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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

LGBTQI* am Arbeitsmarkt: Hoch gebildet und oftmals diskriminiert

Neue Studie des Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung über Situation am Arbeitsplatz

LGBTQI* haben im Schnitt eine bessere Schul- und Berufsausbildung als die restliche Bevölkerung. Der Arbeitsplatz ist ein relativ häufiger Diskriminierungsort für LGBTQI*. Jede*r Dritte ist gegenüber Kolleg*innen ungeoutet oder eher verschlossen.

Ob das Familienfoto auf dem Schreibtisch, der Small Talk über die Urlaubspläne mit der Partnerin oder die Einladung für den Partner zur Betriebsfeier – Heterosexuelle sprechen am Arbeitsplatz so selbstverständlich wie unbewusst über ihre sexuelle Identität. Obgleich immer mehr LGBTQI* diese Offenheit für sich ebenfalls in Anspruch nehmen, müssen sie weiterhin mit Belästigungen, Mobbing und Diskriminierungen am Arbeitsplatz rechnen.

Im September 2020 hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Ergebnisse einer neuen Befragung veröffentlicht. Das Sample besteht aus 4.300 LGBTQI* zwischen 18 und 65 Jahren, deren Antworten mit denen von 16.880 cisgeschlechtlichen und heterosexuellen Menschen verglichen wurden.

LGBTQI* haben im Schnitt bessere Schul- und Berufsausbildung

60% der LGBTQI* haben danach die (Fach)Hochschulreife (im Vergleich zu 42% der cisgeschlechtlichen und heterosexuellen Menschen). Jede*r Vierte hat einen Hochschulabschluss, d.h. 26,4% der LGBTQI* im Gegensatz zu 15,8% der nicht LGBTQI*. Während 39% der cisgeschlechtlichen und heterosexuellen Menschen den Weg der Lehre und Berufsausbildung gehen, entscheiden sich dafür nur 27% der LGBTQI*.

Für Unternehmen sind LGBTQI* folglich eine hochqualifizierte Gruppe.

Sie sind häufiger in Gesundheits- und Sozialwesen beschäftigt.

Knapp jede*r vierte LGBTQI*-Befragte (24%) war im Gesundheits- und Sozialwesen beschäftigt, deutlich häufiger als heterosexuelle cis Beschäftigte (16%). Im primären Sektor waren es dagegen nur 17% im Vergleich zu 28%. Bei der Betriebsgröße lassen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen LGBTQI* und der restlichen Bevölkerung feststellen. Auch in kleinen Betrieben arbeiten LGBTQI*.

Branche heterosexuelle und cisgeschlechtliche Menschen LGBTQI*
Primärer Sektor (Land-/Forstwirtschaft, Fischerei, Bergbau, verarbeitendes Gewerbe, Energie-/ Wasserversorgung, Abfallentsorgung, Baugewerbe) 28,3% 17,2%
Handel, Reparatur von Kfz, Gastgewerbe 13,9% 11,6%
Verkehr und Lagerei, Kommunikation 9,2% 9,4%
Finanz-/Versicherungsdienstleistungen, Grundstücks-/ Wohnungswesen, wirtschaftliche Dienstleistungen 13,0% 12,4%
Öffentliche Verwaltung u.ä. 7,5% 7,8%
Erziehung und Unterricht 8,0% 10,9%
Gesundheits- und Sozialwesen 16,0% 23,7%
Kunst, Unterhaltung und Erholung, sonstige Dienstleistungen, private Haushalte 4,1% 7,1%

Der Arbeitsplatz ist ein relativ häufiger Diskriminierungsort für LGBTQI*.

30% von LGBQTI* haben in den letzten zwei Jahren Diskriminierung im Arbeitsleben erfahren, 43% der trans* Personen. Damit ist der Arbeitsplatz ein relativ häufiger Diskriminierungsort.

