirken" statt. Denn: Mit diffamierenden Kampfbegriffen machen Rechtspopulist*innen Stimmung gegen die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI*). Was kann dieser Entwicklung entgegengesetzt werden, welche Strategien haben sich bewährt und was können Organisationen und Initiativen voneinander lernen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung. In ihrem Einführungsvortrag beschrieb Dr. Carolin Küppers die anhaltende Angriffe vor allem gegenüber sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der Bildung und stellte mögliche Gegenstrategien vor.

Eine Publikation stellt die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen der 4. Regionalkonferenz dar. Die Broschüre "Gegensteuern – Rechtspopulismus die Stirn bieten" kann hier als pdf heruntergeladen werden oder solange der Vorrat reicht auch als Printversion bestellt werden per Mail an presse@lsvd.de.

Diffamierungen von Bildungsplänen und Akzeptanzförderung als "Frühsexualisierung"

Carolin Küppers führte zunächst in die Debatten über Bildungspläne in den Bundesländern ein und skizzierte anschließend, wie Rechte und Populist*innen unter dem Vorwand, die „Sorgen“ der Bevölkerung aufzugreifen, wissenschaftlich bewiesene Fakten attackieren. Auch zeigte sie Parallelen auf, wie mittels Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit Angriffe auf die Vielfalt stattfinden. Diesen Angriffen setzte sie das Konzept der Intersektionalität mit daraus zu entwickelnden Gegenstrategien entgegen.

In Baden-Württemberg stieß die Landesregierung mit ihrem Plan, sexuelle Vielfalt im Bildungsplan des Bundeslandes zu berücksichtigen und darin als Querschnittsthema aufzunehmen, auf eine starke Gegenbewegung. Diese hatte sich lautstark geäußert und war auch in Form einer sogenannten „Demo für alle“ auf die Straße gegangen, wobei sie den Bildungsplan bewusst falsch dargestellt und skandalisiert hatte.

Einzelne Wissenschaftler*innen waren persönlich angegriffen, unsachlich in ihrer professionellen Arbeit kritisiert und als Teil einer angeblichen Verschwörung verunglimpft worden. Die antiliberalen Proteste gipfelten in einer Petition gegen den Bildungsplan und führten schließlich sogar dazu, dass der spezifische Begriff der ‚sexuellen Vielfalt‘ zugunsten der sehr vagen Formulierung „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ wieder aus dem Bildungsplan herausgenommen wurde – also zugunsten eine Verallgemeinerung, die die dahinterstehenden sozialen Realitäten komplett unsichtbar macht.

genderwahn-besorgte-eltern-keynote-magdeburg-grafik.pngNeu in der Auseinandersetzung um die Bildungspläne war ein sehr grober, diffamierender Ton bei den Angriffen auf Wissenschaftler*innen. Auch waren etliche überregionale Zeitungen sich nicht zu schade dafür, die aus der Luft gegriffenen Behauptungen der Gleichstellungsgegner*innen als ‚Fakten‘ zu präsentieren.

Ebenfalls problematisch war die mediale Darstellung von Homosexuellen-, Trans* und Inter*Feindlichkeit als vermeintliches „Luxusproblem“. Die Feindseligkeit gegenüber Minderheiten und die geringe gesellschaftliche Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Varianz wurde nicht als Angriff auf die demokratische Vielfalt erkannt.

Was ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?

Im zweiten Teil ihres Vortrags stellte Küppers diese Feindlichkeit gegenüber LSBTI* in den Kontext weiterer Formen von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit:

„Menschenfeindlichkeit zielt nicht auf ein Feindschaftsverhältnis zu einzelnen Personen, sondern bezieht sich auf Gruppen. Werden Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten der Abwertung und Ausgrenzung ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Hierdurch wird die Würde der betroffenen Menschen antastbar und kann zerstört werden. Das besondere Kennzeichen dieses Begriffs ist seine Spannweite. Sie ergibt sich aus dem Phänomen selbst, denn nicht nur Personen fremder Herkunft sind mit Feindseligkeiten und Gewalt konfrontiert, wenn sie bestimmten Gruppen zugeordnet werden, sondern auch Menschen gleicher Herkunft, deren Verhaltensweisen oder Lebensstile in der Bevölkerung als „abweichend“ von einer als beruhigend empfundenen Normalität interpretiert werden.“ (In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände, Folge 3, Suhrkamp-Verlag Frankfurt 2005, S. 13 ff.)

