Regenbogenkompetenz in Pflege und Alter

Ergebnisse des Fachforums auf dem zweiten Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* weiter gestalten"

Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um ein selbstbestimmtes Leben im Alter zu gewährleisten? Wie kann die Regenbogenkompetenz, d.h. der professionelle und diskriminierungsfreie Umgang mit Themen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt in Pflege und Alter erhöht werden?

In jahrzehntelangen Kämpfen konnten wesentliche Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Akzeptanz von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI*) erreicht werden. Aber auch nach der Öffnung der Ehe und dem wegweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Dritten Geschlechtseintrag sind Homophobie, Transfeindlichkeit und weitere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in vielen gesellschaftlichen Bereichen allgegenwärtig. Erfolge in punkto Gleichstellung und Akzeptanz stehen massiv unter Beschuss von Rechtspopulist*innen und Gleichstellungsgegner*innen. Ein aggressives und menschenfeindliches Klima droht wieder salonfähig zu werden. Wie kann vor diesem Hintergrund die „Regenbogenkompetenz“ in der Senior*innenarbeit, in der Bildung, in Religionsgemeinschaften, in den Medien, in der Arbeitswelt und in der internationalen Menschenrechtspolitik erhöht werden? Das wurde beim zweiten bundesweiten Regenbogenparlament in Köln mit über 80 Teilnehmenden diskutiert.

Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforum 1 "Regenbogenkompetenz in Pflege und Alter" mit Vera Ruhrus (Dachverband Lesben und Alter), Lucie Veith (Intersexuelle Menschen e.V.) und Frank Kutscha (Schwulenberatung Berlin). Moderiert durde es von Sina Vogt. Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 2. Regenbogenparlaments "Akzeptanz von LSBTI* weiter gestalten" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Das Recht auf ein angstfreies und offenes Leben muss in allen Lebensphasen verwirklicht werden. Sowohl die Angebote der offenen Altenhilfe als auch die ambulanten/stationären Angebote der Altenpflege sind oftmals nicht für die besonderen Bedürfnisse und Lebenslagen von LSBTI* ausgerichtet. Aus Angst vor Vorbehalten und Diskriminierung durch die Mitarbeitenden oder Mitbewohner*innen werden wichtige Aspekte der eigenen Biografie verschwiegen oder verleugnet. Einschränkungen von Mobilität und Gesundheit führen zum Verlust von Autonomie und von sozialen Kontakten. Das hat auch für LSBTI* massive Auswirkungen.

  • Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um ein selbstbestimmtes Leben im Alter zu gewährleisten?
  • Wie kann der professionelle und diskriminierungsfreie Umgang mit Themen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt in Pflege und Alter erhöht werden?
  • Welche Bedürfnisse haben Inter* und auch ältere alleinlebende Lesben?

„Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt“

Diesen und weiteren Fragen ging das Fachforum nach. Frank Kutscha von der Schwulenberatung Berlin stellte zum Einstieg die Projekte des Netzwerks „Anders Altern“ der Schwulenberatung Berlin, insbesondere das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte „Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt“ vor. Einrichtungen erhalten diese Auszeichnung, wenn sie sich nachweislich bemühen, die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ihrer Bewohner*innen als wesentlichen Aspekt ihrer Persönlichkeit zu berücksichtigen – in der Pflege wie auch im alltäglichen Leben der Einrichtung.

Der sogenannte „Diversity-Check“, das Herzstück des Qualitätssiegels, ist ein 120 Punkte umfassender Kriterienkatalog, mit dessen Hilfe die LSBTI*-Freundlichkeit einer Pflegeeinrichtung festgestellt werden kann und der zugleich als Basis für die deutschlandweite kostenlose Beratungstätigkeit dient. Die Kriterien des Diversity-Checks beziehen sich auf fünf zentrale Bereiche einer Pflegeeinrichtung: Unternehmens-politik und Kommunikation, Personalmanagement, Transparenz und Sicherheit, Pflege und Gesundheit sowie die Wohn- und Lebenswelten der Bewohner*innen. Sie erfassen die Ebenen der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Die erste Einrichtung, das Pilotprojekt des „Qualitätssiegels Lebensort Vielfalt“, wird voraussichtlich noch dieses Jahr ausgezeichnet, eine zweite Einrichtung folgt Anfang nächsten Jahres. Interesse am Qualitätssiegel bekunden kommunale, konfessionelle und privatwirtschaftliche Einrichtungsträger.

