Lebenswelten von LSBTI* in Medien – Wunsch und Wirklichkeit

Ergebnisse des Fachforums auf dem ersten Regenbogenparlament „Akzeptanz für LSBTI“ am 17.02.2018 in Berlin

Wie werden LSBTI* in den Medien dargestellt? Was macht eine faire und diskriminierungsarme Berichterstattung aus?

Im Rahmen des bundesweit ersten Regenbogenparlaments diskutierten wir darüber, wie „Regenbogenkompetenz“ in der Sozialen Arbeit, im Sport, in Religionsgemeinschaften, bei der Versorgung und Integration von Geflüchteten, in den Medien und auch in der auswärtigen Kultur-und Sprachpolitik erhöht werden kann. Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforums "Lebenswelten von LSBTI* in Medien – Wunsch und Wirklichkeit" mit Stephanie Kuhnen (Journalistin und Herausgeberin des Buches „Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit“); Lucie Veith (Verein Intersexuelle Menschen), Tilmann Warnecke (Der Tagesspiegel), Katrin Kroemer (Freie Journalistin und Mitglied im Bundesvorstand des Deutschen Journalisten-Verbands, DJV), moderiert von Markus Ulrich (LSVD-Pressesprecher). Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 1. Regenbogenparlaments "Akzeptanz von LSBTI* - Miteinander stärken" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Im Fachforum 5 diskutierten die Teilnehmenden in zwei methodisch unterschiedlichen Blöcken. In der ersten Forumsrunde leiteten jeweils zwei der Expert*innen zwei Thementische, um über Wunsch und Wirklichkeit in der medialen Darstellung von LSBTI* zu diskutieren.

Thementisch 1: Wie nehmen wir die Repräsentation von LSBTI* in den Medien wahr? (Kontexte, Konnotation, Themen und Personengruppen)

  • Sensationscharakter und Ignoranz
  • Skandalisierung von Ausgrenzungsversuchen (Pastor X hat gesagt ...)
  • Stereotype und Klischees (einerseits Überbetonung, andererseits Ent-Normalisierung)
  • Konnotation nur in Extremen (Flamboyant / Hypersexualisierung versus defensiv „der bekennende Homosexuelle)
  • Klischees und Stereotype: Steffi Jones (Werbung), Marcus Urban/Thomas Hitzlsperger
  • Angst vor „Exotisierung“
  • Darstellung von LSBTI* ist meist Gegenmodell zu Mehrheit bzw. „das Besondere“
  • LSBTI*-Darstellung auch in Geschlechtsrollen: Lesben mit Kindern, Schwule als Künstler
  • Unsichtbarkeit: LSBTI* wenig vertreten, nur bei Themen wie Schwulenparade, HIV, Homo-Ehe;
  • wenig thematisiert als Normalität, zum Beispiel in Fernsehfilmen
  • schwule Flamingos (um die „Natürlichkeit“ von Homosexualität zu beweisen)
  • Klischees: desexualisierte Lesben versus sexualisierte Schwule
  • Versuch der Umdrehung von LSBTI* als „das Schützenswerte“ durch Rechtspopulist*innen
  • realitätsferne Bilder: asexuelle Personen
  • über die Bildsprache
  • Werbung in Geschlechterrollen
  • Emotionalisierung als Zeitgeist
  • überregionale positive Berichterstattung zu Ehe für alle / Geschlechtseintrag, aber nicht auf regionaler Ebene
  • schwule Wintersportler
  • Normalisierung in den Boulevard-Medien (Berichte in Gala oder Bunte über lesbische und schwule Stars)

Thementisch 2: Wie sollten LSBTI* in den Medien dargestellt werden? (Kontexte, Konnotation, Themen und Personengruppen) 

  • an Jugendlichen ausgerichtete LSBTI*-Formate
  • LSBTI*-Jugendliche medial sichtbar machen, auch als Profis ihrer Lebenswelt und nicht nur als Ziel von Pädagogik / Therapie
  • Stimmen von Alliierten „Leaving the queer bubble“ 
  • Fotos von Menschen nicht nur von hinten (oder nur Hände), sondern mit ihrem Gesicht
  • mit mehr Medien- / Fachkompetenz
  • mehr Sichtbarkeit 
  • handelnde queere Menschen: LSBTI*-Umweltschützer*innen / LSBTI*-Unternehmer*innen
  • Sichtbarkeit von LSBTI* in den Medien, auch jenseits vom LSBTI*-Fokus
  • Humor, spielerischer Umgang 
  • Diversität innerhalb der LSBTI* zeigen (z.B. Geschichten außerhalb der konsumorientierten, durchtrainierten schwulen Männer)
  • intersektionale Präsenz von LSBTI*
  • vielfältige Darstellung von Geschlecht
  • aus menschenrechtlicher Perspektive, nicht nur über Identitäten
  • Geschlecht mehr in den Fokus nehmen, in seiner Vielfalt und mit Blick auf mehr Rechte
  • mehr nicht-queeren Journalismus, der sich mit den LSBTI*-Themen beschäftigt
  • mehr gleichberechtigte Darstellung von LSBTI*
  • Aufbrechen stereotyper Darstellungen
  • gemeinsame Strategien entwickeln
  • „queere Medien-Kompetenz“

Lesbische (Un-)Sichtbarkeit in den Medien

Im zweiten Teil des Fachforums diskutierten die Expert*innen Stephanie Kuhnen, Journalistin und Herausgeberin des Buches „Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit“, Lucie Veith, Verein Intersexuelle Menschen, Tilmann Warnecke vom Tagesspiegel sowie Katrin Kroemer, Freie Journalistin und Mitglied im Bundesvorstand des Deutschen Journalisten-Verbands, DJV, zur Frage einer „fairen Berichterstattung“.

