Noch ein weiter Weg

Ergebnisse für Deutschland der EU-weiten Umfrage von 140.000 Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen

Am 14. Mai hat die EU-Grundrechteagentur die Ergebnisse ihres LGBTI-Surveys veröffentlicht. An der Onlineumfrage haben sich 140.000 Menschen aus 30 Ländern beteiligt, davon über 16.000 aus Deutschland. Hier haben wir den veröffentlichten Factsheet für Deutschland ins Deutsche übersetzt.

Am 14. Mai 2020  hat die EU-Grundrechteagentur (FRA) die Ergebnisse des zweiten großen LGBTI-Survey veröffentlicht. An der Onlineumfrage haben sich knapp 140.000 Menschen aus 30 Ländern (28 EU-Staaten inkl. Großbritannien, Serbien und Nordmazedonien) beteiligt, davon über 16.000 aus Deutschland. Sie ist damit die größte internationale Umfrage unter LGBTI. Hier haben wir den von der EU-Grundrechteagentur veröffentlichten Factsheet für Deutschland ins Deutsche übersetzt.

Offenheit im Alltag

„Mein Partner und ich vermeiden es in der Öffentlichkeit Händchen zu halten oder uns zu küssen.“ (schwuler Mann, 36 Jahre)

  • 45% der Befragten vermeiden es oft oder immer, mit ihrem Partner Händchen zu halten (EU-Durchschnitt: 61%)
    • 19% vermeiden es nie, 36% selten, 29% oft und 16% immer
  • aus Angst vor Gewalt meiden 24% oft oder immer bestimmte Orte und Plätze (EU-Durchschnitt: 33%)
  • 57% sind ziemlich bis sehr offen bezüglich ihrer LGBTI-Identität (EU-Durchschnitt: 47%)
    • 24% (fast) nie, 19% selten, 25% ziemlich und 32% sehr offen

Diskriminierungserfahrung

„Bei der Wohnungssuche gab uns der Makler zu verstehen, dass der Vermieter nicht an ein schwules Paar vermieten wird.“ (schwuler Mann, 33 Jahre)

„Während eines Krankenhausaufenthalts aufgrund einer Depression würde ich von dem Therapeuten gefragt, ob ich vielleicht depressiv sei, weil ich noch nie eine Beziehung zu einem Mann gehabt habe. Meine Frauenärztin beantwortete meine Frage bezüglich sexuell übertragbarer Krankheiten bei Sex mit Frauen, dass ich mich nicht sorgen solle solange ich keine Symptome zeige.“ (bisexuelle Frau, 28 Jahre)

  • 23% haben in den letzten 12 Monaten Diskriminierung am Arbeitsplatz erfahren müssen (EU-Durchschnitt: 21%)
  • 11% haben in den letzten 12 Monaten Diskriminierung bei der Jobsuche erfahren
  • 44% haben in den letzten 12 Monaten mind. einmal Diskriminierung erleben müssen (EU-Durchschnitt: 42%)

Belästigung und Gewalt

„Meine frühere Partnerin und ich wurden auf dem Heimweg von einer Party von mehreren Männern belagert und beleidigt, weil wir Händchen gehalten hatten.“ (bisexuelle Frau, 24 Jahre)

  • 36% berichteten von Belästigungen in den letzten 12 Monaten (EU-Durchschnitt: 38%)
  • 13% wurden in den letzten fünf Jahren angegriffen (EU-Durchschnitt: 11%)
  • EU-weit erlebten 1 von 5 trans* / inter*Personen körperliche oder sexualisierte Gewalt in den letzten fünf Jahren. Das ist doppelt so oft wie der Durchschnitt von LGBTI insgesamt.