Fehlende LSBTI* kultursensible Pflege in Aus- und Fortbildung

Das Qualitätssiegel wurde in Zusammenarbeit mit der LSBTI*-Community entwickelt und wird unter Berücksichtigung der Erfahrungen der Beratungspraxis weiterentwickelt. Kutscha betonte, dass von dem Siegel alle Bewohner*innen einer Einrichtung profitieren würden, nicht nur LSBTI*. Fortbildungen der Mitarbeitenden sind ein wesentlicher Bestandteil des Kriterienkatalogs. Unter Berücksichtigung von hohen Fortbildungsanforderungen und Fachkräftemangel in den Pflegeeinrichtungen ist ein Fortbildungskatalog entstanden, der es Einrichtungen ermöglicht, das Personal umfassend in verschiedenen, für pflegebedürftige LSBTI* relevanten Bereichen zu schulen. Zugleich wird die Vernetzung mit der regionalen LSBTI*-Community gefördert. Neben einer LSBTI*-Basisschulung sind Fortbildungen im Bereich von Inter* und Trans* in der Pflege sowie Schulungen im Bereich HIV/AIDS verpflichtender Bestandteil des Qualitätssiegels. Derzeit spiele die LSBTI* kultursensible Pflege in den Ausbildungen der Pflegekräfte, wenn überhaupt, nur eine sehr geringe Rolle. Deutschland unterscheidet sich in diesem Bereich nicht von anderen Ländern. Auch die hohe Anzahl von Quereinsteiger*innen ohne Grundausbildung profitieren von den Fortbildungen, die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität im Kontext der Pflege thematisieren.

Insgesamt ist festzustellen, dass der Forschungsbedarf in den unterschiedlichen Bereichen der LSBTI* kultursensiblen Pflege hoch ist. Eine weitere Professionalisierung der Pflege- und Gesundheitsberufe im Sinne einer fortschreitenden Akademisierung wäre für die Generierung von Forschungsergebnissen hilfreich.

Besondere Bedarfe von älteren trans* und inter* Menschen

Lucie Veith wies darauf hin, dass besonders beim Thema Demenz oder beim Verlust der Sprachfähigkeit die Folgen für Inter* und Trans* gravierend seien. Fachkräfte in der Altenpflege seien beispielweise auf die Versorgung einer Neovagina gar nicht vorbereitet. Wenn Klient*innen Informationen über zurückliegende Operationen und über das verwendete Material nicht weitergeben können, komme es zur „Verrottung“ von innen. Auch beim Thema „Hormongabe“ fehle es an Fachwissen, das habe gravierende Folgen für Pflegende und Klient*innen. Besondere Pflegebedürfnisse von Inter* sind weitgehend unbekannt. Intergeschlechtliche Menschen fürchten Ausgrenzungen und Unterbringungen in Mehrbettzimmern. Auch sind die Bedürfnisse von intergeschlechtlichen Menschen im Alter in keiner Studie erfasst.   

Altenhilfe/ -pflege oftmals ohne zeitgeschichtliches Wissen um Lebensumstände der Klient*innen

Vera Ruhrus merkte in der Diskussion um LSBTI*-inklusive Alteneinrichtungen an, dass der Autonomiebedarf bei älteren, alleinlebenden Lesben sehr hoch sei. Lesbische Frauen* seien oft auch gut vernetzt. Hinzu komme, dass nicht alle Menschen in entsprechenden Einrichtungen der Altenhilfe/-pflege leben wollen. Es gebe den starken Wunsch, dort alt zu werden, wo man wohnt. Gleichzeitig unterstrich Vera Ruhrus, dass es in den Einrichtungen der Altenhilfe oft auch an zeitgeschichtlichem Wissen um die Lebensumstände der Klient*innen fehle (zum Beispiel Wissen um den § 175 StGB). Klient*innen haben oft Jahrzehnte im Verborgenen gelebt, ohne dass ein Coming Out möglich oder denkbar gewesen wäre. Auch wenn Lesben durch den § 175 StGB nur indirekt betroffen waren, wurden sie nicht selten Opfer von Sorgerechtsentzug und anderen Repressionen. Lucie Veith ergänzte, dass es besonders auch beim Thema Trans* und Inter* konkrete Studien brauche. Wir müssen wissen, was LSBTI* im Alter wichtig ist, so Veith. Gleichzeitig unterstrich Ruhrus, dass es eine deutliche Diskrepanz gäbe zwischen dem, was sich LSBTI* wünschen und dem, was in der Pflege überhaupt noch möglich sei. 

Frank Hoyer vom ASB NRW fügte hinzu, dass man auch darüber sprechen müsse, wie man mit den vorhandenen Ressourcen in der Pflege derzeit und zukünftig, gerade auch unter der Berücksichtigung des demografischen Wandels, eine umfassende Betreuung und Hilfe gewährleisten könne. Sina Vogt berichtete, dass die mobilen Pflegekräfte oft unter einem immensen Zeitstress stehen. In nahezu 20 Minuten müsse eine komplette Pflege erfolgen. Daher sei es nicht verwunderlich, dass Fachkräfte abblocken beim Thema „kultursensible Pflege“: „Das sollen wir jetzt auch noch machen?“

Eine Lösung könne eine Kooperation von professionellen Pflegedienstleistern und nachbarschaftlichen Netzwerken sein, merkte Vera Ruhrus an. Erschwerend komme allerdings hinzu, dass Pflegekräfte den Nutzen einer LSBTI*-kultursensiblen Pflege oft nicht wahrnehmen.

