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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

LSBTIQ*-Feindlichkeit gegenüber Jugendlichen

Strategien und Handlungsempfehlungen

Welche Bedarfe haben junge queere Menschen, um sich frei und selbstbestimmt zu entwickeln und welche Erfahrungen im Umgang mit LSBTIQ*-Feindlichkeit gibt es aus der Jugendverbandsarbeit?

In Jugendvereinen und Projekten der Kinder- und Jugendhilfe sollen sich alle jungen Menschen sicher und wertgeschätzt fühlen. Dies ist jedoch nicht immer der Fall. So sind Ausgrenzung und Mobbing für junge Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen (LSBTIQ*) häufig noch ein Problem. Nicht selten fehlt es an Sichtbarkeit und einem diskriminierungsfreien Umgang mit Themen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt. Welche Bedarfe haben junge queere Menschen, um sich frei und selbstbestimmt zu entwickeln und welche Erfahrungen im Umgang mit LSBTIQ*-Feindlichkeit gibt es aus der Jugendverbandsarbeit?

Ergebnisse und Handlungsempfehlungen des Talks im Rahmen des Regenbogenparlaments 2021 mit Rebecca Herzberg (Projektreferentin Jugendnetzwerk Lambda und Jugendbildungsreferentin Queeres Jugendnetzwerk Lambda Niedersachsen-Bremen), Patrick Wolf (Büroleiter / Queer-Beauftragter beim Bayerischen Jugendring).

Diskriminierungserfahrungen von queeren Jugendlichen

2021_wt_jugend_gewalt_offenheit_der_einrichtungen_sibylle_reichel.pngPatrick Wolf (BJR) thematisierte in seinem Impuls Diskriminierungserfahrungen von jungen LSBTIQ* in der Jugendarbeit in Bayern. Studien gehen davon aus, dass ca. 7,4 % der Menschen in Deutschland nicht heterosexuell bzw. nicht cis-geschlechtlich sind. Das bedeutet für die Jugendarbeit, dass in jeder Gruppe statistisch eine Person ist, die nicht der binären Geschlechterordnung entspricht oder heterosexuell ist. Es ist also wichtig, sich sowohl mit den Diskriminierungserfahrungen als auch mit den präventiven Ansätzen auseinanderzusetzen. Auch im aktuellen 16. Kinder- und Jugendbericht ist das Thema präsent. Hier werden Aufklärungsprojekte und Bildungsinitiativen angeregt, um Diskriminierung vorzubeugen und um die bestehenden Geschlechter- und Sexualitätsnormen aufzubrechen. Gleichfalls soll die politische Bildung vielfältige Lebensweisen und Identitäten thematisieren. Darüber hinaus empfehlen die Expert*innen den Ausbau von geschützten Räumen für LSBTIQ*, damit verstärkt mehrfach benachteiligte Kinder und Jugendliche sowie auf dem Land lebende LSBTIQ* Zugang zu Unterstützungs- und Beratungsangeboten haben.

Zu Diskriminierungserfahrungen in Deutschland zitierte Patrick Wolf eine Studie der Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes. Gerade beim Diskriminierungsrisiko zeigt sich, dass dieses abhängig ist von Diskriminierungsmerkmalen, vor allem wenn mehrere Merkmale zusammentreffen. Die häufigsten Orte, an denen Diskriminierungserfahrungen gemacht werden, sind das Arbeitsleben, die Öffentlichkeit und Freizeit sowie Geschäfte (deckungsgleich mit den Ergebnissen des Kinder- und Jugendberichts). Die Ergebnisse der ADS zeigen auch, dass sechs von zehn Personen, die von Mobbing betroffen waren, sich dagegen gewehrt haben, indem sie entweder darauf aufmerksam gemacht oder versucht haben, andere unbeteiligte Personen in das Geschehen unmittelbar mit hinzuzuziehen oder auch sich bei offiziellen Stellen zu beschweren oder juristische Schritte über Beratungsstellen einzuleiten.

Die Studie “Coming Out und dann?“ kommt zu dem Ergebnis, dass es im ländlichen Raum oftmals an Unterstützungsangeboten fehlt, während in Städten und Ballungsräumen entsprechende Strukturen vorhanden sind. Leider sind Unterstützungsangebote unter den LSBTIQ* Jugendlichen zu wenig bekannt. Die Studie „Queeres Leben in Bayern“ befragte 900 Jugendliche ab 16 Jahren zu ihren Diskriminierungserfahrungen: 48 % haben Diskriminierung in den letzten drei Jahren erlebt, 42 % wurden beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht und jede fünfte Person sogar sexuell belästigt. Die Wenigsten melden entsprechende Vorfälle bei der Polizei oder suchen Beratungsstellen auf: Insgesamt nur 20 Personen haben Anzeige erstattet, 46 Befragte suchten eine Beratungsstelle auf.

