Regenbogenkompetenz im Fußball

Ergebnisse des Fachforums auf dem ersten Regenbogenparlament „Akzeptanz für LSBTI“ in Berlin

Welche Rahmenbedingungen begünstigen Homophobie im Fußball? Welche Maßnahmen sind nötig, um die Regenbogenkompetenz im Fußball zu erhöhen? Welche Herausforderungen stellen sich für den Breitensport?

Im Rahmen des bundesweit ersten Regenbogenparlaments diskutierten wir darüber, wie „Regenbogenkompetenz“ in der Sozialen Arbeit, im Sport, in Religionsgemeinschaften, bei der Versorgung und Integration von Geflüchteten, in den Medien und auch in der auswärtigen Kultur-und Sprachpolitik erhöht werden kann. Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforums "Regenbogenkompetenz im Fußball" mit Björn Fecker (Kommission Gesellschaftliche Verantwortung des DFB/Präsident des Bremer Fußball-Verbandes), Christian Rudolph (LSVD-Projekt Soccer Sound), Johanna Small (Discover Football), Gerd Liesegang (Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes), Nikola Staritz (fairplay – Initiative für Vielfalt & Antidiskriminierung), moderiert von Nicole Selmer (stellv. Chefredakteur*in ballesterer Fußballmagazin). Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 1. Regenbogenparlaments "Akzeptanz von LSBTI* - Miteinander stärken" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Das Fachforum unter der Leitung der Sportjournalist*in Nicole Selmer diskutierte in zwei Forenrunden über die Herausforderungen und bereits bestehende gute Ansätze zum Thema „Regenbogenkompetenz im Fußball“.

Das Projekt „Soccer Sound“ des LSVD Berlin-Brandenburg blickt bereits auf eine mehrjährige Kooperation mit dem Berliner Fußballverband (BFV) zurück. Seit sieben Jahren besteht hier eine intensive Zusammenarbeit. Christian Rudolph (Projekt Soccer Sound) beschrieb gemeinsam mit Gerd Liesegang vom Berliner Fußballverband (BFV) den Anfang der Zusammenarbeit und wies auf die Wichtigkeit eines kontinuierlichen Austauschs hin.

Im Fußball und in Vereinen werden Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und intergeschlechtliche Menschen nur selten ausdrücklich mitgedacht oder angesprochen. LSBTI*-Lebenswelten seien daher dort kaum sichtbar. Besonders die Vereine im Amateurbereich setzen sich nicht ausreichend mit dem Thema „Vielfalt“ auseinander. Oft fehlen hier die Kontakte zu LSBTI*-Vereinen, das nötige Knowhow und/oder Ressourcen (u.a. Zeit). Für das LSVD-Fußballprojekt Soccer Sound ist der BFV einer der wichtigsten Multiplikatoren*innen. Das LSVD-Projekt agiert hier auf drei unterschiedlichen Ebenen:

  • Zusammenarbeit mit Verbänden (Berliner-Fußballverband)
  • Zusammenarbeit mit Vereinen aus dem Amateur- und Profibereich, dabei machen Amateurvereine machen den Großteil der Fußballer*innen in Berlin aus (ca. 500.000 Aktive)
  • Zusammenarbeit mit Fans

Ergebnisse der Zusammenarbeit zwischen LSVD Berlin-Brandenburg und dem Berliner Fußball-Verband

  • Broschüren und Leitfäden für Schiedsrichter*innen und Vereinsleitungen
  • Aufklärung & Sensibilisierung von Vereinen
  • Organisation von gemeinsamen Aktionstagen / Fachtagen mit Vereinen (jährlich) aus dem Amateur- und Profibereich
  • Runder-Tisch gegen Homophobie (jährliches Format)
  • Kostenfreie Fanpakete für Vereine mit Broschüren, Leitfäden, Regenbogenschnürsenkel für Mannschaften und Regenbogen-Kapitänsarmbinden

Gerd Liesegang vom Berliner Fußballverband betonte, wie wichtig es sei, auch auf die Sprache und den Umgang in Vereinen und auf dem Platz zu achten. Durch die Sprache werden oft auch Werte und eben auch Anfeindungen transportiert. Mit dem Thema Trans* und Intergeschlechtlichkeit beschäftige sich der Verband ebenso. Man müsse das Spielrecht so anpassen, dass alle Menschen mitspielen können und wollen. Eine Entscheidung des Sportgerichts stehe hier allerdings noch aus. Der BFV ist einer der ersten deutschen Landesverbände, der sich mit den Themen Trans* und Inter* im Fußball auseinandersetzt.

