LSVD

Wie geht Regenbogenkompetenz in der Arbeitswelt?

Ergebnisse vom Fachforum "Out im Office"

Das zweite Regenbogenparlament "Akzeptanz von LSBTI* weiter gestalten" fand 2018 in Köln statt. Im Fachforum "Out im Office" ging es um die Erfahrungen mit und nach einem Coming-out am Arbeitsplatz und wie die Regenbogenkompetenz in der Arbeitswelt erhöht werden könnte.

In jahrzehntelangen Kämpfen konnten wesentliche Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Akzeptanz von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI*) erreicht werden. Aber auch nach der Öffnung der Ehe und dem wegweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Dritten Geschlechtseintrag sind Homophobie, Transfeindlichkeit und weitere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in vielen gesellschaftlichen Bereichen allgegenwärtig. Erfolge in punkto Gleichstellung und Akzeptanz stehen massiv unter Beschuss von Rechtspopulist*innen und Gleichstellungsgegner*innen. Ein aggressives und menschenfeindliches Klima droht wieder salonfähig zu werden. Wie kann vor diesem Hintergrund die „Regenbogenkompetenz“ in der Senior*innenarbeit, in der Bildung, in Religionsgemeinschaften, in den Medien, in der Arbeitswelt und in der internationalen Menschenrechtspolitik erhöht werden? Das wurde beim zweiten bundesweiten Regenbogenparlament in Köln mit über 80 Teilnehmenden diskutiert.

Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforum 5 "Out im Office - Regenbogenkompetenz in der Arbeitswelt" mit Bernhard Kullmann (IGay Bau), Stefan Meinke (Vorsitzender des Personalrats der Stadt Köln) und Sebastian Krebs (Stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Nordrhein-Westfalen). Moderiert wurde es von Robert Hecklau, freier Journalist. Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 2. Regenbogenparlaments "Akzeptanz von LSBTI* weiter gestalten" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

LSBTI*-Beschäftigte erleben am Arbeitsplatz immer noch Ausgrenzung, Mobbing und Diskriminierung. Viele Arbeitnehmer*innen können jedoch offener mit ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität umgehen als noch vor zehn Jahren. Gleichwohl gibt es eine Vielzahl von Menschen, die aus Angst vor Diskriminierung und Mobbing nicht über ihre sexuelle und geschlechtliche Identität am Arbeitsplatz sprechen können oder wollen. Im Rahmen des Fachforums wurde darüber diskutiert, wie die Regenbogenkompetenz in der Arbeitswelt erhöht werden kann und welche guten Erfahrungen und Herangehensweisen als Vorbild dienen können.

Schule als Arbeitsplatz

Ein besonderes Augenmerk kommt der Schule als Arbeitsplatz zu. Hier klafft weiterhin eine Gesetzeslücke, da das AGG nicht für Schüler*innen gilt. Diese Lücke muss geschlossen werden. Als Akutmaßnahme schlägt das Fachforum die Einrichtung einer Beschwerdestelle für Schüler*innen vor. Hierzu sollte eine Person benannt werden. Im Fachforum wurde diskutiert, wie die Regenbogenkompetenz in den Regelstrukturen an Schulen erhöht werden kann. Die Etablierung von Beauftragten an Schulen für Vielfalt / Diversität / Antidiskriminierung ist ein gangbarer Weg.

Auch einfach einsetzbare Unterrichtsmaterialien oder SCHLAU-Workshops sind hierbei hilfreich. Gut zugängliche Handlungsleitfäden und Beratungsangebote für Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern dienen diesem Ziel. Grundlegend ist es, LSBTI* als selbstverständliches Thema in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften und in der Sozialen Arbeit zu behandeln. Lehrbücher und Unterrichtsmaterialen sollten reformiert werden, um sicherzustellen, dass sie vielfältige Lebensweisen und Identitäten auch abbilden.

