Menu
Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD⁺)

„Nach dem eigenen Leben Verantwortung übernehmen“

Interview mit Brigitte Zypries

Brigitte Zypries, ehemalige Bundesjustizministerin, zeigt im Interview, wie Verantwortung über das eigene Leben hinaus wirken kann. Sie spricht über testamentarisches Spenden, gesellschaftliche Werte und warum es sich lohnt, Organisationen wie den LSVD⁺ nachhaltig zu unterstützen.

Interview mit Brigitte Zypries, ehemalige Bundesjustizministerin, heute Mitglied im Beirat von Erblotse.de – über gesellschaftliche Verantwortung, nachhaltige Unterstützung von NGOs und die Frage, wie testamentarisches Spenden Werte über das eigene Leben hinaus bewahren kann. 

LSVD: Viele Menschen engagieren sich zu Lebzeiten für gute Zwecke. Warum halten Sie es für sinnvoll, auch mit einer Erbschaft gezielt NGOs zu unterstützen? 

Brigitte Zypries: Grundsätzlich halte ich es für sehr sinnvoll, Organisationen zu unterstützen, deren gesellschaftlichen Ziele meinen eigenen Überzeugungen entsprechen. Das tue ich auch schon zu Lebzeiten. Irgendwann stellt sich jedoch ganz praktisch die Frage: Was passiert mit dem, was ich hinterlasse? Und da finde ich es absolut folgerichtig, ein Vermächtnis oder sogar eine vollständige Erbschaft einer Organisation zu übertragen, die für Werte einsteht, die mir wichtig sind und die auch über mein eigenes Leben hinaus wirken. 

Der LSVD setzt sich seit vielen Jahren für die Rechte und die Sichtbarkeit von LSBTIQ Personen ein. Warum ist es gerade heute wichtig, Organisationen wie diese nachhaltig zu stärken? 

Wir erleben weltweit einen deutlichen Anstieg autoritärer Tendenzen. Regierungen, die autoritär agieren, grenzen gezielt Menschen aus, die nicht in ihr Weltbild passen. Das betrifft besonders queere Menschen. Das ist falsch und gefährlich. Gerade deshalb braucht es Organisationen wie den LSVD, die mit fachlicher Kompetenz, politischer Erfahrung und Ausdauer dagegenhalten und für Gleichberechtigung eintreten. Diese Arbeit muss langfristig abgesichert sein. 

Sie sind Mitglied im Beirat von Erblotse. Was macht Erblotse aus Ihrer Sicht zu einem geeigneten Weg, um Erbschaften transparent und verantwortungsvoll an Organisationen weiterzugeben? 

Das Besondere an Erblotse ist, dass Menschen sehr niedrigschwellig und verständlich an das Thema Testament herangeführt werden. Viele wissen ja gar nicht: Wie funktioniert ein Testament eigentlich? Wen kann ich bedenken? Was muss ich beachten, damit mein Wille rechtssicher umgesetzt wird? 

Erblotse begleitet diesen gesamten Prozess sehr strukturiert. Man wird an die Hand genommen und erhält Orientierung, damit ein rechtssicheres Testament entsteht – eines, das später nicht einfach angefochten werden kann. Gleichzeitig werden seriöse Organisationen vorgeschlagen, denen man Vermögen oder Teile davon zukommen lassen kann. So wird sichergestellt, dass das Geld tatsächlich dort ankommt, wo es Gutes bewirken soll. 

Was würden Sie Menschen raten, die helfen möchten, aber noch unsicher sind, ob testamentarisches Spenden der richtige Weg für sie ist? 

Ich glaube, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod gehört einfach zum Leben dazu, auch wenn sie vielen schwerfällt. Man ist endlich – und irgendwann stellt sich die Frage: Was passiert danach? Wer kümmert sich um alles? Auch um eine würdige Beerdigung, um den Abschied? 

Sich damit auseinanderzusetzen, ist eine wichtige Voraussetzung. Wenn man diesen Schritt gegangen ist, kann man sehr bewusst entscheiden: Einen Teil bekommen Menschen aus meinem Umfeld, ein anderer Teil geht an Organisationen, von denen ich überzeugt bin, dass sie auch nach meinem Tod dazu beitragen, die Welt ein Stück besser zu machen. 

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Sie gelten als eine der prägenden Bundesjustizminister*innen auf dem Weg zur Ehe für alle. Wie blicken Sie heute auf diesen Prozess zurück? 

Der Weg zur Ehe für alle war in Deutschland leider sehr lang und zäh. Andere Länder waren deutlich schneller – Spanien zum Beispiel, was viele überrascht hat, gerade weil es als stark katholisch wahrgenommen wird. In Deutschland gab es erheblichen Widerstand, auch juristisch, etwa durch Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht. Das hat vieles verzögert. 

Rückblickend kann man sagen: Es hätte schneller gehen sollen. Das habe ich übrigens auch damals schon so gesehen. Aber gesellschaftlicher Fortschritt verläuft leider oft langsamer, als er eigentlich müsste. 

Das Interview führte Danilo Höpfner.

Weitere Informationen: Im Beitrag "Mit dem eigenen Nachlass Zeichen setzen" wird erklärt, wie Testamentsspenden konkret umgesetzt werden können und wie der LSVD⁺ langfristig von solchen Zuwendungen profitiert.