Johanna Small von Discover Football unterstrich, dass es besonders in der Praxis auf dem Platz dringende Veränderungen braucht. Das fängt beispielsweise damit an, wenn sich alle Teams gemeinsam in einer Umkleidekabine umziehen müssten. Das sei für viele Menschen eine Hürde, sich überhaupt in einen Verein einzubringen. Small plädierte dafür, offenere Strukturen zu schaffen und damit positive Sporterlebnisse zu befördern.

Björn Fecker von der Kommission „Gesellschaftliche Verantwortung des DFB“ ging in seinem Statement auf bereits stattgefundene positiven Beispiele beim DFB ein. Es gebe eine Offenheit für das Thema beim DFB, so Fecker. Beim Petersberger-Dialog in Russland sei das Thema Homophobie offen angesprochen worden. Im Jahr 2013 hat der Deutsche Fußball-Bund eine Broschüre zum Thema „Homosexualität im Fußball“ erstellt. Auch hat der Verband das Thema „Homophobie“ in einem ersten Pilotprojekt in Hamburg in seine Kompetenzschulungen integriert. In diesen Schulungen werden Theorie und Fußballpraxis zusammengebracht. Der Verband plant 2018/2019 Vertretungen der Landesfußballverbände und der Zivilgesellschaft im Rahmen eines Stakeholder-Dialogs zusammenzubringen. Fecker wünschte sich auch, dass zivilgesellschaftliche Organisationen wie der LSVD oder Discover Football häufiger den Kontakt zu Vereinen und Verbänden suchen.

Nikola Staritz von fairplay (Initiative für Vielfalt & Antidiskriminierung) aus Österreich merkte an, wie sehr sich die Situation in Österreich von der in Deutschland unterscheidet. In der Vergangenheit habe es immer wieder homophobe Zwischenrufe bei Spielen der Profiliga (Rapid Wien) gegeben. Minutenlang seien homophobe Sprechchöre und Banner im Fernsehen zu sehen gewesen, ohne dass eine entsprechende Kommentierung erfolgte. Eigentlich gab es zwischen Vereinen und Initiativen eine gute Zusammenarbeit (Präventionsbroschüre), doch diese sei seit einiger Zeit eingeschlafen. Die Fußballvereine in Österreich wollten vieles im Stillen unter sich lösen. Das Bewusstsein, sich gegen homophobe und transfeindliche Äußerungen im Fußball auszusprechen, sei bei NGOs zwar vorhanden, aber auf Vereinsseite und bei Fußballverbänden habe man deutliche Rückschritte gemacht.

Alle Beteiligten waren sich darüber einig, dass es derzeit sehr schwierig ist, auch andere Sportarten neben dem Fußball zu erreichen. Darüber hinaus werden meist nur die Männer, nicht aber Lesben wahrgenommen. Das macht sich auch in der Förderung bemerkbar.

Ein Großteil der Aufmerksamkeit und Gelder geht noch immer in den Fußball – und dann eher auch nur in den Profibereich. Die Vereine, in denen sich die meisten Menschen aktiv einbringen, fallen aus dieser Förderung meist heraus. In diesem Zusammenhang merkte Small an, dass Discover Football im Oktober 2019 eine internationale Konferenz zum Thema „Diverse Identitäten“ im Sport plant. Hier soll es vor allem darum gehen, das Thema „Diversität“ im Kontext des Breitensports zu diskutieren.

Welche Rahmenbedingungen begünstigen Homophobie im Fußball?

  • Männlichkeitsbilder sind ein wichtiger Faktor.
  • Besonders in Sportarten, in denen Frauen weniger bis gar nicht sichtbar sind, ist eine starke Homophobie zu beobachten.
  • Je diverser Gruppen und Sportvereine aufgestellt sind (besonders in Bezug auf Geschlechter), desto weniger kommen homophobe Einstellungen vor.
  • Geschlechtertrennung beim Training und bei Spielen kann ebenso ein Nährboden für Homophobie sein.

Welche Maßnahmen sind nötig, um die Regenbogenkompetenz im Fußball zu erhöhen?

1. Durch den Fußball-Verband:

  • Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt muss in die Trainer*innen / Übungsleiter*innen-Ausbildung
    integriert werden.
  • Ehrenamtlich organisierte Vereine brauchen Unterstützung von den hauptamtlichen DFB-Strukturen, um das Thema anpacken zu können.
  • Verbände müssen mehr Haltung zeigen und sich im In- und Ausland offen gegen Homophobie und Trans*feindlichkeit positionieren.
  • Niedrigschwellige Sensibilisierungs- und Fortbildungsmaßnahmen sind gefordert, besonders für den Amateurbereich; Schulungen für Vereine sollten kostenlos angeboten werden.
  • Große Verbände und Vereine sollten mit gutem Beispiel vorrangehen.
  • Es sollten Ansprechpersonen für Vielfalt in den Verbänden benannt werden.
  • Doppelstrategie beim Thema „Regenbogenkompetenz im Fußball“: top-down + bottom-up-Ansätze gleichzeitig realisieren.

