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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

Junge queere Geflüchtete begleiten, unterstützen und schützen

Strategien und Handlungsempfehlungen

Welchen Zugang gibt es für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe und queere Beratungsstrukturen, um junge LSBTIQ* vor Gewalt und Anfeindungen zu schützen und in ihrem Aufwachsen zu begleiten? Wie können Coming Out-Prozesse begleitet werden und ein unterstützendes Umfeld für die queeren Jugendlichen geschaffen werden?

Junge queere Geflüchtete begleiten, unterstützen und schützen - Strategien und Handlungsempfehlungen

Jedes Jahr flüchten unzählige lesbische, schwule und bisexuelle Personen nach Deutschland, da ihnen in ihren Herkunftsländern aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Verfolgung seitens des Staates, der Familie oder der Gesellschaft droht. Darunter sind auch junge und meist minderjährige Asylsuchende. Aber auch unter den Geflüchteten, die im Familienverbund vor Krieg, Hunger oder Vertreibung geflohen sind, gibt es junge LSBTIQ*. Einschüchterung und der Zwang sich zu verleugnen, bedeuten starke psychische Belastungen für diese Minderjährigen und jungen LSBTIQ*. Die Flüchtlingsunterkünfte stellen für sie häufig Angsträume dar. Sie erleben dort Gewalt gegen geoutete LSBTIQ*. Gleichfalls gibt es kaum Unterstützungsangebote, die junge LSBTIQ* stärken und mit Familien in den Dialog treten.

Welchen Zugang gibt es für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe und queere Beratungsstrukturen, um junge LSBTIQ* vor Gewalt und Anfeindungen zu schützen und in ihrem Aufwachsen zu begleiten? Wie können Coming Out-Prozesse begleitet werden und ein unterstützendes Umfeld für die queeren Jugendlichen geschaffen werden? Existieren Schutzkonzepte, die auch minderjährige queere Geflüchtete einbeziehen?

Darüber diskutierten im Rahmen des Regenbogenparlaments 2021, Alva Träbert (Referentin BeSAFE - Besondere Schutzbedarfe bei der Aufnahme von Geflüchteten erkennen / Leitung Schulungsprojekt LSBT*I* und Flucht, Rosa Strippe e.V.), Lisa vom Felde (Referentin BeSAFE / Bundesweite Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer - BAfF e.V.) und Orion (Jugendgruppe Spektrum / In-Haus). Moderation: Ina Wolf (Queer Refugees Deutschland)

Welche Voraussetzungen braucht es, damit sich junge queere Menschen in Geflüchteten-Unterkünften frei und selbstbestimmt entwickeln können? – Vulnerabilität, Schutzbedarfe und Rechte von queeren Geflüchteten

Lisa vom Felde erläuterte die Bedeutung besonderer Schutzbedarfe von Geflüchteten. Dazu ging sie zunächst auf den Begriff Vulnerabilität ein. Vulnerabilität bedeutet Verletzlichkeit und in diesem Kontext, wie anfällig eine Person für Anfeindungen, Diskriminierungen und Gewalt ist. Für den Gewaltschutz ist das relevant, da mit einer erhöhten Vulnerabilität auch die Wahrscheinlichkeit steigt, erneut Gewalt und Anfeindungen zu erfahren.

Innerhalb der geforderten Mitwirkungspflichten im Asylverfahren können Antragsstellende re-traumatisiert werden, wenn sie die jeweiligen Fluchtgründe (chronologisch, nachvollziehbar) darstellen sollen. Häufig wird bei den Anforderungen im Verfahren vergessen, dass sowohl die Fluchtgründe als auch die Flucht an sich zu Traumafolgestörung führen können. Nicht über traumatische Erlebnisse sprechen zu können und die Erinnerung daran zu vermeiden – das können alles Symptome von Traumafolgestörungen sein.

Zwar sind Geflüchtete mit einem LSBTIQ*-Hintergrund nicht explizit in der EU-Aufnahmerichtlinie 2003/9/EG bzw. 2013/33/EU als besonders schutzbedürftig aufgelistet, doch ist die Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität laut der EU-Qualifikationsrichtlinie 2011/95/EU und dem Asylgesetz ein anerkannter Asylgrund.

Die Aufnahme-Richtlinie enthält nicht nur die Informationspflicht (Rechte im Asylverfahren, Anlaufstellen), den Zugang zu rechtlicher Vertretung im Klageverfahren, sondern sichert Asylsuchenden auch eine unabhängige Asylverfahrensberatung zu. Allerdings wird diese Beratung in vielen Fällen vom BAMF durchgeführt. Somit ist dieses Angebot nicht unabhängig und auch nicht flächendeckend für jede Person erreichbar.

