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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD⁺)

Bewusst respektvoll kommunizieren

Keine Angst vor Sprache. Keine Angst vor Fehlern. Keine Angst vor Veränderung.

Wie schaffe ich es, vor allem jungen Menschen in ihrer oft vielschichtigen Suche nach ihrer eigenen Identität zu unterstützen, ihnen Halt zu geben und sie nicht noch zusätzlich durch Sprache zu diskriminieren? Wie ist es möglich, sich sprachlich sensibel aus zudrücken und Sichtbarkeit für diejenigen zu schaffen, die bisher wenig oder keinen Raum im öffentlichen Diskurs einnehmen? Und wie kann es gelingen, Personen aller Geschlechter auf eine respektvolle Art und Weise anzusprechen und geschlechtliche Vielfalt auch sprachlich sichtbar zu machen?

In diesem Beitrag geht es um bewusst respektvoll kommunizieren. Die Inhalte dieses Artikels stammen aus dem vierten "Queer Papier", das im Rahmen des LSVD⁺-Projektes im Kooperationsverbund „Selbstverständlich Vielfalt“ im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" entstanden ist. Die Papiere richten sich an Fachkräfte und Aktive in der Kinder- und Jugendarbeit sowie in Wohlfahrtsorganisationen.

Alle "Queer-Papiere" können Sie sowohl online als PDF herunterladen als auch in gedruckter Form kostenfrei bestellen unter: koordinierungsstelle@lsvd.de.

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Wirkmächtigkeit der Sprache
  2. Was haben Geschlecht und Machtverhältnisse mit Sprache zu tun?
  3. Sprache schafft Sichtbarkeit und fördert Akzeptanz
  4. Sprache kann Gleichberechtigung und Akzeptanz der vielen Geschlechter fördern
  5. Sprache schafft Sicherheit
  6. Wie kann ich als Fachkraft für eine respektvolle und genderreflektierte Kommunikation sorgen?

Mit unserem “Queer-Papier: Bewusst respektvoll kommunizieren“ möchten wir Sie als Fachkräfte und Pädagog*innen für eine geschlechtergerechtere und eine inklusivere Sprache sensibilisieren und Ihnen vor allem (auch) Mut machen. Die Welt verändert sich und so verändert sich auch die Sprache, sie hat es immer schon getan. Das Schöne ist: Die Beschäftigung mit unserer Sprache und ihrer Wirkung hilft uns, uns und die Welt, in der wir leben, besser zu verstehen. Die eigene Sprache ist immer auch Ausdruck unserer Werte, unserer Haltung und Erfahrungen sowie unserer Ziele.

Doch wie schaffe ich es, vor allem jungen Menschen in ihrer oft vielschichtigen Suche nach ihrer eigenen Identität zu unterstützen, ihnen Halt zu geben und sie nicht noch zusätzlich durch Sprache zu diskriminieren? Wie ist es möglich, sich sprachlich sensibel aus zudrücken und Sichtbarkeit für diejenigen zu schaffen, die bisher wenig oder keinen Raum im öffentlichen Diskurs einnehmen? Und wie kann es gelingen, Personen aller Geschlechter auf eine respektvolle Art und Weise anzusprechen und geschlechtliche Vielfalt auch sprachlich sichtbar zu machen? Auf diese und andere Fragen möchten wir im Nachfolgenden eingehen und Ihnen erste Denkanstöße geben, um Sprache gerecht, diskriminierungsarm und vielfaltssensibel anwenden zu können.