„Werden Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten der Abwertung und Ausgrenzung ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Hierdurch wird die Würde der betroffenen Menschen antastbar und kann zerstört werden.“ - Dr. Carolin Küppers

Grundlegend für nahezu jede Form Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist also das Abgrenzen von „den Anderen“ (othering). Die Konstruktion als „Andere“ ist dabei als konstitutive Wechselbeziehung mit dem „Eigenen“ zu denken. Prozesse des „otherings“ finden sich im gesellschaftlichen Kontext immer dann, wenn auf ein vermeintlich homogenes Ideal Bezug genommen und dieses von seinem Gegenteil abgegrenzt wird. Dadurch entsteht eine Ideologie von Ungleichwertigkeit, über die die Ausgrenzung bestimmter Menschen gerechtfertigt wird. Die Zugehörigkeit zu den als
normativ gesetzten „Eigenen“ regelt den Zugang zu Ressourcen und festigt Machtverhältnisse.

Gesellschaftliche Ausgrenzung bezieht sich häufig auf mehrere Aspekte von Diskriminierung (wie Staatsangehörigkeit, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Schichtzugehörigkeit u.a.). In der Verschränkung verschiedener Strukturkategorien, die Ungleichheit hervorrufen, sowie in deren Wechselwirkungen entstehen spezifische Erfahrungen von Diskriminierung.

Was meint Intersektionalität?

Im abschließenden Teil des Vortrags wurde das Konzept der Intersektionalität vorgestellt, das hilfreich ist, um gerade diese Wechselbeziehungen analysieren zu können. Intersektionalität zielt darauf ab, das Zusammenwirken verschiedener Positionen sozialer Ungleichheit zu analysieren und zu veranschaulichen, dass sich verschiedene Formen von Diskriminierung nicht nur rein additiv aneinanderreihen lassen.

Aus einer intersektionalen Sichtweise lassen sich so auch solidarische Widerstandspraxen entwickeln. Hierfür ist es hilfreich, sowohl die unterschiedlichen Verletzlichkeiten als auch die jeweiligen Ressourcen in den Blick zu nehmen. Um soziale Ungleichheiten in allen ihren Dimensionen zu erfassen und langfristig zu überwinden, ist es sinnvoll, nach der Analyse spezifischer Diskriminierungserfahrungen auch spezifische Handlungsmöglichkeiten anzuerkennen.

Faktoren, die das Widerstandspotential erhöhen können, müssen aufgedeckt werden, um Menschen konkret zu unterstützen und zu stärken.Beispiele für solche Faktoren sind: Bildung, ökonomische Ressourcen, Sprachkompetenz, Flexibilität und Mobilität, soziale Ressourcen sowie einklagbare Rechte.

Küppers betonte, dass die Verteidigung von demokratischen Werten und gesellschaftlicher Vielfalt auf der Grundlage breiter zivilgesellschaftlicher Bündnisse stattfinden müsse. Wichtig war ihr außerdem, selbstbewusst ein Recht auf Vielfalt einzufordern, statt sich nur zu verteidigen. Hierfür sei es wichtig, Vielfalt als gesellschaftliche Realität sichtbar zu machen und für eine Gesellschaft einzutreten, in der alle Merkmale eines Menschen gleichermaßen wertgeschätzt werden. Auf diese Weise könne ein solidarischer Umgang miteinander gestaltet werden.

(Es gilt das gesprochene Wort)

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