Die Mitgliedstaaten der EU haben die Pflicht die Richtlinien innerhalb einer bestimmten Frist in nationalstaatliches Recht umzusetzen. Die Frist für die Aufnahmerichtlinie ist 2015 abgelaufen und muss somit auch in Deutschland umgesetzt und angewendet werden. Bei ausreichend konkret formulierten Ansprüchen können sich seit 2015 auch Individuen auf ihre Rechte nach der Aufnahmerichtlinie berufen, d.h. diese einklagen.

Es ist wichtig, dass alle Fachkräfte wissen, dass es nach der EU-Verfahrensrichtlinie Verfahrensgarantien im Asylverfahren gibt. Diese besagen unter anderem, wenn ein Schutzbedarf sichtbar wird, müssen Maßnahmen eingeleitet werden, die der betroffenen Person die Mitwirkungspflicht ermöglicht, z.B. eine Anhörung durch Sonderbeauftragte des BAMF (themenspezifische Fachkräfte). Wird ein besonderer Schutzbedarf in einer Anhörung deutlich, sollte die Anhörung abgebrochen und neuer Termin mit entsprechenden Sonderbeauftragten des BAMF vereinbart werden. Dies findet in der Praxis jedoch kaum statt.

Im „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ von 2019 wurde die Identifizierung besonderer Schutzbedarfe und der Gewaltschutz vom Bund an die Bundesländer delegiert. Leider wurde es versäumt Maßnahmen zu konkretisieren, bundeslandübergreifend zu vereinheitlichen, auch fehlt ein entsprechendes Monitoring. Wie bereits erwähnt ist es aber auch für individuelle Schutzsuchende möglich sich in ihrem Asylverfahren auf die Rechte der EU-Richtlinien zu berufen, auch wenn diese nicht ausreichend in deutsches Recht umgesetzt wurden.

Welche Herausforderungen bestehen?

  • Wenn Menschen mit besonderen Schutzbedarfen in eine Gruppe subsumiert werden, besteht die Gefahr, dass ihre individuellen Unterstützungsbedarfe und Erfahrungen aus dem Blick geraten.
  • Im Asylverfahren stellen Freiwilligkeit und Selbstbestimmung, Tabus, Scham, Fremdheit, Angst vor Stigmatisierung und Pathologisierung Herausforderungen für die Identifizierung besonderer Bedarfe dar.
  • Datenschutz ist (gerade bei Menschen mit besonderen Schutzbedarfen) wichtig und muss dringend beachtet werden.rp3a_datenschutz.png

Handlungsempfehlungen

  • Bei Beratung, Unterbringung und Versorgung braucht es einen intersektionalen Blick auf Diskriminierungserfahrungen und Lebensrealitäten von Geflüchteten.
  • Alle Personen im Asylverfahren brauchen Zugang zu einer sensiblen Sprachmittlung.

Praktische Erfahrungen in der Begleitung und Unterstützung junger queerer Geflüchteter

Alva Träbert beschrieb die Lebenssituationen von queeren Jugendlichen aus ihren Praxis-Erfahrungen: LSBTIQ* Jugendliche kommen im Familienverbund oder unbegleitet nach Deutschland. Teilweise ist die sexuelle Identität der Fluchtgrund, teilweise ist die sexuelle Identität noch weitgehend unbekannt. Selbstfindungsprozesse brauchen Zeit. Das kann in der Praxis bedeuten: bei der Einreise im Familienverbund erhalten die Jugendlichen ihren Status über die Familie. Innerhalb der nächsten Jahre kann es sein, dass die sexuelle Identität für die Jugendlichen eine Rolle spielt. Dies kann bedeuten, dass sie eine andere oder bessere Bleibeperspektive als die Eltern haben. Die sogenannten Nachfluchtgründe können auch während des Verfahrens angegeben werden. Unbegleitete Jugendliche bekommen einen Vormund. Um gezielt unterstützen zu können, benötigen die hier eingesetzten Erwachsenen Informationen, die im Rahmen des Asylverfahren angegeben werden. Unter den jungen Asylsuchenden sind Kategorien wie schwul, lesbisch, bi, trans* oder inter* häufig eher unbekannt. Vor allem da sie in den Herkunftsländern wenig genutzt werden oder andere Selbstbezeichnungen existieren. Es ist für Fachkräfte daher enorm wichtig sensibilisiert zu sein, um Botschaften zwischen den Zeilen wahrzunehmen.

rp3b_familie_als_gef__hrdung_alleinberatung.pngHerausforderungen

  • Familie kann auch Gefährdung bedeuten. Es muss immer mitgedacht werden, dass Familien aus Herkunftsländern kommen, in denen z.B. gleichgeschlechtliche Liebe kriminalisiert ist, somit fehlt es den Jugendlichen an Vorbildern, an positiven neutralen Worten und Selbstbezeichnungen.