1. Die Wirkmächtigkeit der Sprache

Laut Duden ist Sprache „ein System von Zeichen und Regeln, das einer Sprachgemeinschaft als Verständigungsmittel dient.“ Wie wir Sprache benutzen, bestimmt also, wie gut wir uns in einer Gemeinschaft, also auch in einer Gesellschaft, verständigen können. Anders als bei gesellschaftspolitischen Begriffen kann man beispielsweise auf ein Haus zeigen und sagen: Das ist ein Haus. Alle können sehen, was ein Haus ist, darauf kann man sich also leicht verständigen. Doch bei abstrakten gesellschaftspolitischen Begriffen wie Gleichberechtigung, Identität, geschlechtlicher Selbstbestimmung und Emanzipation ist das anders. Diese Dinge können wir nicht sehen, wir brauchen Worte, um sie zu definieren. Und welche Worte ich verwende, entscheidet darüber, welches “Framing”, welches “Kopfkino“, also welche Wertung und vor allem auch welche Haltung damit verbunden ist. Welche Wörter wir für bestimmte Dinge verwenden, entscheidet also auch darüber, mit welchen unterbewussten Erfahrungen wir sie verknüpfen und mit welchen Emotionen wir sie verwenden.

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Ein Paradebeispiel dafür ist, dass Geflüchtete mit einer unkontrollierbaren Naturkatastrophe verglichen werden, wenn z. B. von einer vermeintlichen “Flüchtlingswelle“ die Rede ist. Ob von “Homolobby” oder von “Interessensvertretungen” die Rede ist, macht ebenfalls einen großen Unterschied. Wer vom “Homosexuellenmilieu” spricht, bringt Homosexuelle in eine dubiose
Ecke. Der Zusatz “Milieu“ sorgt dafür, dass Homosexualität negativ besetzt wird, da er häufig im Zusammenhang mit Kriminalität verwendet wird. Unbewusst findet also eine Gleichsetzung von Kriminalität mit Homosexualität statt. Wer davon spricht, dass sich jemand zu seiner Homosexualität “bekennt”, tut so, als sei dies etwas Anrüchiges. Neben dem Bekenntnis ihres
Glaubens bekennen sich Menschen ebenfalls zu ihrer Schuld. Unbewusst findet also wieder eine Verknüpfung zwischen Schuld/Sünde und Homosexualität statt. Besser wäre es an dieser Stelle von einem Menschen zu sprechen, der “offen“ homosexuell lebt. Allein an diesen Beispielen erkennen wir, welche Wirkmächtigkeit die Verwendung von bestimmten Wörtern und ihrer damit verbundenen Konnotation haben kann.

Der jüdische Romanist und Literaturwissenschaftler Victor Klemperer, der vom nationalsozialistischen Unrechtsregime verfolgt wurde, brachte diese Wirkmächtigkeit von Sprache und Wortwahl auf den Punkt: „Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie wer
den unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da.“ Auch das Kürzel LSBTIQ* (Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen) wird häufig als “Buchstabensalat” verspottet und als komplizierte, sperrige und unnötige Zumutung empfunden. Menschen äußern ebenfalls, dass man doch früher diese ganzen Identitäts-Kategorien gar nicht gebraucht
habe. Aber eigentlich gibt es jetzt nur mehr Aufmerksamkeit auf das Thema: Sexualität und Geschlecht waren schon immer ein Spektrum mit vielen möglichen Varianten. Populist*innen und Extremist*innen jeglicher Couleur haben die Sprache als neuen Kampfplatz auserkoren und agieren dabei mit Kampfbegriffen wie “Gender Gaga“ oder einer herbei philosophierten über mächtigen “Homo-Lobby“. Die Verwendung des Begriffs “Lobby“ manipuliert an dieser Stelle durch seine Assoziation mit Machteinfluss, fehlender Transparenz und Verschwörung, anstatt mit einer legitimen und selbstgewählten Interessenvertretung.[1]

2. Was haben Geschlecht und Machtverhältnisse mit Sprache zu tun?

Jenseits der zweigeschlechtlichen Norm von männlich und weiblich existiert eine Vielfalt geschlechtlicher Identitäten. Unser Personenstandsrecht kennt auch heute schon vier möglich Personenstände bzw. Geschlechtseinträge: männlich, weiblich, divers* und keinen Eintrag. Männlich und weiblich sind neben trans*, nicht-binär, intergeschlechtlich und weiteren geschlechtlichen Identifikationsformen nur zwei mögliche Varianten. Die geschlechtliche Identität ist ein wichtiger Bestandteil der eigenen Persönlichkeit. Wenn wir also über geschlechtliche Vielfalt sprechen, geht es auch darum anzuerkennen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Eine geschlechtergerechtere Sprache möchte dieser Realität Rechnung tragen. Sprache war und ist immer schon ein Mittel, um gesellschaftliche Realitäten zu beschreiben – das gilt auch für die Frage der geschlechtlichen Identität.