Forderungen an die Bundespolitik

  • Antidiskriminierungsstelle des Bundes finanziell besser ausstatten
  • Nationaler Aktionsplan und Strauß von Maßnahmen für Vielfalt und langfristige Akzeptanz: insbesondere Strukturförderungen durch Bund (nicht nur Projektförderung)
  • Ergänzung der Verfassung (Artikel 3 Absatz 3 GG): Diskriminierungsverbot aufgrund sexueller und geschlechtlicher Identität aufnehmen
  • steuerliche Berücksichtigung von Fortbildungsmaßnahmen
  • strukturelle Förderung für Bildungsprojekte als Voraussetzung für Akzeptanz im Arbeitsleben anstoßen
  • Sonderrechte konfessioneller Arbeitgeber kappen und Lücken im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schließen

Ebenso sammelten die Teilnehmenden Forderungen an die lokale bzw. regionale Politik. Dazu regten sie an, dass die Landesaktionspläne für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt fortgeschrieben werden sollten. Auf kommunaler Ebene sollten Sensibilisierung und Schulungen als Pflichtveranstaltung für Beamt*innen durchgeführt werden.

Forderungen an die LSBTI*-Community

  • Self-Empowerment und gegenseitige Unterstützung
  • Freiräume stärker nutzen, um Gruppen / Initiativen zu gründen
  • mehr Campaigning durch Vereine: z.B. LSVD u.a. nutzen
  • Zivilcourage und Gesicht zeigen: „going public“ am Arbeitsplatz
  • Betriebe im ländlichen Raum erreichen

Folgende Maßnahmen sollen die Regenbogenkompetenz in Betrieben und Institutionen erhöhen

  • Regenbogensiegel für Firmen (zur Erhöhung der Sichtbarkeit)
  • Diversity Management in Betrieben wiederbeleben, entfalten und verankern (bei öffentlichen Ausschreibungen Diskriminierungsverbote, Gleichstellungsgebote)
  • Ansprechpartner*innen für Vielfalt in Betrieben etablieren
  • IHK und Handwerkskammern für Regenbogenkompetenz gewinnen und sensibilisieren
  • mehr Studien zum Thema „LSBTI* am Arbeitsplatz“ - Bedarfe eruieren (für LSBTI* und -Akzeptanz)
  • Fort- und Weiterbildungsangebote für Arbeitgeber*innen und leitende Angestellte

Forderungen an die Gewerkschaften und den DGB

  • stärkere Vernetzung zwischen den Gewerkschaften und mehr Vernetzung beim DGB
  • Gewerkschaften sollten Fort- und Weiterbildungen zum Thema Vielfalt anbieten
  • LSBTI* sollte Thema in allen Gewerkschaften sein. Das Thema muss präsent sein, um im DGB bearbeitet zu werden, sowas geschieht nicht von selbst (bottom up genügt nicht, auch top-down, erst lokal, dann Land und Bund).
  • Qualifizierung zu Wissensvermittlung in den Gewerkschaften
  • Arbeit an der Haltung von Funktionär*innen und Vorgesetzten, z.B. durch Aufnahme des Thema LSBTI* in die Bildungsmaßnahmen für Betriebsräte / Personalvertretungen
  • Strategie: Selbstverständlichkeit, Mainstreaming, u.a. durch Formulierungen in Stellenausschreibungen (sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität, m, w, d)
  • Veranstaltung des LSVD dazu (mit DGB) für Gewerkschaften

Das Regenbogenparlament in Köln war eine Veranstaltung des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) in Kooperation mit der Stadt Köln, Amt für Weiterbildung – Volkshochschule / Bereich Politische Bildung. Die Veranstaltung wurde unterstützt von: Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Nordrhein-Westfalen, Heinrich Böll Stiftung Tunis, &a o Hostels (Köln), Restaurant Consilium (Köln). Moderiert wurde das  Regenbogenparlament von Berena Yogarajah, Referent*in des Autonomen Frauen*Lesben*Referats der Uni Köln.

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