LSVD

Jugend international – jung und engagiert für Vielfalt und Menschenrechte

Fachforum auf dem 3. Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung"

An internationalen Austauschen nehmen auch queere Jugendliche teil. In den Begegnungen und Projekten kann für die Akzeptanz von vielfältigen Identitäten und Lebensweisen im Ausland geworben werden. Wie kann Regenbogenkompetenz in der internationalen Jugendarbeit erhöht werden? Was ist zu beachten?

Beim dritten bundesweiten Regenbogenparlament „Akzeptanz von LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung“ diskutierten Lehr- und Fachkräfte aus den Bereichen Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, Verwaltung und Jugendverbandsarbeit sowie Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus dem Inland und Ausland darüber, wie Regenbogenkompetenz in der Kinder- und Jugendarbeit, in Schule und Medien erhöht werden kann. Regenbogenkompetenz meint dabei die Fähigkeit von Fachkräften, mit den Themen der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität professionell und möglichst diskriminierungsfrei umzugehen. Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforums "Jugend international – jung und engagiert für Vielfalt und Menschenrechte" Mit Ruslan (Coming-Out St. Petersburg), Anton (T-Action St. Petersburg), Hanna Schüßler (Fachreferentin Inclusion and Diversity, JUGEND für Europa) und Inge Linne (Projektreferentin Europäische Projekte und Veranstaltungen, JUGEND für Europa), Lara Maibaum (Jugendaustausch „For our Rainbow Future“), Andrea Arnemann (Aufsichtsratsvorsitzende, AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. und Queertausch). Moderiert von Klaus Jetz (Hirschfeld-Eddy-Stiftung). Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 3. Regenbogenparlaments "Akzeptanz für LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

„Vielfalt ist eine gesellschaftliche Realität. Trotzdem gilt es insbesondere angesichts zunehmender rechtspopulistischer Strömungen in Europa, die Anerkennung von Vielfalt als Normalität und Bereicherung zu fördern und junge Menschen in der Entwicklung ihrer ganz eigenen Persönlichkeit zu bestärken. Die europäische und internationale Jugendarbeit, zu deren Wesen das Lernen durch und über Unterschiede gehört, leistet hierzu seit jeher einen bedeutenden Beitrag.“ – Hanna Schüßler

Die internationale Jugendarbeit ermöglicht es jungen Menschen, andere Länder und Kulturen kennen zu lernen, Vorurteile abzubauen und ihre vielfältige Persönlichkeit zu entwickeln. Damit gehört sie zum Kernbestand der Jugendarbeit. Gerade durch internationale Begegnungen wird ein gemeinsames Verständnis für vielfältige Lebensweisen und unterschiedliche politische sowie gesellschaftliche Sichtweisen vermittelt.

Für junge Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und intergeschlechtliche Menschen sind internationale Austausch- und Begegnungsprogramme eine Möglichkeit, um aus ihrem konservativen, häufig auch homobzw. trans*-feindlichen Umfeld auszubrechen. Gleichfalls kann durch internationale Aktionen und Programme auch für die Akzeptanz von vielfältigen Identitäten und Lebensweisen im Ausland geworben werden.

Gemeinsam mit den Teilnehmenden wurden im Fachforum neue Ansätze diskutiert, um die „Regenbogenkompetenz“ in der internationalen Jugendarbeit zu erhöhen und für ein menschenrechtsorientiertes globales Miteinander zu werben.

Lara Maibaum begründete ihre Teilnahme am internationalen Jugendaustausch „For our Rainbow Future“ damit, dass sie ihren Horizont erweitern und queere Leute außerhalb der eigenen Blase kennenlernen wollte. Sie war neugierig auf die persönlichen Geschichten der anderen Teilnehmenden und wollte räumliche Grenzen und Grenzen im eigenen Kopf (Stereotype) überwinden. Das Programm half, voneinander zu lernen sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede bewusst zu machen. Die Ergebnisse des Regenbogenparlaments sollen für die Fortführung des Jugendaustauschs genutzt werden.

regenbogenparlament2019_hamburg_07-09-2019_00078_foto-caro_kadatz.jpgRuslan von Coming Out St. Petersburg und Anton von T-Action St. Petersburg erklärten, warum ihnen der Austausch zwischen Russland und Deutschland so wichtig ist. Seit neun Jahren findet das vom LSVD Hamburg initiierte Jugendaustauschprogramm „Rainbow Exchange“ zwischen den Partnerstädten Hamburg und St. Petersburg statt. Dabei steht das gegenseitige Kennenlernen der Teilnehmenden und der Projekte vor Ort im Mittelpunkt. Am Beispiel der Aids-Prävention wurde schnell klar, dass das Infomaterial aus dem anderen Land wichtig ist und für die eigene Arbeit neue Impulse bietet, denn in Russland findet Sexualaufklärung nicht statt und es fehlen grundlegende Informationen.

Die Berichte über reale Alltagssituationen sind deswegen so wichtig, weil das
Wissen in der Bevölkerung meist auf die außenpolitischen Spannungen zwischen Deutschland und Russland und die negative Berichterstattung in den Medien reduziert ist. Auf diese Weise gehen die positiven Entwicklungen unter. Zum Beispiel gibt es inzwischen queere Feste und eine wachsende Zahl von Aktivist*innen und Unterstützer*innen und andere Erfolge der Trans*-Community (Wissenskompetenz, Beratung für Ärzt*innen und Psycholog*innen). Der Pride in St. Petersburg sorgt für Inklusion und Empowerment.