Wer in der Sprache nicht vorkommt, ist in der Gesellschaft weniger sichtbar und läuft Gefahr, marginalisiert und ausgegrenzt zu werden. Sprache ist somit auch ein Spiegel gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Mit unserer Sprache entscheiden wir auch darüber, über wen wie gesprochen wird und wer vor allem nicht benannt wird. Sprache hat somit auch das Potential, Machtverhältnisse zu formen, zu verfestigen oder eben auch zu verändern. Ein inklusiver und diskriminierungsarmer Sprachgebrauch ist auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. Die Frage ist nicht etwa, was heute nicht mehr als vermeintlich “politisch korrekt“ gesagt werden “darf“, sondern vielmehr, was nicht mehr gesagt werden will.[2]

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Ein Grund, warum sich Menschen gegen inkludierende Sprache in Bezug auf Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen (LSBTIQ*) wehren, ist auch, dass sie diese Ausgrenzung nicht wahrhaben und das eigene potentiell ausgrenzende Verhalten nicht reflektieren wollen. Forderungen nach einer möglichst diskriminierungs- und ausgrenzungsfreien Sprache werden somit oft als “Spinnerei“, als ein “Luxusproblem irgendwelcher Eliten“ abgetan, die mit der Realität von Menschen in prekären Lebenssituationen wenig zu tun haben.

Will man also dazu beitragen, Diskriminierung und Ausgrenzung durch Sprache zu vermeiden, ist es sinnvoll, sich und anderen bewusst zu machen, wie sehr es Diskriminierung und Ausgrenzung von LSBTIQ* in unserer Gesellschaft immer noch gibt. Trotz der enormen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten ist etwa das Coming-out für viele junge Menschen auch heute noch eine große Herausforderung. Ein Großteil queerer Menschen traut sich immer noch nicht, sich im Job zu outen. Nach aktuellen Studien ist die Suizidgefährdung bei trans* und nicht-binären Menschen in Deutschland fünf- bis sechsmal höher als bei cisgeschlechtlichen Menschen. Auch eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt auf, dass LSBTIQ* im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich häufiger von psychischen und körperlichen Krankheiten betroffen sind. Allein der Anteil von Depressionen und Burnout ist dreimal so hoch. 40 Prozent der trans* Menschen leiden unter Angststörungen. Mirjam Fischer, eine der Leiter*innen der Studie, schreibt: „Der Weg zu gleichen Chancen auf ein gesundes Leben ist für LSBTIQ* Menschen steinig. Gesellschaftliche und institutionelle Diskriminierung gehen Hand in Hand mit einer deutlich höheren psychischen und körperlichen Belastung.”[3]

Die Gleichstellung und Akzeptanz von LSBTIQ* ist auch sprachlich noch in weiter Ferne. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Gesellschaft die Lebensrealitäten von LSBTIQ* lange mehrheitlich abwertete, ihre Identitäten pathologisierte oder sie strafrechtlich verfolgte. So kriminalisierte der Paragraf 175 im Strafgesetzbuch (StGB) über 123 Jahre Homosexualität und legitimierte die staatliche Verfolgung von schwulen und bisexuellen Männern. Erst seit 1994 gibt es in der Bundesrepublik keine strafrechtliche Sondervorschrift zur Homosexualität mehr. Noch bis 1990 führte die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität als Krankheit im Diagnoseschlüssel ICD-10. 2018 überarbeitete die Weltgesundheitsorganisation die Klassifikation der Krankheiten. Die psychiatrische Diagnose “Transsexualität“ und alle damit in Zusammenhang stehende Diagnosen wurden aus dem Katalog der psychischen Krankheiten entfernt. Das OP-Verbot an intergeschlechtlichen Kindern wurde in Deutschland erst 2021 auf den Weg gebracht.

