LSVD

Wie können wir durch Aufklärung und Kontakt Homo- und Transphobie abbauen?

Ableitungen aus der sozialpsychologischen Forschung

Vortrag von Dr. Ulrich Klocke, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin auf dem ersten Regenbogenparlament „Akzeptanz für LSBTI“

Im Rahmen des bundesweit ersten Regenbogenparlaments diskutierten wir darüber, wie „Regenbogenkompetenz“ in der Sozialen Arbeit, im Sport, in Religionsgemeinschaften, bei der Versorgung und Integration von Geflüchteten, in den Medien und auch in der auswärtigen Kultur-und Sprachpolitik erhöht werden kann. Hier dokumentieren wir den Vortrag von Dr. Ulrich Klocke "Wie können wir durch Aufklärung und Kontakt Homo- und Transphobie abbauen?" Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 1. Regenbogenparlaments "Akzeptanz von LSBTI* - Miteinander stärken" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Dr. Ulrich Klockes Vortrag beschäftigte sich mit der Frage, wie Vorurteile in der Gesellschaft abgebaut werden können. Insbesondere die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegenüber der LSBTI*-Community war Gegenstand seiner Analyse. Eine wichtige Erkenntnis war, dass Aufklärung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sowie persönlicher Kontakt einen wichtigen Beitrag zum Abbau von Homo- und Transphobie leisten können. Klocke ging in seinem Vortrag zunächst auf grundlegende Erkenntnisse der Forschung zum Coming-out und zur Suizidalität bei Jugendlichen ein. Anschließend beleuchtete er die negativen Auswirkungen durch den Gebrauch von Schimpfwörtern in der Schule. Sodann erläuterte er den Unterschied zwischen klassischer Homophobie (generelle Ablehnung von LSBTI*) und moderner Homophobie (Ablehnung der Thematisierung von LSBTI*).

Bevölkerungsrepräsentative Befragung in Deutschland 2016

Von den befragten 16- bis 30-Jährigen berichteten

  • 25%, dass Lehrkräfte niemals deutlich gemacht haben, dass sie es nicht in Ordnung finden, wenn Worte wie „Schwuchtel“, „Homo“, „Tunte“ oder „Lesbe“ in abwertendem Sinne benutzt werden,
  • 64%, dass Lehrkräfte nie Unterrichtsbeispiele oder Schulmaterialien verwendet haben, in denen auch LSBTI* vorkamen,
  • 74%, dass es in der Schullaufbahn keine Lehrkräfte gab oder gibt, die offen mit ihrer eigenen LSBTI*-Orientierung umgegangen sind,
  • 50%, dass es keine Mitschüler*innen gab oder gibt, die offen mit ihrer eigenen LSBTI*-Orientierung umgegangen sind.

Klocke empfahl die Erhöhung von Wissen und Sichtbarkeit durch persönlichen Kontakt. Als Beispiele führte er Lehrkräfte an, die zu ihrer Identität stehen, oder Workshops zur Aufklärung. Er betonte, dass über alle Parteigrenzen hinweg die Thematisierung von sexueller Vielfalt im Unterricht mehrheitlich positiv bewertet wird (zwischen 62 und 95 % der Befragten). Die Auswirkungen von mehr Wissen und Sichtbarkeit seien einerseits positivere Einstellungen bei Schüler*innen und andererseits mehr Engagement bei Lehrkräften für LSBTI*-Schüler*innen. 

Als besonders wirksam zum Abbau von Vorurteilen hätten sich zwei Methoden zur Förderung der Empathie herausgestellt:

  • biografische Schilderungen oder Darstellungen aus der Perspektive von LSBTI*-Kindern und Jugendlichen
  • gedankliche Simulationen und Rollenspiele, wie beispielsweise einen Coming-out-Brief zu Transgeschlechtlichkeit an die Eltern schreiben

Zur Reflektion von Geschlechtsnormen führte Klocke mehrere Vorgehensweisen an:

  • Selbstreflexion pädagogischer Fachkräfte (z. B. in Qualifizierungsmaßnahmen)
  • früh geschlechtliche Vielfalt wertschätzen (z. B. in Kinderbüchern) 
  • Übungen wie z. B. Sätze vervollständigen und diskutieren: „Weil ich ein Mädchen [Junge] bin, muss ich ... / darf ich ...“

Im Umgang mit Diskriminierung unterstrich Klocke die Wichtigkeit der Intervention bei Mobbing durch kritisches Hinterfragen und regte eine Perspektivübernahme an („Stell dir vor, du wärst lesbisch. Würdest du dazu stehen, wenn deine Freundinnen ‘Lesbe’ als Schimpfwort verwenden?”).

