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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

LSBTIQ*-inklusive Gewaltschutzprävention in Jugendfreizeiteinrichtungen

Strategien und Handlungsempfehlungen

Wie können Fachkräfte in Jugendtreffs mit LSBTIQ*-feindlichen Haltungen und Gewalt umgehen? Wie können die Bedarfe von queeren Jugendlichen stärker in bestehenden Angeboten berücksichtig werden? Was braucht es, um queere Jugendarbeit in der eigenen Einrichtung anzubieten bzw. queeren Jugendgruppen die Nutzung der Räume zu ermöglichen?

LSBTIQ*-inklusive Gewaltschutzprävention in Jugendfreizeiteinrichtungen - Strategien und Handlungsempfehlungen

Lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, intergeschlechtlich oder queer (LSBTIQ*) zu sein, ist in unserer Gesellschaft noch immer nicht selbstverständlich. Damit haben vor allem auch junge LSBTIQ* zu kämpfen. Kinder und Jugendliche, die der heterosexuellen oder auch herrschenden binärgeschlechtlichen Normvorstellungen nicht entsprechen, sind zunehmend mit Anfeindungen konfrontiert. Die Studie „Queer Freizeit“ hat gezeigt, dass nur ein kleiner Teil der jungen LSBTIQ* in Jugendzentren geht, die sich nicht explizit an Queers richten. Fehlende Sichtbarkeit von vielfältigen Lebensweisen und Identitäten sowie die Angst vor Anfeindungen und Herabsetzung können dafür Gründe dafür sein.

Wie können Fachkräfte in Jugendtreffs mit LSBTIQ*-feindlichen Haltungen und Gewalt umgehen? Wie können die Bedarfe von queeren Jugendlichen stärker in bestehenden Angeboten berücksichtig werden? Was braucht es, um queere Jugendarbeit in der eigenen Einrichtung anzubieten bzw. queeren Jugendgruppen die Nutzung der Räume zu ermöglichen?

Darüber diskutierten im Rahmen des Regenbogenparlaments 2021 Dr. Kerstin Oldemeier (Soziologin / Geschlechter- und Jugendforschung) und Sigrid Laber (Leitung Queer Youth Heidelberg /Jugendtreff Kirchheim, Internationaler Bund).

Queere Freizeit – Empirische Erkenntnisse: Exklusion, Diskriminierungserfahrungen und Inklusion queerer junger Menschen

Dr. Kerstin Oldemeier stellte die Erkenntnisse der Studie „Queere Freizeit“ (2018) vor. Die Studie betrachtete Inklusions- und Exklusionserfahrungen junger queerer Menschen in Sport und Freizeit. Dies Ergebnisse zeigen, dass nur jede*r dritte queere Jugendliche Angebote in Jugendfreizeiteinrichtungen nutzt. Junge LSBTIQ* haben allgemein wenig Anbindung an organisierte Jugendangebote, im Hinblick auf die Corona-Situation war dies eine besonders schlechte Ausgangslage. Die Gründe, weshalb die Jugendgruppen und Freizeiteinrichtungen von jungen Queers nicht genutzt werden, sind unterschiedlich:

  • generell nicht von Interesse für mich
  • es gibt in der Nähe keine Gruppe für deren Thema ich mich interessiere
  • große Unsicherheit, was sie dort erwartet.

Diskriminierungs- und Exklusionserfahrungen im Freizeitbereich:

  • Fast 98% berichteten, dass sie in ihrer Freizeit aufgrund ihrer nicht-heterosexuellen rp6a_diskriminierung_und_exklusion.pngOrientierung oder nicht-cisgeschlechtlichen Zugehörigkeit Diskriminierungserfahrungen gemacht haben.
  • Diskriminierungserfahrungen fanden am häufigsten im Internet, in Cafés, Clubs und im öffentlichen Raum statt.
  • Über 90 % berichteten von abwertenden Witzen über sie, gefolgt von LSBTIQ*-feindlichen Schimpfwörtern.
  • Angestarrt und beobachtet werden, wird häufiger von nicht-cisgeschlechtlichen Jugendlichen erfahren, sowie Beleidigungen, Beschimpfungen oder lächerlich gemacht werden sowie ausgeschlossen, ausgegrenzt zu werden.

Die Daten zeigen auch, dass sich Angebote der Gewaltprävention für queere Jugendliche öffnen müssen, vor allem in Bezug auf sexualisierte Gewalt, denn 36% der nicht-heterosexuellen und fast 44% der nicht cis-geschlechtlichen Jugendliche mussten bereits sexuelle Beleidigung und Belästigung erleben.