2. Im Verein vor Ort

  • Es braucht mehr Kooperationen zwischen Vereinen und LSBTI*-Initiativen.
  • Strukturen auf den Plätzen und in den Vereinen müssen sich öffnen, zum Beispiel im Hinblick auf Regeln, Umkleidekabinen, Vereinsführungen, Trainer*innen.
  • Leuchtturmprojekte zu stärken hat Vorbildfunktion für andere Vereine; Gute Beispiele ziehen andere Vereine mit.
  • Diversität muss auf allen Vereinsebenen mitgedacht werden.
  • Aktive in Vereinen müssen befähigt werden, bei Anfeindungen aktiv zu reagieren und einzuschreiten.
  • Alle Vereine sollten auch Frauen- und Mädchen-Teams haben.

3. Für den „Breitensport“ insgesamt

  • Platzierung von Respekt & Vielfalt als Thema des Sports: „Vielfalt im Sport“ muss in die Landesaktionspläne der Bundesländer aufgenommen werden.
  • Netzwerkpartner*innen müssen sichtbar werden, z.B. durch regelmäßigen Austausch und partnerschaftliche Zusammenarbeit.
  • Frauen* sollten als Leitungen, Trainer*innen etabliert werden.
  • gemeinsames Training von Frauen*- und Männer*-Mannschaften (auch in Trainingslagern und in „geschützten Räumen“)
  • Lokale Demokratiezentren müssen einbezogen werden.
  • Nachwuchsleistungszentren müssen das Thema „Regenbogenkompetenz“ aufnehmen und ihre Programme LSBTI*-inklusiv gestalten.
  • „Plan Nachhaltigkeit Homophobie“ (ähnlich zu Media-Plan Nachhaltigkeit) beim DFB

Regenbogenkompetenz weitergedacht ...

Im Fachforum „Regenbogenkompetenz im Fußball“ waren sich alle Beteiligten darüber einig,
dass es derzeit sehr schwierig sei, auch andere Sportarten neben dem Fußball zu erreichen.
Doch einige Wochen später zeigte sich, dass nach dem Regenbogenparlament die Ideen aus
dem Forum in die Vereine getragen wurden.

Die 1. Bundesligamannschaft im Wasserball der SG Neukölln e.V. und der Berliner Schwimm-
Verband e.V. traten nur wenige Wochen nach der Diskussion mit einem eigenen Aktionstag für
mehr Vielfalt im Sport ein. Vereinsmitglieder hatten am Regenbogenparlament teilgenommen und die Impulse aus dem Fachforum gleich mit in die Schwimmhalle genommen. Mit Regenbogen-Badehosen und Wasserballkappen machten sie deutlich, dass im Sport jede*r willkommen ist und Homophobie ins Abseits gehört.

Herausforderungen für den Breitensport

  • fehlende Netzwerke zwischen Verbänden, Vereinen und LSBTI* Initiativen
  • Bedarfe in Stadtstaaten (Hamburg, Berlin usw.) unterscheiden sich sehr von den Anforderungen in Flächenländern (Niedersachsen, Baden-Württemberg, Bayern usw.)
  • Vereine müssen von sich aus das Thema anpacken wollen.
  • Andere Sportarten (Boxen, Volleyball usw.) müssen angesprochen werden.
  • Ausgrenzung von Trans* und Inter* im Sport
  • Von Homophobie wird meist nur im Fußball (Profibereich) und in Bezug auf Männer gesprochen; Probleme im Frauenfußball werden nicht wahrgenommen.
  • In Ausbildungsprogrammen der Fußballverbände ist das Thema „Homophobie“ oft nicht enthalten.
  • Vereine und Verbände kennen oft nicht die richtigen Ansprechpersonen (Sport + LSBTI*).
  • Hochglanz-Kampagnen sind gut, Vereine an der Basis unterstützen sie jedoch kaum.
  • Amateur-Vereine werden beim Thema „Vielfalt“ kaum gefördert.
  • Es fehlt an einer vielfältigen Darstellung von aktiven Sportler*innen in den Vereinspublikationen; die mangelnde Sichtbarkeit von Frauen im Sport ist ein zu wenig beachtetes Problem.

Das Regenbogenparlament in Berlin war eine Veranstaltung des LSVD-Projekts "Miteinander stärken. Rechtspopulismus entgegnewirken" in Kooperation mit dem Referent*innenrat der Humboldt-Universität zu Berlin. Moderiert wurde es von Dr. Julia Borggräfe. Hier gibt es die gesamte Dokumentation des ersten Regenbogenparlaments "Akzeptanz für LSBTI*

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