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3. Sprache schafft Sichtbarkeit und fördert Akzeptanz

Sprache ist der Schlüssel dafür, gesellschaftliche Vielfalt nicht nur zu beschreiben, sondern auch dafür zu sorgen, dass diese auch sichtbar wird. Worte und Begriffe tragen entscheidend dazu bei, dass sich marginalisierte Menschen überhaupt gesehen und gemeint fühlen. Deswegen ist es wichtig, darauf zu achten, ob sich durch die Wahl meiner Worte Menschen angeschlossen oder ausgeschlossen fühlen.

Wer die “Ehe für alle” zur “Schwulen-Ehe” macht, lässt die Lesben außen vor. Die fehlende sprachliche und bildliche Repräsentation von Lesben sowie bisexuellen und nicht-binären Menschen kommt in vielen homosexuellen Kontexten vor. Das führt dazu, dass in den Medien Regenbogenfamilien mit Bildern von Männer-Paaren bebildert werden, obwohl die aller meisten “Regenbogen”-Kinder von lesbischen Müttern aufgezogen werden.[4] Wer die CSDs zur “Homo Parade” erklärt, vergisst so beispielsweise bisexuelle, trans* und inter* Menschen. Richtig wäre es also, hier von queeren Menschen zu sprechen oder von LSBTIQ*. Die Buchstaben „LSB“ im Akronym LSBTIQ*, also lesbisch, schwul und bisexuell, beschreiben die sexuelle Orientierung, also wen wir begehren. Das ist etwas anderes als T und I, also trans* und inter*, wo es um geschlechtliche Identität bzw. Geschlechtlichkeit als solche geht. Das Q öffnet das Kürzel auch für all jene Menschen, die sich nicht in die vorherigen Kategorien einordnen können und wollen.

Wer sich mit dem “Buchstabensalat“ beschäftigt, wird feststellen, dass LSBTIQ* Menschen keine homogene Gruppe sind. Ihre Erfahrungen, Chancen und Identitäten sind abhängig von vielen Faktoren: sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität, Hautfarbe, Alter, Religion, (sozialer) Herkunft, ob sie sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren
oder nicht. Besonders junge Menschen finden vermehrt Selbstbezeichnungen, die über die genannten Begrifflichkeiten hinausgehen.

4. Sprache kann Gleichberechtigung und Akzeptanz der vielen Geschlechter fördern

Sichtbarkeit in der Sprache ist jedoch nicht nur für scheinbare Minderheiten eine Frage gesellschaftlicher Emanzipation, sondern von zentraler Bedeutung für die Gleichstellung aller Geschlechter. Über viele Jahre hat die deutsche Sprache durch die Verwendung des generischen Maskulinums Frauen und queere Personen nicht sichtbar gemacht und so weniger gesellschaftliche Sichtbarkeit verliehen. Was viele nicht wissen: Auch die Verwendung des generischen Maskulinums ist eine Form des “Genderns“. Während Wörter wie “Pilot“, “Arzt“ oder “Professor“ lange in unserem Sprachgebrauch bekannt waren, kamen Professorinnen, Ärztinnen und Pilotinnen in der Sprache lange nicht vor. Besonders Mädchen und Frauen fehlte es dadurch an sprachlich sichtbaren Vorbildern. Das machte sich auch in den jeweiligen Ausbildungen und Studiengängen bemerkbar. Sprache hat und hatte dadurch auch einen direkten Einfluss auf die Entwicklung und Bildungschancen junger Menschen.

