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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

Was ist Homosexualität? Antworten zu Lesben und Schwulen

Es gibt viele Vorurteile und Unwissen über Homosexualität. Wir beantworten die häufigsten Fragen zu Lesben und Schwulen.

Wir beantworten die häufigsten Fragen zu Lesben und Schwulen. Wie viele Menschen sind lesbisch oder schwul? Was ist die Ursache von Homosexualität? Kann Homosexualität „geheilt“ werden? Sucht man sich das aus? Ist Homosexualität eine Sünde oder unnatürlich? Haben Lesben noch nicht den richtigen Mann gefunden? Sind Schwule keine „richtigen“ Männer? Wer ist in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung der Mann und wer die Frau?

Fragezeichen

Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist Homosexualität?
  2. Wie viele Menschen sind lesbisch oder schwul?
  3. Wie leben Lesben und Schwule?
  4. Was ist die Ursache von Homosexualität?
  5. Sind Lesben und Schwule krank?
  6. Kann Homosexualität „geheilt“ werden?
  7. Trans* Personen sind verrückt.
  8. Sucht man sich aus, lesbisch bzw. schwul zu sein?
  9. Können Kinder und Jugendliche zu Homosexualität verführt werden?
  10. Haben Eltern von Lesben und Schwulen was falsch gemacht?
  11. Homosexualität verwirrt Kinder.
  12. Wie merkt man, dass man schwul/lesbisch ist?
  13. Was bedeutet Coming-out?
  14. Homosexualität ist unnatürlich!
  15. Homosexualität ist eine Sünde und gegen die Religion?
  16. Homosexualität ist was aus dem Westen. Bei „uns“ gibt es das nicht.
  17. Homosexualität ist sinnlos, weil Lesben und Schwule keine Kinder bekommen können.
  18. Ein Kind braucht Vater und Mutter!
  19. Wer übernimmt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung den männlichen und wer den weiblichen Part?
  20. Lesben sind keine richtigen Frauen und Schwule keine richtigen Männer!
  21. Wie haben Lesben / Schwule Sex?
  22. Lesben haben noch nicht den richtigen Mann und Schwule haben noch nicht die richtige Frau gefunden?
  23. Man kann nicht einfach Geschlechter erfinden.
  24. Homosexualität gab es früher nicht!
  25. Gibt es immer mehr Lesben und Schwule?
  26. Hassen Lesben Männer!?
  27. Schwule sind eine Gefahr für Kinder!?
  28. Muss ich jetzt Lesben und Schwule gut finden?

1. Was ist Homosexualität?

Homosexualität ist Liebe und Sexualität, die zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen gelebt wird. Weit verbreitet ist die (Selbst-)Bezeichnung „lesbisch“ für gleichgeschlechtlich liebende und begehrende Frauen bzw. „schwul“ bei Männern. Hier gibt es unser Glossar "Was bedeutet LSBTI" für weitere Begriffe der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt.

2. Wie viele Menschen sind lesbisch oder schwul?

Es gibt keine zentrale Meldestelle für Sexualität. Niemand muss irgendwo angeben, wen man liebt. Zum anderen gibt es natürlich auch Lesben und Schwule, die nicht offen leben können und /oder wollen. So ist es auch unmöglich, eine genaue Anzahl homo- und bisexueller Menschen zu benennen. Das erklärt die unterschiedlichsten Ergebnisse der existierenden Untersuchungen.

In einer repräsentativen Umfrage des Bielefelder Meinungsforschungsinstituts Emnid von 2001 haben 4,1% der befragten Männer und 3,1 % der befragten Frauen angegeben homo- bzw. bisexuell zu sein. Mit 9,4 der befragten Männer und gar 19,5 Prozent der befragten Frauen fühlten sich jedoch wesentlich mehr Menschen vom gleichen Geschlecht erotisch angezogen.

Eine europaweite Umfrage des Berliner Meinungsforschungsinstitut Dalia Research vom Oktober 2016 kam zu dem Ergebnis, dass sich 7,4% der Befragten als LGBT identifizieren, 10,9% der Befragten beschrieben sich als nicht ausschließlich heterosexuell, 6,8% gaben an, sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle Neigungen zu haben.

Eine repräsentative Befragung von YouGov im Juni 2021 kam zu dem Ergebnis, dass sich 7% der in Deutschland lebenden Menschen als lesbisch, schwul, bisexuell oder trans* identifizieren. Laut dem LGBT+ Pride 2021 Global Survey von Ipsos identifizieren sich hingegen 3 % als trans* und 11 % als nicht-heterosexuell.