2021_wt_jugend_gewalt_fortbildungen_sibylle_reichel.pngWeiter berichtete Patrick Wolf, dass auch in Bayern keine explizite Polizeistatistik in Bezug auf Delikte gegen die sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Identität geführt wird, aber die LSBTIQ*-Fachstelle „Strong!“ in München bereits seit 1993 Gewalt- und Diskriminierungsfälle gegen queere Menschen untersucht. Allein im Jahr 2020 wurden 101 solcher Fälle dokumentiert. Allerdings werden viele Delikte gar nicht erst gemeldet, es besteht also eine hohe Dunkelziffer. Um die Versorgungslage von Unterstützungsangeboten für LSBTIQ* Jugendlich in Bayern zu verbessern, planen der LSVD Bayern, die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und der BJR im Rahmen des Modellprojektes den Aufbau einer queeren Plattform, um Beratungsstrukturen und Informationsstellen sichtbarer zu machen und ein queeres Netzwerk Bayern zu etablieren.

Welche Bedarfe haben junge queere Menschen, um sich frei uns selbstbtesimmt zu entwickeln?

Rebecca Herzberg hat das Landesnetzwerk Queere Jugend Niedersachsen mit aufgebaut. Dieses Jahr wurde daraus der Verein Queeres Jugendnetzwerk Lambda Niedersachsen-Bremen e.V. gegründet. Außerdem hat sie die Qualitätsstandards und einen Leitfaden für queere Jugendarbeit erstellt und ist landesweit auch für Fortbildungsveranstaltungen, Workshops und Beratung unterwegs. Zur Situation von queeren Jugendlichen in Deutschland bezog sich Rebecca Herzberg auf das Alter und die Bedingungen des Coming-outs von Jugendlichen. Das Alter des inneren Coming-out bezüglich der sexuellen Orientierung liegt durchschnittlich zwischen 13 und 15 Jahren, das äußere Coming-out findet erst mit 17 Jahren statt. Bei transgeschlechtlichen Jugendlichen findet das äußere Coming-out mit 18 Jahre statt, wobei das innere Coming-out bereits einige Jahre früher begonnen hat. Die Zeit der Geheimhaltung der geschlechtlichen Identität liegt bei Trans* Frauen bei ca. sieben Jahren, bei Trans* Männern dauert sie ca. vier Jahre und bei nicht-binären Personen drei bis vier Jahre. Die Dauer der Geheimhaltung kann mit den negativen Erfahrungen erklärt werden, denn sehr häufig wird die geschlechtliche Identität nicht ernst genommen, ignoriert oder aber viel zu stark betont. Die Menschen erfahren Beleidigungen, werden lächerlich gemacht von der eigenen Familie, in der Schule, am Ausbildungs- oder Arbeitsplatz und im Freund*innenkreis. Dies wiederum führt dazu, dass junge LSBTIQ* Personen doppelt so häufig von psychischen Erkrankungen betroffen sind und die Suizidrate um ein Vielfaches höher ist, auch sind sie vermehrt von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit bedroht.

Im Vergleich beschäftigen sich heterosexuelle Peers vornehmlich mit den Themen: finanzielle Sorgen, körperliche Aspekte und ihrer Ausbildung. Diese Themen kommen bei queeren Jugendlich auch noch hinzu und diese doppelte Belastung in der Adoleszenzphase sowie der erhöhter Informationsbedarf steigern den psychischen Stress der Jugendlichen.

Vielfalt von Körpern und Geschlechtlichkeit ist ein wichtiges Thema in der Jugendarbeit, denn Jugendliche setzen sich mit den Entwicklungsprozessen während der Adoleszenz auseinander. Laut Rebecca Herzberg wünschen sich viele Jugendliche explizit queere Sexualaufklärung. Um das Thema queer-kompetent aufzugreifen, braucht es Wissen zu Geschlechterrollen, Komponenten sexueller Identität und Orientierung. Neben den Themen Sexualität, Beziehungen und Liebe müssen auch Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit, Diskriminierung, Menschenrechte, rechtliche und soziale Situation in Vergangenheit und Gegenwart in Deutschland und weltweit sowie die Ehe und Regenbogenfamilien thematisiert werden. Perspektivwechsel und Selbstreflexion sind nützlich, um sich in die Lage von Menschen verschiedener sexueller Orientierungen und in die Lebenswelten von queeren Jugendlichen hineinzuversetzen.