Die Frage der geschlechtlichen Gleichberechtigung wird immer gesellschaftlich, aber gleichzeitig auch auf der Ebene von Sprache geführt. Das gilt für Frauen genauso wie für trans*, nicht-binäre oder beispielsweise intergeschlechtliche Menschen. Auch wenn Frauen durch die Verwendung des Binnen-I in unserem Sprachgebrauch sichtbarer geworden sind, teilen sie immer noch gemeinsame Erfahrungen mit trans*, nicht-binären oder auch intergeschlechtlichen Menschen. Ihre Existenz und ihre Geschlechtlichkeit sind in der Sprache noch immer nicht so sehr angekommen, wie es der gesellschaftlichen Realität entspricht. Gleichberechtigung und Akzeptanz von (geschlechtlicher) Selbstbestimmtheit ist in unserer Sprache auch heute noch keine gängige Praxis.

In Deutschland gibt es normierende Instanzen, die über die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung wachen – so etwa der Rat für deutsche Rechtschreibung. Dieser lehnte zwar in einer Stellungnahme im März 2021 eine einheitliche geschlechtergerechte Schreibweise mit Asterisk (“Gender-Stern“), Unterstrich und Doppelpunkt ab, betonte jedoch auch, dass
allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll und sie sensibel angesprochen werden sollen.[5] Dies sei allerdings eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe, die nicht allein mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden könne. Gleichzeitig will der Rat prüfen, ob verschiedene Zeichen zur Geschlechtergerechtigkeit in der Schriftsprache nicht doch geeignet sein könnten. Diese Entwicklung zeigt vor allem auch, dass sich die Normen unserer Sprache dem gesellschaftlichen Diskurs anpassen können. Daher ist es sinnvoll und gut, dass sich Menschen im offiziellen Sprachgebrauch frei entscheiden können, ob sie geschlechtergerecht sprechen und schreiben wollen. Eine Möglichkeit ist dabei auch die Verwendung von geschlechtsneutralen Begriffen, um beispielsweise Menschen mit einer nicht-binären Geschlechteridentität respektvoll ansprechen zu können. Hier haben Initiativen und Vereine, wie der Verein für geschlechtsneutrales Deutsch, bereits erste Vorschläge gemacht.[6]

Die Verwendung des Gender-Sterns bzw. Gender Gaps ist mittlerweile weit verbreitet und bietet eine Möglichkeit, die Vielfalt von Geschlechtlichkeiten sichtbar zu machen. Auch der Gender-Doppelpunkt findet in mehr und mehr Texten Verwendung. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit, geschlechtsneutrale Begriffe oder Umschreibungen zu verwenden. Tipps und Vorschläge sind beispielsweise im Internet unter geschicktgendern.de oder genderleicht.de zu finden.

Welche Varianten verwendet werden, hängt von der persönlichen Präferenz ab. In puncto Barrierefreiheit ist zu sagen, dass der Gender-Doppelpunkt auf einer Liste nicht empfohlener Gender-Kurzformen des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverban des (DBSV) steht.[7] Gründe sind Probleme beim Vorlesen – sei es durch einen Computer oder durch eine Person – und bei der Darstellung in Blindenschrift. Trotzdem wird der Doppelpunkt zunehmend als eine
besonders blinden- und sehbehindertenfreundliche Form des Genderns dargestellt. Grund ist vermutlich die Annahme, dass der Doppelpunkt von Screenreadern standardmäßig nicht vorgelesen werde, weil er im Gegensatz zu Stern und Unterstrich kein Sonderzeichen, sondern ein Interpunktionszeichen ist. Abgesehen davon, dass dies von den Screenreadern unterschiedlich gehandhabt wird, hat der Doppelpunkt jedoch wichtige Funktionen, weshalb viele blinde und sehbehinderte Menschen ihn sich vorlesen lassen. Das Unterdrücken des Doppelpunktes führt zudem zu einer längeren Pause als das Unterdrücken anderer Zeichen. So kann der Eindruck entstehen, der Satz sei zu Ende. Falls jedoch mit Kurzformen gegendert werden soll, empfiehlt der DBSV, das Sternchen zu verwenden. Zudem ist davon auszugehen, dass Doppelpunkt und Unterstrich für sehbehinderte Menschen schlechter erkennbar sind als das Sternchen. Noch besser ist es, wenn Formulierungen gefunden werden, die kein Geschlecht ausschließen, wie beispielsweise “Mitarbeitende“, “Lehrkräfte“ oder “pädagogisches Personal“.