Was ist nötig, um Regenbogenkompetenz in der Altenhilfe und -pflege zu erhöhen?

  • LSBTI*-kultursensible Pflege
  • Diversity bzw. Regenbogen-Siegel mit verbindlicher Umsetzung
  • Regenbogenkompetenz muss als Mainstream-Thema in allen Einrichtungen umgesetzt werden
  • Schulungen und Workshops in allen Bereichen: „Pflege & Beratung“, „Geschlechtergerechter Umgang“, „Geschlechtergerechte Sprache“, LSBTI*-inklusive Biographiearbeit
  • Aktionspläne zum Thema Regenbogenkompetenz in Pflege und Alter
  • Das Thema Non-Binärität sollte verpflichtend in die Curricula der Aus- und Weiterbildung aufgenommen werden, zum Beispiel: „Wie spreche ich non-binäre Menschen an?“

Wie können Träger einen diskriminierungsfreien Alltag von LSBTI* Senior*innen ermöglichen?

  • Einrichtungen müssen das Thema Diversität mit in ihre Prozesse und Organisation aufnehmen
  • Maßnahmen müssen operationalisierbar sein („handpraktische Umsetzung“)
  • Träger sollten sich stärker über „best-practice“-Beispiele untereinander austauschen

Welche Forderungen leiten sich daraus für die Politik ab?

  • Studienlage verbessern: Was wünschen und brauchen LSBTI* im Alter? Wie leben LSBTI* im Alter derzeit?
  • Wissenschaft zum Thema „Pflege“ fördern: Professionalisierung, Forschungsgelder erhöhen, Professuren schaffen
  • Rechtsanspruch auf eine gerechte Pflege absichern: Es geht hier nicht um eine bloße Dienstleistung, sondern um ein Grundrecht. Leistungen stehen allen Menschen zu, LSBTI* sind keine Ausnahme. Wenn Leistungen nicht erfolgen, muss es Konsequenzen haben. Der Staat muss hier seine Kontrollpflicht durch seine Aufsichtsbehörden oder den Medizinischen Dienst der Krankenkassen wahrnehmen.
  • staatliche Förderung von entsprechenden Zertifizierungen und von Modellprojekten
  • Quartiersförderung: Menschen müssen so lang wie möglich dort leben können, wo sie wohnen. Strukturen im ländlichen Raum aufwerten
  • Leistungen im Gesundheits-/und Pflegesystem müssen unabhängig von Einkommen / Rente finanziert werden
  • Aufwertung des Pflegeberufs: finanziell, Akademisierung (Bsp. Niederlande), niedergelassene Krankenschwestern / Gemeindeschwestern (Bsp. Rheinland-Pfalz)
  • Die Haltung von Pflegenden muss verbessert werden.

An welchen Strategien sollten Verbände hier arbeiten?

  • interkulturelle Öffnung / generationale Öffnung: Verbände hängen Menschen ab, weil sie sie nicht mitdenken
  • Träger sollten stärker Synergie-Effekte zwischen nachbarschaftlicher Unterstützung und Pflege nutzen
  • innerverbandliche Studien zur Thematik „Bedarfe in Pflege und Alter“ müssen angestoßen werden
  • vielfältige Gesellschaft muss überall durchdekliniert werden (Land / Kommune)
  • Dialog mit den Wohlfahrtsverbänden: Fachtagungen, Entwicklung von Empfehlungen, bundesweites Bildungsprojekt zum Thema „Pflege“, bundesweite Fachtage
  • (Förderung der Gesundheit)
  • LSVD soll Senior*innen-Verbände wie BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenorganisationen) ansprechen, um einen großen gesellschaftsfähigen Polylog anzustoßen: Was macht ihr für LSBTI*? Wie können wir gemeinsam arbeiten?
  • Stärkung der Zugehörigen: Das X Sozialgesetzbuch (SGB I) definiert Angehörige weiter, pflegende Angehörige werden damit entlastet. Das SGB muss stärker auch auf Zugehörige ausweitet werden
  • Dialoge und Fachgespräche zwischen LSBTI*-Verbänden und Krankenkassen / Kammern / Medizinischen Diensten der Krankenkassen muss angestoßen und unterstützt werden
  • Krankenkassen, Kammern und Verbände müssen intersektional denken und arbeiten. Beispiel: LSBTI* mit Behinderung

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