Der strukturelle Wandel hat laut Klocke viele Verbesserungen zur Folge:

  • positivere Einstellungen, wenn ein Anti-Mobbing-Leitbild bekannt gemacht wird
  • weniger Suizidversuche von LSBTI*-Jugendlichen bei einem Schul-Anti-Mobbing-Leitbild, das explizit sexuelle Orientierung inkludiert
  • Das Engagement von Lehrkräften steigt, wenn Rahmenlehrpläne die Berücksichtigung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt vorschreiben.
  • Das Engagement von Lehrkräften steigt ebenfalls, wenn Schulbücher nur bei Berücksichtigung von Vielfalt zugelassen werden.

Der strukturelle Wandel werde zusätzlich unterstützt, wenn man Kontaktpersonen für sexuelle Vielfalt einsetzen würde und es Angebote zur Aus- und Weiterbildung bei Berufen gäbe, die mit Menschen (insbesondere Kindern und Jugendlichen) zu tun haben.

Identitätsbedrohung und Ängste

Zum Schluss machte Klocke auf Bedrohungen und Ängste aufmerksam, die nicht unterschätzt werden dürfen. LSBTI* könnten als Sündenbock für abgelehnte gesellschaftliche Individualisierungsprozesse wahrgenommen werden. Bei einigen Menschen könnte die Sorge vorherrschen, wegen eigener stereotyper Vorurteile verurteilt zu werden, zum Beispiel beim Kontakt mit einem Mitglied einer benachteiligten Gruppe. Diese Sorge könne den Versuch hervorrufen, die eigenen Stereotype zu unterdrücken, was sie verstärken kann und letztendlich die Interaktion mit Minderheitsmitgliedern beeinträchtigt (Rebound-Effekt). 

Deshalb riet Klocke den Teilnehmenden, Überheblichkeit und einen „moralischen Zeigefinger“ zu vermeiden. Auch traditionelle Lebensweisen seien wertzuschätzen. Stereotype und Vorurteile sollten nicht verurteilt werden, dann seien sie leichter bewusst zu machen und durch Kontakt abzubauen.

Dabei seien sämtliche Diversitätsdimensionen zu berücksichtigen. Mit der stärkerer Betonung zwischenmenschlicher Verantwortung könnten so auch Anschlussmöglichkeiten für konservative, religiöse Menschen und Befürworter*innen kollektivistischer Kulturen geschaffen werden, statt sie als „Feinde“ zu sehen.

Fazit von Ulrich Klocke: Moderne Homo- und Transphobie äußert sich heute weniger durch Pathologisierung und die Ablehnung gleicher Rechte als durch Phantasien über Sexualisierung und die Ablehnung von Sichtbarkeit. Dabei seien Sichtbarkeit und persönlicher Kontakt zentrale Mittel zum Aufbau von Akzeptanz.

Für den Umgang mit konservativen Gegner*innen sexueller und geschlechtlicher Vielfalt gilt:

  • Falschinformationen sachlich und verständlich entkräften,
  • Sorgen im Hinblick auf die Nebenwirkungen von Individualisierung ernstnehmen (wie zum Beispiel Angst vor der Auflösung stabiler Beziehungen), 
  • Zusätzlich zu Selbstbestimmung auch zwischenmenschliche Verantwortung als Ziel aufnehmen.

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Das Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI" in Berlin war eine Veranstaltung des LSVD-Projekts "Miteinander stärken" in Kooperation mit dem Referent*innenrat der Humboldt-Universität zu Berlin. Moderiert wurde es von Dr. Julia Borggräfe. Hier gibt es die gesamte Dokumentation des Ersten Regenbogenparlaments "Akzeptanz für LSBTI".