Zu einer geschlechtergerechten Sprache gehören jedoch nicht nur Gender-Stern & Co, sondern auch die Anrede von Menschen. Besonders in der Kinder- und Jugendarbeit ist es wichtig, Kinder und Jugendliche mit dem für sie passenden Vornamen anzusprechen und über sie mit dem passenden Pronomen zu sprechen. Um diesen Wunsch zu erfüllen, braucht es nicht zwingend eine rechtliche Anerkennung der Vornamens- oder Personenstandsänderung. Auch
in Dokumenten, Anschreiben und anderen Kommunikationsformen lässt sich ein solcher Wunsch in der Regel gut umsetzen. Davon ausgenommen sind jedoch meist amtliche Dokumente. Wenn Menschen um eine Veränderung in der Anrede bitten, sollte das ernst genommen werden und nicht als „Quatsch“ oder „Phase“ abgewertet werden. In den meisten Fällen ist diesem Wunsch ein langer innerer Prozess vorausgegangen. Die Verwendung des falschen Vornamens und Pronomens kann als schmerzhaft und diskriminierend empfunden werden.

5. Sprache schafft Sicherheit

Das Coming-out ist heute immer noch für viele eine existentielle Erfahrung. Wie es verläuft und ob es eine stärkende oder eher verletzende Erfahrung ist, hängt entscheidend davon ab, welche Signale das Umfeld sendet. Pädagog*innen und Sozialarbeitenden kommt dabei eine ganz besondere Verantwortung zu. Durch das, was sie sagen – und vor allem aber auch dadurch, was sie nicht sagen, tragen sie entscheidend dazu bei, ob es positive und akzeptierende Coming-out Verläufe gibt oder ob junge Menschen Ablehnung erfahren und Angst vor einem Coming-out haben.

Bei einer Befragung von Schüler*innen aus 50 repräsentativ ausgewählten Berliner Schulklassen gaben über 60 Prozent der Sechstklässler*innen an, innerhalb der letzten zwölf Monate “Schwuchtel” oder “schwule Sau” als Schimpfwort selbst benutzt zu haben.[8]
Auch heute noch ist “schwul” als Adjektiv für „blöd“, „lächerlich“ oder vermeintlich „übermäßig feminin“ (“schwuler Pulli”) an den Schulen allgegenwärtig.

Viele Lehrkräfte wollen die diskriminierenden Signale eines solchen Sprachgebrauchs vor der Klasse nicht thematisieren; oft weil sie der Meinung sind, die Schüler*innen verstünden ja, dass damit keine Abwertung einer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität gemeint sei. Gerade in einer Zeit, in der Homosexualität und Queerness durch viele Filme, TV-Sendungen und internationale Serien überwiegend positiv besetzt sind, können sie sich oft nicht vorstellen, dass viele Schüler*innen auch heute noch mit ihrer Identität hadern. Doch: Nur weil sich junge Menschen nach außen stark geben, bedeutet dies nicht, dass diskriminierende Sprache sie nicht trifft. Wer will schon als uncool dargestellt werden oder öffentlich ein „Opfer“ sein.

Nur weil auch queere Menschen mitlachen, wenn über queerfeindliche Schimpfwörter oder Stereotype gelacht wird, bedeutet das nicht, dass sie sich dadurch nicht trotzdem verletzt und verunsichert fühlen können. Dieses fehlende Sicherheitsgefühl bedingt mit, dass es meist mehrere Jahre dauert, bis sich junge Menschen nach ihrem selbsteingestandenen (dem “inneren”) Coming-out zum “äußeren”, dem öffentlichen Coming-out vor anderen durchringen können.

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6. Wie kann ich als Fachkraft für eine respektvolle und genderreflektierte Kommunikation sorgen?

