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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

Regenbogenkompetenz für Fachkräfte in der Sozialen Arbeit

Fachforum von Prof. i.R. Dr. Ulrike Schmauch, Frankfurt University of Applied Sciences auf dem ersten Regenbogenparlament „Akzeptanz für LSBTI“

Was bedeutet sexuelle Vielfalt? Was meint Regenbogenkompetenz? Wie manifestieren sich Themen der sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität in der Sozialen Arbeit? Welche spezifischen Aspekte in der Biografie und Lebenssituation von LSBTI* sind zu beachten?

Im Rahmen des bundesweit ersten Regenbogenparlaments diskutierten wir darüber, wie „Regenbogenkompetenz“ in der Sozialen Arbeit, im Sport, in Religionsgemeinschaften, bei der Versorgung und Integration von Geflüchteten, in den Medien und auch in der auswärtigen Kultur-und Sprachpolitik erhöht werden kann. Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforums "Regenbogenkompetenz für Fachkräfte in der Sozialen Arbeit", geleitet von Prof. Dr. Ulrike Schmauch i.R. (Frankfurt University of Applied Sciences). Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 1. Regenbogenparlaments "Akzeptanz von LSBTI* - Miteinander stärken" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Inhaltsverzeichnis

  1. Was meint sexuelle und geschlechtliche Vielfalt?
  2. Welche Rolle spielen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt für die Soziale Arbeit? Wie reagieren Fachkräfte häufig auf LSBTI?
  3. Welche spezifischen Anforderungen und Aspekte in der Biografie und Lebenssituation von LSBTI gibt es?
  4. Was bedeutet das Konzept „Regenbogenkompetenz“? wie kann sie in der Sozialen Arbeit gestärkt werden?

Das Fachforum gliederte sich in vier Schritte: Zunächst teilten die Teilnehmenden in einer Runde ihren Praxisbezug und ihr Interesse mit. Dann stellte die Referentin in einem Impulsvortrag das Konzept der Regenbogenkompetenz vor. Anschließend wurde gemeinsam an dem Praxisbeispiel eines Teilnehmenden in Form einer kollegialen Beratung gearbeitet. Schließlich diskutierte die Gruppe die Konsequenzen für die soziale Praxis. Der folgende Text fasst den Impulsvortrag kurz zusammen, zum Teil anhand von Stichworten aus den Vortragsfolien.

1. Was meint sexuelle und geschlechtliche Vielfalt?

Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt umfasst

  • sexuelle Orientierung: Homo-, Bi- und Heterosexualität
  • Formen der geschlechtlichen Identität: Transgeschlechtlichkeit, Transgender und Intersexualität

Was bedeutet LSBTI? Kurze Definitionen der wichtigsten Begriffe sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Ulrike Schmauch unterstrich in ihrem Vortrag, dass es darauf ankommt, den Begriff der Vielfalt positiv zu definieren. „Sexuelle Vielfalt“ veranschaulicht, dass Liebe, Sexualität und geschlechtliche Identität auf unterschiedliche Weisen gelebt werden können. Gleichzeitig bestehe die Erwartung, verschiedene Liebes- und Lebensweisen als gleichberechtigt anzuerkennen. 

Die Abgrenzung gegenüber einer strikt bipolaren Geschlechterordnung, die meist mit einer heteronormativen Liebesordnung (Heterosexualität als angeblich gottgewollte oder vermeintlich einzig natürliche Norm) einhergeht, sei daher logisch und richtig.

Das Konzept der Regenbogenkompetenz beinhaltet

  • Sachkompetenz: Wissen über die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft und sexuellen Minderheiten - Lebenslagen, Diskriminierung und Ressourcen 
  • Sozialkompetenz: Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit im Bereich sexueller Orientierung
  • Methodenkompetenz: Handlungsfähigkeit im Bereich sexueller Orientierung
  • Selbstkompetenz: Reflexion eigener Gefühle, Vorurteile und Werte in Bezug auf sexuelle Vielfalt

2. Welche Rolle spielen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt für die Soziale Arbeit? Wie reagieren Fachkräfte häufig auf LSBTI?

Themen der sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität in der Sozialen Arbeit manifestieren sich

  • in jeder Lebensphase, von der Kindheit bis ins Rentenalter
  • in jeder Lebens- und Familienform
  • in allen Kontexten Sozialer Arbeit (Kindertageseinrichtungen, Jugendzentren, stationäre Einrichtungen)
  • in informellen und formellen Beratungssituationen

Fachkräfte in der Sozialen Arbeit reagieren jedoch bislang immer noch

  • oft verunsichert und ratlos
  • zum Teil normativ bzw. mit repressiven Reaktionen
  • auch mit empathischem Handeln
  • noch zu selten aktiv unterstützend
  • häufig mit Nichtwahrnehmung 

Bei vielen Fachkräften in der Sozialen Arbeit gebe es einen typischen Widerspruch. Einerseits werde überzeugt und energisch mitgeteilt, dass der Umgang mit Homosexualität und geschlechtlicher Identität überhaupt kein Problem darstelle. Andererseits zeige sich aber, so ihre langjährige Fortbildungserfahrung, dass in konkreten Situationen im Alltag eine große Handlungsunsicherheit bestehe. Dies verdeutlichte die Referentin an unterschiedlichen Praxisbeispielen. Dabei ging sie auf die Frage ein, ob es überhaupt „Besonderheiten“ bei LSBTI* gibt, die in der Sozialen Arbeit mit LSBTI*-Klient*innen berücksichtigt werden müssen.