Die Expert*innen waren sich einig, dass die Berichterstattung in Bezug auf lesbische Frauen – besonders im Rahmen der Öffnung der Ehe – eine Katastrophe war. Weibliche Expert*innen waren in den Medien kaum präsent, sondern meist nur schwule weiße Männer. Journalist*innen müssten hier eine besondere Sensibilität beweisen und lesbische sowie trans* Frauen wahrnehmen und ihre Stimmen hören. Es geht hier schließlich um Interessenvertretung, die von homosexuellen Männern nicht bzw. nur unzureichend wahrgenommen werden kann, so die Buchautorin Stefanie Kuhnen. Im Umkehrschluss würden schwule Männer sich auch nicht von lesbischen Frauen vertreten lassen.

Eine Professionalisierung der Presse- und Medienarbeit sei dringend notwendig. Allerdings können die oftmals ehrenamtlich organisierten Organisationen das nur schwer leisten. Folgende Kriterien kristallisierten sich dabei als besonders wichtig heraus:

Kriterien einer fairen Berichterstattung

  • Recherche-Gespräche sollten in einem respektvollen Rahmen stattfinden; die Privatsphäre des
    Gegenübers muss von Journalist*innen respektiert werden.
  • Eine Berichterstattung kann die Privatsphäre von Partner*innen oder Ursprungsfamilien verletzen; daher sollten Texte bzw. eine Berichterstattung den betreffenden Personen vorher gezeigt werden: besonders bei Themen, die die Persönlichkeit der betreffenden Person berühren wie Sexualität, Geschlecht usw.
  • Zitate vorher autorisieren lassen 
  • gegenseitiger offener und vertrauter Umgang
  • Journalist*innen müssen professionell handeln und agieren (Rahmenbedingungen von Interviews, Gesprächen usw.). Dazu gehört auch, sich vor den jeweiligen Gesprächen zu informieren wie zum Beispiel: „Was bedeutet Intergeschlechtlichkeit“?
  • reflektierte Berichterstattung
  • Menschenrechtsansatz als Referenzrahmen für die Arbeit und auch für die Berichterstattung
  • Sichtbarkeit braucht Sicherheit. LSBTI* fühlen sich für diese Sichtbarkeit nicht sicher genug und scheuen, daher oft den direkten Kontakt mit Medienvertreter*innen bzw. Interviewsituationen. Daher gibt es auch nur wenig Bilder von LSBTI* in den Medien (vor allem Zeitungen).
  • Sichtbarkeit und Empathie muss durch Menschen geschaffen werden.
  • Vertrauensvolle Beziehung zwischen Journalist*innen und LSBTI* und ihren Organisationen

„Der Austausch beim Regenbogenparlament hat mir wirklich neue Einblicke in die Lebenswelten von LSBTI* eröffnet, alle für mich spannend und bereichernd. Die besonderen Erfahrungen aus dem Fachforum Medien nehme ich gerne mit zur weiteren Debatte im Deutschen Journalisten Verband.“Katrin Kroemer

„Mein Eindruck war, dass ein großer Wunsch nach einer vielfältigeren Repräsentation von LSBTI* in den Medien besteht – und auch nach einer „alltäglicheren“: Also zum Beispiel die Lehrerin, die auch lesbisch ist, oder der Richter, der auch trans ist. Hier gibt es sicher noch viel zu tun, das kann man auch selbstkritisch als queerer Journalist feststellen.“Tilmann Warnecke

„LSBTI* müssen sich im Umgang mit Medien bewusst machen, dass auch ihre eigenen Vorstellungen von sich selbst durch kuratierte Sichtbarkeiten geformt werden und normativ wirken. Sichtbare Selbstvertretung stellt tatsächliche Vielfalt her. Es liegt auch in unserer Hand, welche Themen und Bilder produziert werden. Die Medien sehen, wem und auch was wir selbst eine Bedeutung zumessen.“ – Stephanie Kuhnen

„Repräsentationen sind politisch und umkämpft. Es geht nicht ausschließlich um Sichtbarkeit per se, sondern immer mehr auch um die Art und Weise der Sichtbarkeit: Wer wird wann wie wo repräsentiert – oder eben gerade nicht? Bei der Vermittlung von Anliegen und Alltag der Community haben Medien und Journalist*innen eine große Verantwortung, und gut gemeint ist lange noch nicht gut gemacht.“Markus Ulrich

Das Regenbogenparlament in Berlin war eine Veranstaltung des LSVD-Projekts „Miteinander stärken. Rechtspopulismus entgegenwirken“ in Kooperation mit dem Referent*innenrat der Humboldt-Universität zu Berlin. Moderiert wurde es von Dr. Julia Borggräfe.

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