LSVD

Vielfältige Geschlechter in der Kinder- und Jugendhilfe

Fachforum auf dem 3. Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung"

Wie können Angebote und Projekte der Kinder- und Jugendhilfe gestaltet werden, um inter*, trans* und gender-diversen Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu stärken und sie besser anzusprechen?

Beim dritten bundesweiten Regenbogenparlament „Akzeptanz von LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung“ diskutierten Lehr- und Fachkräfte aus den Bereichen Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, Verwaltung und Jugendverbandsarbeit sowie Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus dem Inland und Ausland darüber, wie Regenbogenkompetenz in der Kinder- und Jugendarbeit, in Schule und Medien erhöht werden kann. Regenbogenkompetenz meint dabei die Fähigkeit von Fachkräften, mit den Themen der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität professionell und möglichst diskriminierungsfrei umzugehen. Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforums "Vielfältige Geschlechter in der Kinder- und Jugendhilfe" auf dem 3. Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung" in Hamburg. Mit Mirja Janine Sachs (Vorstand, Trans* in Niedersachsen), Andreas Schröder (Fachl. Leitung, Queer Leben), Ursula Rosen (2. Vorsitzende_r, Intersexuelle Menschen e.V.), geleitet von Freddy Wenner (Autor_in und Aktivist_a) Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 3. Regenbogenparlaments "Akzeptanz für LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Das Thema „Vielfalt von Geschlecht in der Kinder- und Jugendhilfe“ ist wichtig, weil in jungen Jahren wichtige Weichen im Leben der Jugendlichen gestellt werden. Jugendliche brauchen für ihren Weg eine gute Portion Selbstsicherheit und Selbstwert. Um diese zu entwickeln braucht es ein Umfeld, in dem sie sein dürfen, wie sie sind, in dem ihnen nicht Unverständnis, Diskriminierung oder gar Hass entgegenschlägt, in dem sie sich angenommen fühlen können und unterstützt werden.“ – Mirja Janine Sachs

Kinder und Jugendliche sind in Ordnung, so wie sie sind. Trotzdem wird das Leben von trans* und gender-diversen Kindern und Jugendlichen oft sehr stark von der Angst vor negativen Reaktionen auf ihr Coming Out oder von alltäglichen Diskriminierungserfahrungen beeinflusst. Zusätzlich befinden sie sich in einer starken Abhängigkeit von Eltern und staatlichen Institutionen, was ihre persönliche Entwicklung nachhaltig prägt. Ob es nun darum geht, welche Kleidung sie anziehen, mit welchem Namen sie angesprochen werden wollen oder welche Umkleideräume sie nutzen wollen: immer sind Kinder und Jugendliche auf die Unterstützung von Erwachsenen angewiesen. Das Fachforum diskutierte, wie die bereits existierenden Angebote und Projekte der Kinder- und Jugendhilfe gestaltet werden können, um trans* und gender-diverse Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu stärken und sie besser anzusprechen. Besondere Herausforderungen wurden besprochen und Beispiele guter Praxis vorgestellt.

Ursula Rosen von „Intersexuelle Menschen“ e.V. (IM e.V.) gab zunächst einen Überblick darüber, was gesellschaftlich und insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe im Themenfeld Inter* zu beachten ist. Insgesamt handelt es sich hier um ein großes Spektrum, das man jeweils spezifisch betrachten muss und nicht allgemeingültig einfach erklären kann.

Die meisten Menschen gehen gewohnheitsmäßig von einer binären Geschlechterkonstruktion aus. Häufig ist es daher noch immer noch so, dass Eltern einseitig ein festes Geschlecht – männlich oder weiblich – für ihr Kind festlegen wollen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass Eltern und Erziehungsberechtigte ihre intersexuellen Kinder bei deren eigenem Entwicklungsprozess gut begleiten.

Daher rät der IM e.V. Eltern intersexueller Kinder in persönlichen Gesprächen wie auch Fachkräften in öffentlichen Fachveranstaltungen, die Vorstellung einer binären Geschlechterkonstruktionen abzubauen, um damit eine gesellschaftliche Offenheit gegenüber Geschlechtsvariationen zu fördern. Nur auf diese Weise können Kinder und Jugendliche vor Diskriminierung und Ausgrenzung geschützt werden. Mehrere Maßnahmen sind hierfür notwendig: Aufklärung der Eltern, Aufklärung der Öffentlichkeit, Qualifizierungen von Ärzt*innen sowie Qualifizierungen von Beratungsstellen insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe.

