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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

Der Impact von Covid-19 auf LGBTIQ

"Verschärfte Verletzlichkeiten" - Bericht von Outright Action International

Gesundheitskrisen und Katastrophen wirken sich auf gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich aus. An deren Folgen leiden bereits marginalisierte Gruppen überdurchschnittlich. Daher braucht es LGBTIQ-inklusive gesundheitliche, humanitäre und ökonomische Hilfsmaßnahmen. Wir übersetzen die wichtigsten Erkenntnisse aus einem Bericht von Outright Action International.

Gesundheitskrisen und Katastrophen wirken sich auf gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich aus. An deren Folgen leiden bereits marginalisierte Gruppen überdurchschnittlich. Daher gab Outright Action International im Mai 2020 den Bericht "Vulnerability amplified: The impact of the COVID-19 pandemic on LGBTIQ people" heraus. Dieser basiert auf Literaturrecherche und Interviews mit 59 LGBTIQ aus 38 Ländern, die im März und April 2020 durchgeführt wurden. Outright Action International fordert darin abschließend, LGBTIQ-inklusive gesundheitliche, humanitäre und ökonomische Hilfsmaßnahmen. Wir übersetzen in diesem Artikel die wichtigsten Erkenntnisse. Einen ausführlichen Artikel auf die Auswirkungen von Corona auf LSBTI in Deutschland findet sich hier.

Erfahrungen aus vergangenen Pandemien wie Ebola oder Zika bzw. Naturkatastrophen wie dem Tsunami von 2004, dem Vulkanausbruch auf Indonesien 2010, dem Erdbeben auf Haiti 2010 oder dem tropischen Zyklon Winston 2016 zeigen eine Marginalisierung von LGBTIQ vor, während und nach diesen Krisen. Der Zugang zu Recht, Gesundheit, Bildung, Arbeit, Wohnung und anderen Dienstleistungen bzw. Unterstützung in Katastrophenfällen ist oftmals versperrt oder erschwert.

Gleichwohl gibt es oftmals keine genauen Daten zu den Auswirkungen auf LGBTIQ. Vorhandene Forschung über gegenderte Effekte von Katastrophen und Notfällen fokussiert nur auf cisgender Frauen und Mädchen und formuliert genderinklusive Antworten auf Pandemien ohne LGBTIQ mitzudenken.

Outright Action International betont, dass die beschriebenen Effekte abhängig von den Bedingungen vor dem Ausbruch von Covid-19 sind. Faktoren seien etwa die Stärke der Zivilgesellschaft, eine bestehende Kriminalisierung, die vorhandene staatliche Infrastruktur und deren Ressourcen.

1. Arbeitslosigkeit, Hunger und Armut

Job-/ Einkommensverlust führt zu Hunger, Armut und Wohnungsverlust

  • LGBTIQ überproportional im informellen Sektor bzw. bestimmten Berufen wie Sexarbeit oder von Armut betroffen
  • Beschäftigung im informellen Sektor oder als Tagelöhner*innen vs. Lockdownmaßnahmen
  • müssen Schulden machen und nehmen Kredite bei zwielichtigen Gebern auf
  • Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, müssen sie sich Gefahren der Infektion oder der Gewalt wegen Verstößen gegen Lockdown aussetzen
  • Sexarbeiter*innen können kaum/ kein Geld verdienen und haben keinen Zugang zu sozialen Absicherungsmaßnahmen
  • Curfews hindern Communityorganisationen Essen zu verteilen während LGBTIQs von staatlichen Hilfen direkt oder indirekt mitunter ausgeschlossen sind
  • fehlende familiäre Unterstützung oder auf religiösen Communities beruhende Unterstützung
  • Fehlende Identitätsdokumente vs. Staatliche Unterstützungsleistungen
  • unterbrochenene Lieferketten führen zu steigenden Preisen

Beispiele aus Ländern

  • Erfahrung nach Erdbeben von Haiti 2010: Ausgabe von Essensmarken nur für cisgender Frauen eines Haushalts diskriminierte trans* Frauen und Männerhaushalte während lesbische und bisexuelle Frauen sich oft nicht sicher in den Warteschlangen fühlten
  • Geschlechtergetrennte Ausgangsbeschränkungen in Panama führt zu Diskriminierung von trans* Personen
  • Auf Philippinen gibt es eine staatliche Notfallversorgung von Familien, gleichgeschlechtliche Paare sind damit nicht gemeint
  • in Sri Lanka gibt die Polizei Essensrationen aus, LGBTIQ meiden die Polizei

2. Fehlender Zugang zu medizinischen Diensten / Zögern, Hilfe zu suchen

Diskriminierung im Gesundheitswesen / der Gesundheitsversorgung

  • Verweigerung medizinischer Behandlung nach Coronainfektion (HIV-positive und/oder trans* Personen) / Stigma LGBTI
  • Verweigerte Behandlung oder andere zuerst behandelt
  • Angst vor Stigma, Diskriminierung, Outing und Misgendern führt zu Nichtinanspruchnnahme von Behandlungen
  • Angst vor medizinischer Isolation / Quarantänestationen in Krankenhäusern
  • geschlossene Community Health Kliniken / Organisationen (Einstufung als nicht-essentiell)
  • kein Zugang zu Tests in townships bzw. kein Geld dafür
  • mentale Gesundheit: Panik- und Angstattacken / Auswirkungen der Situation