Anzeigeverhalten nach Hassgewalt und Diskriminierungserlebnissen

„Sogar während der Aufnahme der Anzeige machte die Polizei homophobe Sprüche. Trotz nachträglicher Nachfragen, passierte nichts. Danach habe ich es vermieden in späteren Fällen Anzeige zu erstatten.“ (schwuler Mann, 30 Jahre)

  • 13% sind zur Polizei gegangen, um einen physischen Angriff oder sexualisierte Gewalt anzuzeigen. (EU-Durchschnitt: 14%)
  • 23% haben in den letzten fünf Jahren nach einer Gewalttat eine Anzeige vermieden aus Angst vor homo-/transphober Reaktion der Polizei
  • 8% berichteten ihre Diskriminierungserfahrung der Antidiskriminierungsstelle oder einer anderen Organisation. (EU-Durchschnitt: 11%)

Intoleranz und Vorurteile

„Im Augenblick denke ich, dass sich die Situation für LGBT in Deutschland eher verschlechtern wird, durch den Aufstieg rechtskonservativer Parteien und einer allgemein aggressiver werdenden Stimmung gegen alles, was anders ist.“ (schwuler Mann, 54 Jahre)

  • 46% sagen, dass Intoleranz und Vorurteile in Deutschland in den letzten fünf Jahren abgenommen haben. (EU-Durchschnitt: 40%)
  • 24% meinen, dass Vorurteile und Intoleranz gestiegen sind. (EU-Durchschnitt: 36%)
  • 41% glauben, dass die Bundesregierung effektiv Vorurteile und Intoleranz gegen LSBTI bekämpft. (EU-Durchschnitt: 38%)
    • 6% bejahen das definitiv, 35% meinen ja wahrscheinlich, 45% finden wahrscheinlich eher nicht und 14% verneinen das deutlich

Schule

„Ich wünschte, ich hätte bereits in der Schule gelernt, dass es transgeschlechtliche Menschen gibt und wie ihr Leben aussieht. Das hätte mir viel Leid erspart. (trans* Mann, 20 Jahre)

„Besonders in der Grundschule hatte ich oft Probleme, da ich mich nicht entsprechend der Geschlechterstereotype verhielt. (…) auf jeden Fall hätte ein Bildungsprojekt geholfen, aber im Unterricht wurde zum Beispiel Transidentität lediglich erwähnt aber nicht behandelt. Bereits früher gewusst zu haben, was mit mir los ist, hätte mir viel Zweifel, Frust, Wut, Trauer und Verwirrung erspart.“ (trans* Mann, 30 Jahre)

  • EU-weit waren/ sind 41% der 18-24jährigen nicht an der Schule geoutet. 2012 waren es noch 47%.
  • 27% der LGBTI-Schüler*innen (15-17 Jahre) sind an der Schule nicht geoutet. (EU-Durchschnitt: 30%)
  • 47% der LGBTI-Schüler*innen (15-17 Jahre) sagen, dass es an ihrer Schule jemanden gibt, der*die sie und ihre Rechte oft oder immer unterstützt, verteidigt und schützt. (EU-Durchschnitt: 48%)
  • 52% der befragten LGBTI-Teenager berichten, dass ihre Peers und Lehrkräfte, oft oder immer LGBTI unterstützen. (EU-Durchschnitt: 60%)
  • 30% der befragten LGBTI-Teenager geben an, dass an ihrer Schule LGBTI-Themen mindestens einmal positiv oder ausgewogen thematisiert wurden. (EU-Durchschnitt: 33%)

Weitere ausgewählte Antworten

„Wir erziehen unser Kind zu dritt und dafür gibt es keine rechtliche Absicherung in Deutschland. Außerdem sind Dokumente, Adoptionsverfahren usw. nicht für gleichgeschlechtliche Eltern oder Mehrelternfamilien ausgelegt.“ (lesbische Frau, 35 Jahre)

„Als Regenbogenfamilie erfahren wir immer wieder Skepsis, Ablehnung oder unbegründete und übergriffige Fragen. Zum Beispiel wurden wir von der Leitung der Krippe über den biologischen Ursprung unseres Sohnes und gab uns dann ihre ausführliche Meinung dazu. Sie lehnte es ab. Wir erleben das sehr oft als Eltern und das ist sehr unerfreulich.“ (lesbische Frau, 37 Jahre)

Aus Deutschland haben sich insgesamt 16.119 Menschen an der Umfrage beteiligt. 19% davon waren lesbische Frauen (ca. 3.100), 47% schwule Männer (ca. 7.600), 9% bisexuelle Frauen (ca. 1.450), 7% bisexuelle Männer (ca. 1.100), 17% trans* Personen (ca. 2.750) und 1% inter* Personen (ca. 160).

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