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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

In Tunesien gestrandet: Hilfe für queere Geflüchtete

Projekt von Mawjoudin, unterstützt von Hirschfeld-Eddy-Stiftung und Auswärtigem Amt

Tunesien verfügt weder über ein eigenes nationales Asylverfahren noch staatliche Strukturen, die sich speziell um Schutzsuchende kümmern. In dieser schwierigen Gemengelage leiden besonders die vulnerablen Per­sonen, darunter queere Menschen, wie Les­ben, Schwule, Bisexuelle und trans- und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI).

In den letzten drei Jahren hat sich die Zahl der Geflüchteten und Asyl­suchen­den in Tunesien nach den Zahlen des UN-Flüchtlingskom­­mis­sa­riat (UNHCR) verfünffacht. Bis zum Ende dieses Jahres wird eine Zu­nahme auf 5.000 erwartet. Die Schutz­­suchen­den kommen überwiegend aus Syrien und aus Sub­­sahara-Af­rika, immer mehr aber auch aus dem Nachbarland Libyen.

Besonders vulnerabel

Tunesien ist mit den sich hieraus ergebenden Herausforderungen stark gefordert. Das Land verfügt weder über ein eigenes nationales Asylverfahren noch staatliche Strukturen, die sich speziell um die Schutzsuchenden kümmern. Die nach internationalen Regeln vorgesehenen Verfahren werden vom UNHCR vor Ort durchgeführt. In dieser schwierigen Gemengelage leiden besonders die vulnerablen Per­sonen, darunter queere Menschen, wie Les­ben, Schwule, Bisexuelle und trans- und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI). Die Verfahren sehen keine besondere Rücksichtnahme auf diese Personengruppe vor, obwohl sie als Migrant*­innen und sexuelle Minderheit oft einer doppelten Diskriminierung ausgesetzt sind.

Zwar bieten verschiedene humanitäre Orga­ni­sa­tionen Geflüchteten Hilfe und Unter­stützung, diese Angebote berücksichtigen aber ebenfalls nicht die besonderen Bedürf­nisse von LSBTI. Bei unserer tunesischen Partnerorganisation Mawjoudin gingen deshalb immer häufiger Hilferufe ein. In Notfalleinsätzen wurde z.B. gefährdeten Personen Schutz geboten. Aus diesem Grund hat Mawjoudin mit Hilfe der Hirschfeld-Eddy-Stiftung bereits in 2019 das Projekt „Hilfe für queere Flüchtlinge in Tunesien“ gestartet. Finanziert wird das Projekt überwiegend mit Mitteln des Auswärtigen Amts.

Sensibilisierung, Vernetzung, Empowerment

Das Projekt wird von einer tunesischen Psy­chologin mit internationaler Erfahrung in der Arbeit mit Geflüchteten geleitet. Zu Beginn wurden vom Projektteam zunächst die Strukturen und die involvierten Organisationen ermittelt, um sich mit diesen zu vernetzen. Der Wunsch nach Vernetzung fiel dabei auf fruchtbaren Boden, weil die schwierige Lage von LSBTI bekannt war. Viele Angesprochene, darunter auch Vertreter*innen des UNHCR selbst, waren dankbar für die Initiative von Mawjoudin und folgten bereitwillig einer Einladung zu einem Round Table. Dort wurde offen über die existierenden Probleme und die besonderen Schutzbedürfnisse gesprochen.

Weitere Gespräche folgten, und so entwickelte sich die Idee für einen Workshop, bei dem insgesamt 19 Vertreter*­innen von zwölf Organisationen gemeinsam eine Liste mit Empfehlungen und Maßnahmen erarbeiteten, um die Situation von geflüchteten LSBTI in Tunesien zu verbessern. Von einer Sensibilisierung der Akteur*innen bis zur Schaffung von Schutzräumen wurden viele Dinge identifiziert, die nun in die Praxis umzusetzen sind.

Aber auch unmittelbar für die ge­flüch­teten LSBTI hat das Pro­jekt be­reits Angebote und Hilfen ge­schaf­fen: einen Ratgeber in drei Spra­chen, ein Infovideo, einen „Welcome Day“ sowie Workshops und Beratungs­­an­gebote.

Corona als neue Herausforderung

Alles das hat schon 2019 einiges bewirkt. Doch schon zu Beginn des Pro­jektes war klar, dass es auch in 2020 weiter­gehen muss. Durch die Co­rona-­Pan­demie stellten sich je­doch schnell schwie­rige Herausforde­run­gen. Es be­durfte einer sofor­tigen An­­pas­­sung der Planung. In Vi­deo­kon­­fe­ren­zen und durch digi­tale Me­dien wur­den In­for­ma­ti­onen zur Pan­demie geteilt. Beraten wird nur noch per Tele­fon oder E-Mail.

Zudem hat Mawjoudin verschiedene Ver­ein­barungen geschlossen, um den nun noch mehr in finanzielle Nöte geratenen LSBTI einen einfachen Zugang zu Essen, Hygieneartikeln und medizinischer Versorgung zu gewähren. Die Notwendigkeit der Hilfe hat sich durch die Krise nicht geändert. Sie muss nun auf anderem Wege angeboten werden und den Betroffenen stärker unmittelbar zu Gute kommen.

Guido Schäfer
Hirschfeld-Eddy-Stiftung

Der Beitrag erschien auch in der neuen Ausgabe der LSVD-Zeitschrift respekt! vom Februar 2021.

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