Andreas Schröder stellte die Situation in Berlin anhand der Erfahrungen von „Queer Leben“ dar. In der Einrichtung ist es wichtig, dass eine Geschlechterzuordnung nicht binär, sondern gemäß den (aktuellen) Selbstdefinitionen der Jugendlichen offen erfolgt. Häufig sind diese in ihrem Alltag von Mehrfachdiskriminierung betroffen wie z.B. bei jungen Leuten mit Migrationshintergrund. Trans*-Jugendliche berichten häufig, dass sie in ihrem Coming Out heftige Konflikte zu überstehen hatten, sowohl innerliche wie auch äußere Auseinandersetzungen. Das Fachpersonal erkennt am Verhalten der Bewohner*innen, dass sich weiblich sozialisierte Jugendliche häufig eher introvertiert, männlich sozialisierte Jugendliche dagegen eher extrovertiert zeigen.

Viele Jugendliche berichten davon, dass ihre Eltern sie aus ihrem Zuhause verstoßen haben. Um neues Vertrauen aufbauen zu können, benötigen die Jugendlichen einen Schutzraum.

Das fachliche Verständnis der Mitarbeitenden in den Jugendämtern hat sich in letzter Zeit deutlich verbessert. Hilfen gemäß § 35a (Eingliederungshilfe für Jugendliche, deren seelische Gesundheit bedroht ist) werden bei vier von fünf Fällen vom zuständigen Jugendamt gewährt.

Inter* sind in der Jugendhilfe wie auch im Gesundheitswesen generell weitgehend unsichtbar. Hier ist eine offene Kommunikation mit den Fachkräften der Jugendarbeit und mit den Ärzt*innen nötig. Seitens der Fachkräfte gibt es immer noch eine Hemmschwelle, solche Themen in Beratungsgesprächen aufzugreifen und ganz selbstverständlich Begriffe wie „Penis“ oder „Scheide“ zu benutzen.

Mirja Janine Sachs erläuterte am Beispiel von Trans* in Niedersachsen wie die Arbeit in einem Flächenland funktioniert. Es ist in einem Bundesland wie Niedersachsen schwer, die Anlaufstellen flächendeckend zu implementieren, da die Fläche tatsächlich sehr groß ist. Empowerment ist in der Arbeit vor Ort sehr wichtig. Dazu müssen zunächst Sportvereine und andere Vereine, die Angebote für Kinder und Jugendliche vorhalten, aufgeklärt werden. Die Schule als ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche die meiste Zeit ihres Lebens und damit ihrer Sozialisation verbringen, sollte angeregt werden, Aufklärungs- und Bildungsangebote zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt anzunehmen (z.B. vermittelt durch „Queere Bildung“ e.V.).

Die Teilnehmenden berichten von ihrer Erfahrung, dass das Thema bzw. der Bedarf nach Thematisierung bei weitem noch nicht erkannt wird, bis hin zu der Tatsache, dass die Existenz von trans* und gender-diversen Kindern und Jugendlichen geleugnet wird. Allzu oft hören sie: „Das Thema kommt bei uns nicht vor.“ Schließlich muss die Jugendhilfe ihrer großen gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen und sich sowohl in ihrer Haltung (Stichwort Leitbild bzw. Satzung) als auch in der alltäglichen Arbeit (Stichwort Fortbildung der Mitarbeitenden) dem Themenfeld widmen. Ein aktuell positives Beispiel ist Hannover. Dort hat unlängst ein queeres Jugendzentrum eröffnet, das viel Zulauf findet. regenbogenparlament2019_hamburg_07-09-2019_00051_foto-caro_kadatz.jpg

Impulse aus Podium und Fachforum

  • Die Bildungspläne für die Schulen wurden in den jeweiligen Bundesländern mittlerweile überarbeitet. Für die Kinder- und Jugendarbeit wurde die Überarbeitung hingegen noch nicht angegangen. Hier müssen die Pläne gemäß der neuesten Erkenntnisse und Bedarfserhebungen aktualisiert werden.
  • Kinder und Jugendliche in Kita und Schule erleben Toiletten mit binären Geschlechterbezeichnungen (männlich/weiblich) häufig als problematisch. Man sollte daher überall geschlechterneutrale Toiletten einführen. Es genügt auch nicht, auf die Behindertentoilette zu verweisen. Hier braucht es eine gesellschaftliche Veränderung in der Wahrnehmung der Problematik. 
  • Umkleidekabinen sollten immer auch Einzelkabinen haben
  • Die Mitarbeiter*innen der Jugendämter müssen weiter fortgebildet werden. Ebenfalls ist es für das Personal in der Jugendhilfe wichtig, in diesem Bereich gut geschult zu werden. Auch in Großstädten gibt es noch Weiterentwicklungsbedarf zur Beachtung der vielfältigen Geschlechter in der Kinder- und Jugendhilfe.

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