Diskriminierungsorte in den letzten zwei Jahren

  • Öffentlichkeit/ Freizeit: 40%
  • Privatbereich: 30%
  • Arbeitsleben: 30%
  • Geschäfte/ Dienstleistungsbereich: 28%
  • Bildungsbereich: 23%
  • Gesundheits-/Pflegebereich: 14%
  • Wohnungsmarkt: 13%
  • Ämter und Behörden: 13%
  • Polizei: 6%

Jede*r Dritte ist gegenüber Kolleg*innen ungeoutet oder verschlossen.

Jede*r Dritte ist gegenüber Kolleg*innen ungeoutet oder verschlossen, 40% gegenüber den Vorgesetzten. Diese Offenheit ist abhängig von Wirtschaftszweigen/ Beschäftigungsbereichen. So sind LGBTQI* häufiger im Gesundheits- und Sozialwesen (74,5%) als im produzierenden Gewerbe und primären Sektor (57,3%) geoutet.

Geoutet sind in

  • Land-/Forstwirtschaft, Fischerei, Bergbau, verarbeitendes Gewerbe, Energie-/Wasserversorgung, Abfallentsorgung, Baugewerbe: 57,3%
  • Handel, Reparatur von Kfz, Gastgewerbe: 76,9%
  • Verkehr und Lagerei, Kommunikation: 68,6%
  • Finanz-/Versicherungsdienstleistungen, Grundstücks-/Wohnungswesen, wirtschaftliche Dienstleistungen: 69,8%
  • Öffentliche Verwaltung u.ä.: 76,8%
  • Erziehung und Unterricht: 76,1%
  • Gesundheits- und Sozialwesen: 74,5%
  • Kunst, Unterhaltung und Erholung, sonstige Dienstleistungen, private Haushalte: 76,9%

DIW-Studie 2017: Unterschiede in Bezug auf Einkommensnachteile („sexuality pay gap“) und Erwerbssituation

Im August 2017 hat das Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erstmals beruhend auf den Befragten im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) Zahlen zu Lesben, Schwulen und Bisexuellen vorgelegt.

Danach gibt es neben einem gender pay gap auch ein „sexuality pay gap“ bei Männern. Heterosexuelle Männer verdienen danach am meisten – sie haben einen mittleren Stundenlohn von 18,14€. Schwule Männer verdienen 16,40€ die Stunde, lesbische Frauen 16,44€ und heterosexuelle Frauen 14,40€.

Nach Berücksichtigung von Alter, Stellung, Branche, Wochenstunden und Qualifikation steigt diese Differenz zwischen schwulen und bisexuellen Männern auf der einen, und heterosexuellen Männern auf der anderen Seite. „Stundenlöhne homosexueller Frauen unterscheiden sich in statistisch signifikanter Weise weder von den Stundenlöhnen homosexueller Männer noch heterosexueller Frauen.“

Die DIW kommt aber auch zu dem Ergebnis: „Da es unter LSB mehr Doppelverdiener-Haushalte gibt und die Haushalte im Durchschnitt kleiner sind als bei Heterosexuellen, bedeuten diese Lohndifferenzen zunächst keinen Nachteil beim verfügbaren Haushaltseinkommen.“

In der SOEP-Kern-Stichprobe gab es 2016 erstmals eine direkte Frage nach der sexuellen Orientierung in den Fragebogen. Es gibt nur geringe Fallzahlen – die Ergebnisse beruhen auf einem Sample von 459 homo- und bisexuellen und 39.100 heterosexuellen Befragten.

Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat zur Frage nach Gehaltsunterschieden 46 wissenschaftliche Arbeiten aus elf OECD-Ländern ausgewertet. Danach verdienen Frauen im Schnitt 21% weniger als Männer. Bereinigt von strukturellen Unterschieden wie Berufswahl, Beschäftigungsumfang, Bildungsstand oder Berufserfahrung sind es immer noch 6% weniger Gehalt für die gleiche Arbeit.

Lesbische Frauen verdienen 4% mehr als heterosexuelle Frauen während schwule Männer für die gleiche Arbeit 5% weniger als heterosexuelle Männer bekommen. Trans* Frauen verdienen 11% weniger als cisgeschlechtliche Frauen. Ihre Erwerbstätigkeitsrate liegt 24% zurück.

Quellen

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