Über 90 % der queeren Jugendlichen gaben an, in queer-spezifischen Angeboten inklusive Erfahrungen gemacht zu haben. Sie erfuhren Akzeptanz, gleiche Rechte, mussten auf nichts verzichten, fühlten sich zugehörig, gut aufgehoben, frei und selbstbestimmt und sicher.

Auch sollte der Gewaltbegriff erweitert werden. Gewalt darf nicht nur auf körperlich Gewalt reduziert werden darf. Verbale Gewalt (Beleidigungen) und strukturelle Gewalt in Form von expliziten und impliziten Ausschlüssen aus Angeboten der Jugendhilfe aber auch subtile Gewalt, wie anstarren sollten unbedingt auch in den Blick genommen und als Form von Gewalt anerkannt werden.

Wie wichtig es ist auch verbale Gewalt zu berücksichtigen, bewies auch die Studie „Coming-out und dann?“. Im Zusammenhang mit der Reaktion von Lehrkräften auf LSBTIQ*-feindliche Äußerungen zeigte sich, dass:

  • 43% der Befragten die Erfahrung gemacht hatten, dass Lehrende bei LSBTIQ*-feindliche Schimpfwörter nicht reagieren.
  • 45% gaben an, dass sie es noch nie erlebt hatten, dass Lehrende reagieren würden, wenn Mitschüler*innen aufgrund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität geärgert werden.

Kerstin Oldemeier ging in ihrem Vortrag davon aus, dass diese Erfahrungen mit Lehrkräften auch auf Erfahrungen mit anderen Erwachsenen übertragen werden können. Für die Arbeit im Rahmen der Gewaltprävention heißt das, dass geschlechtliche Stereotype allgemein und queer-spezifische Stereotype im Besonderen ausnahmslos benannt, aufgebrochen und kritisch hinterfragt werden sollten - von allen Menschen, aber insbesondere von pädagogischen Fachkräften.

rp6c_csd_als_gemeinschaftsort.pngDie Studie „Queere Freizeit“ fragte auch ab, welche Angebote der Jugendarbeit von queeren Jugendlich wie genutzt werden. Am häufigsten werden Angebote mit LSBTIQ*-Bezug genutzt, um Leute kennenzulernen sowie Freund*innen zu treffen. Nicht spezifische Angebote wurde am häufigsten genutzt, um Angebote selbst zu gestalten (Raumnutzung), Bildungsangebote zu gestalten oder auch zu nutzen. Der CSD ist für die meisten jungen Menschen der erste Ort, an dem sie mit anderen Queers in Kontakt treten können, an dem sie von spezifischen Angeboten erfahren und auch heute noch vielfach die erste Gelegenheit bei der sie erfahren, dass sie nicht allein sind.

Handlungsmöglichkeiten

  • Queerspezifische Angebote sollten konzeptionell in der Kinder- und Jugendarbeit rp6d_inklusion_in_queerspez_angeboten.pngverankert werden.
  • Institutionen und Fachkräfte sollten ihre Offenheit für alle Kinder und Jugendlichen deutlich nach außen zeigen (z.B. Regenbogenflagge am Eingang), auf niedrigschwellige Zugänge achten, Diskriminierung begegnen, entsprechende Richtlinien und Verhaltenskodexes festschreiben sowie spezifische Aus-Fort- und Weiterbildung nutzen.

Praxisbeispiel: Empowerment und Gewaltprävention für LSBTQIA+ Jugendliche

In ganz Baden-Württemberg existiert lediglich ein queeres Jugendzentrum, ansonsten gibt es Jugendgruppen, die sich entweder selbst organisieren oder an queere Initiativen angebunden sind und einige wenige Jugendzentren halten spezielle Öffnungszeiten und Angebote für queere Jugendliche bereit. Die Situation in Baden-Württemberg lässt sich größtenteils auch auf andere Bundesländer übertragen und verdeutlicht, dass es keine flächendeckende Versorgung für queere Jugendliche gibt. Sigrid Laber betonte, dass gerade der ländliche Raum noch extrem unterversorgt ist und dies bedeutet besonders für jüngere Jugendliche, die keine große Mobilität besitzen, dass ihnen wichtige Anlaufstellen und Begegnungsorte fehlen.