Andrea Arnemann machte darauf aufmerksam, dass zu den weltweiten Partnerländern von „ASF Interkulturelle Begegnungen/QueerTausch“ auch Verfolgerstaaten zählen. QueerTausch kann grundsätzlich niemandem von einem Wunschland abraten, da es dazu keine offizielle Stellungnahme von ASF gibt, jedoch werden aufgrund der Erfahrungsberichte der Zurückgekehrten und der Aktiven in den Partnerländern wertvolle Tipps gegeben. Deutlich zugenommen hat die Nachfrage von Trans*, wobei hier im Vorfeld eine intensive Beratung erforderlich ist.

Das Ziel von „ASF Interkulturelle Begegnungen“ ist es auch in diesem Themenfeld, Menschen zu befähigen, mit einer globalen Perspektive aktiv Verantwortung für sich und für die Herausforderungen ihres Umfelds zu nehmen. „AFS International“ ist einer der weltweit erfahrensten und größten gemeinnützigen Anbieter für Jugendaustausch und interkulturelles Lernen. Aus der ursprünglich von freiwilligen Sanitätswagenfahrern gegründeten amerikanischen Organisation „American Field Service" ist im Laufe der vergangenen 70 Jahre eine globale Gemeinschaft mit über 60 Länderorganisationen und Partner*innen geworden.

Hanna Schüßler (Fachreferentin Inclusion and Diversity) und Inge Linne (Projektreferentin Europäische Projekte und Veranstaltungen) gaben einen Überblick über die Arbeit von „JUGEND für Europa“. Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der EUKommission setzt JUGEND für Europa als Nationale Agentur die EU-Programme Erasmus+ JUGEND IN AKTION und Europäisches Solidaritätskorps in Deutschland um. LSBTI* sind in den europäischen Förderprojekten vertreten, denn die Förderpriorität liegt auf sozialer Inklusion, dementsprechend auch Diversität. Es gibt allerdings keine aussagekräftigen Daten über LSBTI*-Teilnehmer*innen in den geförderten Projekten, da diese wegen des Datenschutzes nicht erhoben werden. In Deutschland gibt es jedoch durchaus beispielhafte Projekte, die sich an junge LSBTI* richten.

Inge Linne macht darauf aufmerksam, dass im Rahmen von Erasmus+ JUGEND IN AKTION und dem Europäischen Solidaritätskorps auch Projekte informeller Gruppen gefördert werden können, die in keine Organisation eingebunden sind. Insgesamt stehen vielfältige Fördermittel zur Verfügung, die nicht alle in gleichem Maße abgerufen werden. Ein möglicher Grund hierfür könnte sein, dass gerade kleine Projekte nicht wissen, dass sie Anträge stellen können bzw. wie sie den Antrag stellen müssen. Hierzu bietet JUGEND für Europa Beratung und Trainings an.

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„Welche Möglichkeiten gibt es, um in internationalen Austauschprojekten für Vielfalt und ein LSBTI*-inklusives Menschenrechtsverständnis zu werben?“ - Ergebnisse der Gruppenarbeit

Forderungen

  • Verpflichtung von Dachverbänden zur Inklusion von LSBTI* als Qualitätsmerkmal (Siegel)
  • Rechtssicherheit garantieren

Maßnahmen

  • Voraussetzung für finanzielle Förderungen: Umgang der Organisation mit LSBTI*
  • Städtepartnerschaften einbeziehen
  • Sensibilisierung und Schulung von Fachkräften integriert in Vorbereitungskonzepte und intersektionelle Trainings und Workshops
  • Formale Hürden abbauen (Finanzen, Visa, Pässe)
  • Peer to Peer einbeziehen

Strategien

  • Intersektionalität des Vielfaltsthemas hervorheben
  • Bündelung in einem Kompetenzzentrum für LSBTI* in Deutschland oder weltweit
  • Sichtbarkeit erhöhen (Erfahrungsberichte, Informationen zu good practice sammeln und austauschen)
  • durch Unterstützung und Solidarität das Gruppengefühl stärken

Fallbeispiel „Austauschprojekt mit Jugendlichen in Russland“ - eine Checkliste

Vor dem Austausch

  • Vortreffen in Deutschland: Vertretung der russischen Gruppe zur Vorbereitung einladen (z.B. klären, ob genderneutrale WCs vor Ort vorhanden sind und welchen konkreten Bedürfnissen (z.B. Hormone) begegnet werden muss)
  • Auswärtiges Amt informieren („Gefahrenliste“)
  • Gastfamilien bzw. Unterkünfte bewusst auswählen und briefen
  • allgemeine Informationen einholen: Gesetzeslage im Wortlaut abklären und die Gruppe über russische Gesetze aufklären, evt. auf die Arbeit mit Minderjährigen vorbereiten, dabei beachten, dass die Rechte von Ausländer*innen besser geschützt werden
  • Sensibilisierung der Teilnehmenden zur Gruppenstärkung: Informationen über LSBTI* mittels thematischer Handreichungen oder Aufklärungsworkshops zum Thema „Queer in Deutschland“
  • Briefing zu allgemeinen Verhaltensregeln (was geht, was geht nicht?); dabei nicht nur negative Beispiele bringen, die Stress erzeugen könnten
  • Verständigung über die Behandlung interner und externer Konflikte
  • Abklärung, welche Personen sich (nicht) geoutet haben

Während des Austauschs

  • safe spaces kreieren
  • verantwortliche Ansprechperson in der kooperierenden Organisation
  • queeren Verein in Russland besuchen
  • queersensible Pädagog*innen als Begleitung
  • ständige Übersetzer*in
  • in der Außendarstellung statt eindeutiger Begriffe wie LSBTI* besser umschreibende Formulierungen gebrauchen wie z.B. „Inklusion“

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