Für Erzieher*innen und pädagogische Fachkräfte sollte es also nicht nur darum gehen, selbst keine abwertenden Wörter zu benutzen oder Klischees zu bedienen. Sie sollten darüber hinaus aktiv vermitteln, wie problematisch ein solcher Sprachgebrauch sein kann, und Kinder und Jugendliche proaktiv sensibilisieren. Dabei zahlen sich konkrete Konfrontationen aus: Wenn jemand sagt, dass mit dem Ausdruck “schwuler” Pulli ja gar nicht “schwul” im Sinne von “schwul” gemeint sei, hilft oft die Nachfrage, warum dann das Wort “schwul” verwendet wurde. Eine solche Reflexion hilft, diskriminierende Denkweisen bei sich selbst zu erkennen.

Grundsätzlich sollten sich pädagogische Fachkräfte und Erziehende immer darüber bewusst sein, dass Diskriminierung und Abwertung nicht dadurch geschehen, wie das Gesagte gemeint ist, sondern wie es bei dem Gegenüber ankommt. Deswegen ist es auch meist müßig, darüber zu streiten, wie wer was gemeint haben will, sondern sich darauf zu verständigen, Dinge so zu formulieren, dass keine Abwertung empfunden wird. Das eigene Denken und die eigene Sprache auf Diskriminierungssensibilität zu prüfen und entsprechend anzupassen, ist ein fortlaufen der Prozess, der mit stetigem Fehler-Machen und Lernen verbunden ist. Das gilt sowohl für Jugendliche als auch für Pädagog*innen. Eine nachhaltige Veränderung führt längerfristig allerdings zu einem geschärften Bewusstsein für Diskriminierungsformen – deshalb ist ein ständiges Auseinandersetzen und Reflektieren essenziell. 

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Fußnoten

[1] Vgl. „Zwingt eine übermächtige „Trans*Lobby“ der Gesellschaft ihren Willen auf? Beitrag in der Broschüre: Soll Geschlecht jetzt abgeschafft werden? 12 Fragen und Antworten zu Selbstbestimmungsgesetz & Trans*geschlechtlichkeit.S.9. Online verfügbar unter: https://www.lsvd.de/media/doc/6564/2022._soll_geschlecht_jetzt_abgeschafft_werden._broschuere_selbstbestimmungsgesetz.pdf 
[2] So schreibt es auch die Journalistin Alice Lanzke in dem Leitfaden zur diskriminierungssensiblen Sprache: Lanzke, Alice (2019): Diskriminierungssensible Sprache in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit - Arbeitshilfe für den Bereich Wort. Zentrum für Migration und Arbeitsmarkt (Hrsg.). Online verfügbar unter: https://zemigra.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Schulung/ZEMIGRA/Dateien/190724_Arbeitshilfe_Wort_final.pdf 
[3] Zitiert nach: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2021): Geringere Chancen auf ein gesundes Leben für LGBTQI*-Menschen. Online verfügbar unter: https://www.diw.de/de/diw_01.c.810358.de/publikationen/wochenberichte/2021_06_1/geringere_chancen_auf_ein_gesundes_leben_fuer__lgbtqi_-menschen.html 
[4] Vgl. Statistisches Bundesamt (2021): Auszug aus dem Datenreport 2021 – Kapitel 2: Familien, Lebensformen und Kinder. Online verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Service/Statistik-Campus/Datenreport/Downloads/datenreport-2021-kap-2.pdf?__blob=publicationFile 
[5] Vgl. Rat für deutsche Rechtschreibung (2021): Geschlechtergerechte Schreibung: Empfehlungen vom 26.03.2021. Online verfügbar unter: https://www.rechtschreibrat.com/geschlechtergerechte-schreibung-empfehlungen-vom-26-03-2021/ 
[6] Vgl. Verein für geschlechtsneutrales Deutsch. Online verfügbar unter: https://geschlechtsneutral.net/motivation/ 
[7] Vgl. Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (2021): Gendern. Liste nicht empfohlener Gender-Kurzformen. Online verfügbar unter: www.dbsv.org/gendern.html#gendern 
[8] Vgl. Ulrich Klocke: Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen / 2012, S. 46f. Online verfügbar unter: https://www.psychologie.hu-berlin.de/de/prof/org/download/klocke2012_1