Stopp anderer medizinischer Dienste wie HIV, Hormonbehandlungen, STI oder psychische Gesundheit

  • Behandlung mit Prep oder antivirale Behandlungen bzw. Hormonbehandlungen nicht prioritär
  • eingeschränkte Bewegungsfreiheit durch Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen verhindern Abholung von Medikamenten in anderen Städten/ Vierteln, unterbrochene Lieferketten,
  • bereits vor Covid schwierig Hormone zu bekommen
  • erzwungener Stopp der Transition u.a. auch in Niederlande, Belgien

3. Anstieg familiärer und häuslicher Gewalt

erzwungenes Zusammenleben

  • Shutdown von Hilfesystem und Counseling
  • Depressionen / negativer Einfluss auf psychische Gesundheit
  • häusliche Gewalt ansteigend

4. Soziale Isolation und steigende Angst

erzwungene Isolation durch Schließung queerer Orte und fehlende Kontakte zu Wahlfamilie

  • Auswirkungen auf psychische Gesundheit
  • Erzwungener Abbruch von Therapien
  • Angebote für Obdachlose geschlossen
  • Kein Zugang zur Community

5. Angst vor Gewalt, Diskriminierung und Sündenbock zu werden

Erfahrungen nach Naturkatastrophen oder Ebola

  • Beschuldigungen als "Gottes Strafe für Laster"
  • rechtfertigung bzw. Anstachelung zu Übergriffen auf LGBTIQ
  • erhöhte Stigmatisierung und Gewalt durch Beschuldigung Auslöser von Covid-19 zu sein
  • entsprechende Vorfälle u.a. in Ghana, Guyana, Kenia, Liberia, USA, Russland, Uganda, Ukraine, Simbabwe

6. Missbrauch staatlicher Macht

  • Ausweitung staatlicher Macht und steigendes Risiko von Menschenrechtsverletzungen unter dem Vorwand der Seuchenbekämpfung
  • Militarisierung und Polizeiübergriffe, Demonstrationsverbote, Überwachung: Armee bedeutet rigide Gendernormen, Homosexualitätsverbot und Hypermaskulinität
  • Überwachung und Tracking: werden sie nach Covid zurückgenommen?
  • Ausrufung des nationalen Notstandes
  • Kaum zivilgesellschaftlicher Widerstand möglich
  • Delegitimierung von LGBTI-Politiken als unwichtig
  • Übergriffe auf bestimmte Gruppen, Legitimation von Überwachung, Verabschiedung schädlicher Gesetze: Polen, Ungarn, Uganda, Philippinen
  • UNAIDS-Statement kritisiert Ungarn, Polen und Uganda (Statement vom 09.04.)
  • Zwei Statements des UN-Sonderberichterstatters gegen Gewalt und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, geschlechlichen Identität oder des geschlechtlichen Ausdrucks (SOGIE): Polizeirazzien in Uganda und transfeindliches Gesetz in Ungarn

7. Überleben von NGOs und Aktivismus?

zivilgesellschaftliche Advocacy on hold

  • sämtliche Advocacy-Arbeit, parlamentarische Anhörungen oder strategische Gerichtsverfahren sind gestoppt, UPR-Reviews
  • Angst vor Stopp von Geldern und Funds, weil Geberorganisationen neuen Fokus setzen (LGBTIQ Anliegen als nachrangig) oder verabredete Aktivitäten nicht abgehalten werden können
  • Ehrenamt könnte zurückgehen, da andere Prioritäten
  • We are in this together => Hoffnung auf unity
  • Vertrauen kann nicht online aufgebaut werden

8. Empfehlungen

Für Regierungen

  • Konsultation von LGBTIQ bei Ausarbeitung und Implementierung der Seuchenbekämpfungsmassnahmen
  • Nahrungsmittellieferungen für alle verfügbar machen
  • Zugang zu medizinischen Dienstleistungen ermöglichen
  • Zugang zum Rechtsstaat nach Gewalterfahrungen sichern
  • LGBTIQ sensible Dienstleistungen von law enforcement agencies
  • Verurteilung von Anti-LGBTIQ-Rhetoriken und Beschuldigungen
  • Priorisieren von Entkriminalisierung und Antidiskriminerungspolitiken/-gesetzen

Für Geberorganisationen

  • Flexibel, engagiert und Unterstützung erhöhen (auch für praktische Hilfe und Armutsbekämpfung): Was brauchen die Communities jetzt?
  • Beteiligung an Nothilfe und Sicherstellung, dass diese nicht diskriminiert
  • Bei Unterstützung großer internationaler Organisationen Antidiskriminierung einfordern und zur Bedingung machen (im Gegensatz zu vor allem religiös-konservativen Organisationen)

Für UN-Institutionen, humanitäre Organisationen, NGOs etc.

  • Sicherstellen von LGBTIQ inklusiver Katastrophenhilfe durch Konsultation und Kooperation
  • Sicherstellen eines sicheren, diskriminierungsfreien Zugang zu Nothilfe
  • LGBTIQ-sensible Informationen zu Covid-19
  • LGBTIQ beachten, wenn es um vergeschlechtlichte Auswirkungen geht
  • Dokumentation von lessons learned für inklusive Nothilfe und Antworten auf Pandemien
  • Globale Leitlinien entwickeln für LGBTIQ-inklusive Antworten auf Katastrophen und Pandemien

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