Queer Youth Heidelberg

Das Angebot von Queer Youth Heidelberg ist ein offenes Freizeitangebot für LSBTQIA+Jugendliche bis 18 Jahre. Seit Mai 2018 finden 14-tägliche Treffen in den Räumen eines Jugendhauses statt. Zusätzlich gibt es gezielte Ferienaktionen und es wird die Teilnahme an externen Veranstaltungen organisiert. Das Angebot wurde zunächst durch unterschiedliche Projektfördermittel finanziert und wird jetzt durch einen städtischen Zuschuss ermöglicht. Die Jugendlichen kommen nicht nur aus Heidelberg, sondern auch aus angrenzenden Stadt- und Landkreisen und nehmen dafür teilweise lange Anfahrtswege in Kauf.

Konkrete Strategien zur Gewaltprävention, die im Jugendhaus Anwendung finden:

  • Intervention bei Mobbing und Diskriminierung
  • Klare Haltung für die Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in den Leitlinien, der Konzeption und der Hausordnung
  • Teamübergreifend werden binäre Geschlechternormen hinterfragt und gendersensible Sprache genutzt
  • Es werden Räume zur Diskussion zu Vorbehalten und Unsicherheiten aller Jugendlichen mit Themen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt geschaffen.
  • Nutzung des Peer-to-Peer-Ansatz zur Aufklärung und zum Austausch zwischen Besucher*innen des Jugendhauses und Queer Youth
  • Niedrigschwelliger Zugang zu Informations- und Aufklärungsmaterial

Seit 2021 konnte durch eine Förderung der Aktion Mensch zusätzlich das Projekt PEP - Netzwerk Prävention und Empowerment für LSBTQIA*Jugendliche gestartet werden. Es beinhaltet die Sensibilisierung und Qualifizierung von pädagogischen Fachkräften der Jugendarbeit und Schulsozialarbeit in Heidelberg.Derzeit findet dazu die Erstellung einer Methoden- und Informationssammlung zur jugend- und bedarfsgerechten Bearbeitung der Themas LSBTQIA+ und deren Anpassung für Jugendliche mit geistigen und körperlichen Einschränkungen statt, denn diese werden bisher kaum erreicht. Weiter wird eine Schulung von Jugendlichen in der Durchführung von Aktionen und Workshops in Schulen und Jugendhäusern stattfinden sowie öffentliche Veranstaltungen, um die Sichtbarkeit queerer Jugendlicher zu erhöhen. Darüber hinaus wird eine effizientere Zusammenarbeit aller Akteur*innen und Initiativen im Bereich Antidiskriminierungs- und Präventionsarbeit angestrebt.

rp6e_erneuerung_der_gesetzeslage.pngHandlungsempfehlungen

  • Instrument zur Reflektion - „Heterosexuelle Fragebogen“
  • Checkliste, Aktionsplan, Handlungsempfehlungen und konkrete Handlungsstrategien für Jugendfreizeiteinrichtungen
  • Fachkräfte müssen zum Thema Gewaltschutz allgemein, insbesondere bezüglich LSBTIQ* Jugendlicher, eine Haltung entwickeln und auch leben.
  • Auch Pädagog*innen, die sich nicht dem queeren Spektrum zuordnen, sind in der Lage ein queeres Jugendangebot durchzuführen, wenn sie sich empathisch und parteilich den queeren Jugendlichen gegenüber zeigen und bereit sind, mit und von ihnen zu lernen.
  • Infomaterial an Schulsozialarbeit und Kinder- und Jugendpsychiater*innen verteilen und zusätzlich Werbung über soziale Medien (bspw. Instagram) machen, um queere Jugendliche zu erreichen
  • Reform des SGB VIII zu Legitimation der eigenen Arbeit nutzen. § 9 „Grundrichtung der Erziehung, Gleichberechtigung von jungen Menschen“ Absatz 3 nennt seit Juni 2021 explizit auch die Lebenslagen von inter*, trans* und nicht- binären Menschen.

Das Regenbogenparlament 2021 war eine Veranstaltung im Rahmen des Kompetenznetzwerks "Selbst.verständlich Vielfalt". Das Kompetenznetzwerk "Selbst.verständlich Vielfalt" ist das Kompetenznetzwerk "Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit" im Bundesprogramm "Demokratie leben!".

Ansprechpersonen für das LSVD-Projekt im Kompetenznetzwerk sind Jürgen Rausch / René Mertens: koordinierungsstelle@lsvd.de

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