2021_wt_jugend_gewalt_regenbogenkompetenz_sibylle_reichel.pngWas können gerade Fachkräfte und Lehrkräfte tun, um Jugendliche zu unterstützen, zu stärken? Dazu braucht es Gender- bzw. Queer-Kompetenzen, auch Regenbogenkompetenz genannt. Auf der Sachebene ist es wichtig, historische Entwicklungen zu kennen, zu wissen, dass gerade schwule Männer aber auch lesbische Frauen* lange unter dem Paragrafen 175 verfolgt wurden. Das Wissen um die Verfolgungs- und Emanzipationsgeschichte ist wichtig, um Kindern und Jugendlichen zu verdeutlichen, dass gesellschaftliche Veränderungen durch aktive Teilhabe möglich sind. Gleichzeitig besteht auch immer die Gefahr des Rollbacks.

In Bildungsmaterialien sollte gesellschaftliche Vielfalt sichtbarer werden. Wer hier nicht vorkommt, erfährt oft auch gesellschaftliche Ausgrenzung. Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe müssen sich auch kritisch mit der vorherrschenden Heteronormativität und traditionellen Geschlechterrollen auseinandersetzen und eigene Vorurteile reflektieren. Wer auch die eigenen Vorurteile kritisch reflektiert, kann sich effektiver für die Akzeptanz von vielfältigen Lebensweisen und Identitäten einsetzen. Dabei ist es wichtig, das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt nicht nur in den Regelstrukturen zu verankern, sondern auch geschützte Räume für junge LSBTIQ* zu schaffen.

2021_wt_jugend_gewalt_freizeitangebote_sibylle_reichel.pngWenn junge LSBTIQ* die Beratungs- und Unterstützungsangebote der Regelstrukturen nicht nutzen, liegt es entweder an den fehlenden Strukturen vor Ort, der Befürchtung von fehlender Sensibilität für LSBTIQ*-Themen oder am fehlenden Wissen über die Arbeit der Projekte und Zentren. Wichtig sind darüber hinaus Online-Angebote. Jugendliche kennen nicht nur zahlreiche Internetseiten, sie nutzen sie auch sehr viel.

Handlungsempfehlungen

  • Diversitätsorientierte Personalauswahl. Personen, die nicht der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft angehören oder nicht cis-geschlechtlich sind, genießen einen gewissen Vertrauensvorschuss und sind gute Ansprechpersonen für junge LSBTIQ
  • Regenbogenkompetenz von Fachkräften erhöhen - Fortbildungen für Fachkräfte sollten enthalten: Szene-internes Wissen der Community, Hintergrundwissen der Geschlechtervielfalt, rechtliches Grundwissen, Kenntnisse über historische Entwicklungen.
  • Vernetzung und Austausch mit queeren Projekten und Vereinen fördern
  • Vielfalt in der Arbeit sichtbar und erlebbar machen. Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit müssen die Offenheit und Akzeptanz gegenüber vielfältigen sexuellen und geschlechtlichen Identitäten sichtbar machen, bei ihren (virtuellen) Auftritten, in ihren Räumen und der Themenauswahl von Veranstaltungen und Gruppenangeboten oder auch in der Trägerkonzeption bzw. Vorstellung der Einrichtung.
  • Förderung und Unterstützung von bestehenden queeren Jugendgruppen
  • Queere Lebensweisen und Identitäten in Informationsmaterialien und Beratungsangebote (online/offline) aufnehmen
  • Klare Haltung in der eigenen Arbeit gegen LSBTIQ*-feindliche Einstellungen oder Ideologien zeigen
  • Strukturen, Methoden kritisch auf vorhandene Exklusion und Diskriminierung überprüfen und anpassen.
  • Geschlechtergerechte Sprache (keine binäre Abfrage von Geschlecht/Anrede in Formularen und Fragebögen). In Kursen oder bei Gruppentreffen nach dem Pronomen bzw. gewünschte Anrede fragen.
  • Umgang mit Diskriminierung im Team besprechen und gemeinsame Handlungsmöglichkeiten erarbeiten.
  • Barrieren in der Einrichtung abbauen (geschlechterneutrale Toiletten und Umkleideräume)
  • Zielgruppenspezifische Angebote für LSBTIQ* Jugendliche machen. Gerade die Jugendverbandsarbeit kann pragmatisch an Themen herangehen, z. B. mit einer Jugendgruppe einen CSD besuchen, einen Themenabend gestalten und Begegnungen mit Expert*innen aus der LSBTIQ* Community schaffen.

Das Regenbogenparlament 2021 war eine Veranstaltung im Rahmen des Kompetenznetzwerks "Selbst.verständlich Vielfalt". Das Kompetenznetzwerk "Selbst.verständlich Vielfalt" ist das Kompetenznetzwerk "Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit" im Bundesprogramm "Demokratie leben!".

Ansprechpersonen für das LSVD-Projekt im Kompetenznetzwerk sind Jürgen Rausch / René Mertens: koordinierungsstelle@lsvd.de

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