3. Welche spezifischen Anforderungen und Aspekte in der Biografie und Lebenssituation von LSBTI gibt es?

Welche spezifischen Aspekte in der Biografie und Lebenssituation von LSBTI* sind zu beachten?

Welche spezifischen Anforderungen in der Lebensbewältigung gibt es für LSBTI*? 

  • Balance zwischen Anderssein und Übereinstimmung
  • erhöhte Identitäts- und Kontakt- und Konfliktarbeit
  • Ich-Stärke zur Verarbeitung von Normbruch und Entwertung

Wo und in welchen Kontexten gibt es Überschneidungen mit den Lebenswelten anderer Klient*innen?

  • in der Bedeutung von Biografie, Lebensphase/-welt
  • bei Geschlecht, Kultur, Religion und sozioökonomischer Situation

4. Was bedeutet das Konzept „Regenbogenkompetenz“? wie kann sie in der Sozialen Arbeit gestärkt werden?

Es umfasst

  • Sachkompetenz: Wissen über die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft und über sexuelle Minderheiten – Lebenslagen, Diskriminierung und Ressourcen
  • Sozialkompetenz: Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit in Bezug auf sexuelle Orientierung / geschlechtliche Identität
  • Methodenkompetenz: Handlungsfähigkeit im Bereich sexuelle Vielfalt
  • Selbstkompetenz: Reflexion eigener Gefühle, Vorurteile und Werte

Wie kann Regenbogenkompetenz (weiter-)entwickelt werden?

  • Teamfortbildungen
  • Entwicklung gemeinsamer Haltungen (Team, Leitung, Trägerkonzeption, Leitbild)
  • Integration von Regenbogenkompetenz in die eigene Fachlichkeit und Berufsrolle
  • Bereitstellung sicherer Räume zur Reflexion der Gefühle und Einstellungen von Fachkräften (Supervision, Teambesprechung)
  • Absprachen zum konkreten Umgang mit homophobem und/oder trans*feindlichem Mobbing
  • Kooperation mit spezialisierten Einrichtungen
  • Entwicklung zielgruppenspezifischer Angebote
  • Herstellung von Sichtbarkeit gleichgeschlechtlicher Lebensweisen

Konkrete Schritte zur Stärkung der Regenbogenkompetenz in der Sozialen Arbeit

  • Leitbilder sozialer Einrichtungen überarbeiten und LSBTI*-inklusiv ausgestalten
  • sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Aus- und Weiterbildungen integrieren
  • Haltung in der Sozialen Arbeit im Umgang mit LSBTI*-Themen stärker reflektieren
  • LSBTI* als Querschnittsthema in allen Bereichen mitdenken
  • Vernetzung und Kooperation auch über die Community hinaus
  • Respekt vor Anderssein innerhalb der Community
  • Fremdheit akzeptieren – nicht immer ist Einfühlung möglich, wohl aber die Anerkennung von Anderssein und Individualität
  • mehr Handlungsspielräume schaffen (gesetzlich, finanziell, räumlich)

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Quellen

Schmauch, Ulrike (2015): Sexuelle Vielfalt und Regenbogenkompetenz in der Sozialen Arbeit. In: Bretländer, Bettina, Köttig, Michaela, Kunz, Thomas (Hrsg): Vielfalt und Differenz in der Sozialen Arbeit. Perspektiven auf Inklusion. Stuttgart, S. 170-178.
Schmauch, Ulrike (2014): Auf dem Weg zur Regenbogenkompetenz. In: Borchardt, Ilka, Reinhold, Heiko: Homosexualität in der Familie. Handbuch für familienbezogenes Fachpersonal. Hrsg. Vom Familien- und Sozialverein des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD) e.V. Köln, S. 37-45.

Das Regenbogenparlament in Berlin war eine Veranstaltung des LSVD-Projekts "Miteinander stärken. Rechtspopulismus entgegnewirken" in Kooperation mit dem Referent*innenrat der Humboldt-Universität zu Berlin. Moderiert wurde es von Dr. Julia Borggräfe. Hier gibt es die gesamte Dokumentation des ersten Regenbogenparlaments "Akzeptanz für LSBTI*