Handlungsempfehlungen

  • Um einen besonderen Schutzbedarf ermitteln zu können muss sichergestellt werden, dass Jugendliche auch ohne Begleitung der Familien die Beratung in Anspruch nehmen können.
  • Aufbau von Verweisungskompetenzen. Fachkräfte sollten LSBTIQ*-Anlaufstellen kennen,rp3c_verweisungskompetenzen.png um an sie verweisen, mit ihnen zusammen oder auch Kooperationen einzugehen.
  • LSBTIQ* -Freundlichkeit und Akzeptanz sollten in Gewaltschutzkonzepten / Hausordnungen explizit benannt werden.
  • Es braucht konkrete Maßnahmen und Handlungsleitfäden, um Anfeindungen in Unterkünften entgegenzuwirken.
  • Diskrete, bedarfsgerechte Infoangebote (bspw. Plakate, Filme, QR-Codes) schaffen. Auf Vielsprachigkeit dieser Angebote sollte geachtet werden. Informationen sollten auch ohne Lesekompetenz zugänglich sein.
  • Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sollte als Querschnittsthema betrachtet und geeignete Schutzräume geschaffen werden.

Persönliche Erfahrungen junger queerer Menschen

Orion beschrieb das Asylverfahren, die Schutzkonzepte und den Umgang mit unbegleiteten Jugendlichen als mehrheitlich traumatisierend. Die Regelstrukturen sind häufig nicht sensibilisiert und intransparent für die Hilfesuchenden. Besonders problematisch sieht Orion die Entscheidungsmacht der staatlichen Sozialarbeit. Aus Orions Erfahrung wird nicht darüber informiert, dass LSBTIQ* zu den besonders Schutzbedürftigen zählen. Als besonders negative Erfahrung beschrieb Orion die Unterbringung der Jugendlichen in Sammelunterkünften. Auch berichtete Orion von LSBTIQ* feindlichen Erfahrungen durch Sprachmittler*in bei der BAMF Anhörung.

Handlungsempfehlungen von Orion

  • Alle Stellen, die im Erstkontakt zu jungen Geflüchteten stehen, sollten zu den besonderen Schutzbedarfen sensibilisiert und fortgebildet werden.
  • Queere Asylsuchenden haben ein Recht darauf, über den besonderen Schutzstatus aufgeklärt zu werden.
  • Sprachmittler*innen haben im gesamten Asylprozess eine Schlüsselfunktion. Daher rp3d_sprachmittler_innen_schl__sselrolle.pngsollten Sie besonders zu den Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen queerer Geflüchteter geschult werden.
  • Queere Asylsuchende sollten dort untergebracht werden, wo es genügend gemeinschaftliche Unterstützungsstrukturen gibt, da diese Strukturen für das Empowerment von Menschen, die aufgrund ihrer queeren Identität verfolgt wurden oder geflohen sind, notwendig sind.
  • Bestehende Unterstützungsstrukturen sollten zum Thema „LSBTIQ* und Flucht“ sensibilisiert werden, um Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten angemessene Leistungen zur Verfügung zu stellen.
  • Community Angebote für queere Asylsuchenden sollten mehr finanziert werden. Für viele sind diese Angebote die einzige Orte, wo sie Empowerment, ein Zugehörigkeitsgefühl und gemeinschaftliche Integration erfahren.

Impulse aus dem Fachgespräch

rp3e_schl__sselpositionen_mit_intersektionalem_blick.pngFachkräfte sind angehalten ihre Haltung und Handlungsweisen stetig zu reflektieren und sich durch Fortbildung und Vernetzung zu diesen Themen zu sensibilisieren. Wir brauchen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen in Schlüsselposition, auch hier wird ein intersektionaler Blick in Bezug auf die Personalentwicklung sowohl in den Regelstrukturen als auch bei den freien Träger*innen der Kinder- und Jugendhilfe gefordert. Auch sind wir als Multiplikator*innen sollten Rassismus-kritische Haltungen in die Regelstrukturen zu tragen.

 

 

Das Regenbogenparlament 2021 war eine Veranstaltung im Rahmen des Kompetenznetzwerks "Selbst.verständlich Vielfalt". Das Kompetenznetzwerk "Selbst.verständlich Vielfalt" ist das Kompetenznetzwerk "Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit" im Bundesprogramm "Demokratie leben!".

Ansprechpersonen für das LSVD-Projekt im Kompetenznetzwerk sind Jürgen Rausch / René Mertens: koordinierungsstelle@lsvd.de

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