Auch wenn sich die Zahlen unterscheiden. Sicher ist: Mit großer Wahrscheinlichkeit haben alle lesbisch, schwule und/oder bisexuelle Bekannte, Arbeitskolleg*innen, Nachbar*innen, Freund*innen oder Familienangehörige. Es könnte jedoch sein, dass nicht jede*r das weiß.

3. Wie leben Lesben und Schwule?

Schwule und Lesben kaufen Brötchen, fahren Rad, gehen zur Arbeit, in die Schule oder zur Uni, lesen Zeitung, haben gelegentlich Rückenschmerzen, besuchen das Schwimmbad, stöhnen über ihre Steuererklärung, stöbern nach Sonderangeboten und fliegen nach Mallorca. Nur ihre Liebe und Sexualität unterscheidet sie von den meisten anderen. Schwule bevorzugen Männer, Lesben interessieren sich mehr für Frauen. Deswegen erfahren sie noch allzu oft negative Reaktionen und erleben Diskriminierungen oder homophobe Gewalt.

Lesben und Schwule sind jedoch auch noch mehr als bloß homosexuell. Es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass die vielen Lesben und Schwulen in Deutschland gleich sind und leben. Sie sind keine homogene Gruppe. So macht es auch einen Unterschied, ob man z.B. lesbisch oder schwul lebt, in der Großstadt oder auf dem Land, alt ist oder jung, weiß ist oder eine andere Hautfarbe hat, die deutsche Staatsbürgerschaft hat oder hier um Asyl und Aufenthalt kämpft, ob man arm ist oder nicht, Kinder hat oder nicht, wie religiös man ist, wie und wann man aufgewachsen ist und in welchem Umfeld man lebt. All das hat Einfluss auf die Erfahrungen von Lesben und Schwulen und bestimmt ihren Alltag.

siehe auch: Erfahrungen von lesbischen und bisexuellen Frauen in Deutschland bzw. Erfahrungen von schwulen und bisexuelle Männern in Deutschland.

4. Was ist die Ursache von Homosexualität?

Die meisten Schwulen und Lesben sind sehr skeptisch gegenüber der Ursachenforschung. Denn die Geschichte hat gezeigt: meist ging es darum, Homosexualität zu heilen oder auszurotten.

Immer wieder hieß es, es sei eine Erklärung für die Ursache von Homosexualität ausfindig gemacht worden, z. B. biologische Besonderheiten oder Erziehungseinflüsse. Lange Zeit wurde Homosexualität als Krankheit gesehen bzw. behauptet, dass junge Menschen zur Homosexualität verführt werden können. All diese Erklärungen haben sich als falsch herausgestellt. Es ist absurd, komplexe Verhaltensmuster wie die menschliche Liebesfähigkeit oder die sexuelle Identität monokausal auf genetisch-biologische Ursachen zurückführen zu wollen. Es scheint, dass sexuelle Orientierung das Ergebnis einer komplexen Mischung aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren ist.

Nur über eines sind sich die meisten Wissenschaftler*innen heute einig: Die sexuelle Ausrichtung steht sehr frühzeitig fest, lange vor der Pubertät. Ob wir homo-, bi- oder heterosexuell sind, liegt außerhalb unserer Einflussmöglichkeiten und unseres Willens. Verhindern oder verändern lässt es sich nicht.

Aber warum wird eigentlich verzweifelt nach einem Grund für Homosexualität gesucht, und niemals die Frage aufgeworfen, warum jemand heterosexuell ist? Spannender und wichtiger wäre es zudem zu erforschen, warum Menschen Lesben und Schwule ablehnen oder ausgrenzen und diskriminieren. Was ist eigentlich deren Problem und warum stören sie sich an der Liebe und Sexualität anderer?

5. Sind Lesben und Schwule krank?

Lesben und Schwule werden auch krank. Sie haben Schnupfen, brechen sich das Bein oder können auch Krebs bekommen. Nur ist ihre Homosexualität keine Krankheit, auch wenn das viele Ärzt*innen und Psycholog*innen seit dem 19. Jahrhundert fest geglaubt haben.

Sie haben Schwule und Lesben menschenverachtenden „Therapien“ unterzogen, um deren sexuelle Identität „umzupolen“. Alles ohne Erfolg. Homosexualität ist unheilbar gesund. Genauso wie jede andere Ausdrucksform gegenseitiger Zuneigung. Die Medizin hat ihren Fehler eingesehen. 1993 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO), eine Abteilung der Vereinten Nationen, Homosexualität aus der „Internationalen Liste für Krankheiten“ gestrichen.

Und wenn Homosexualität wirklich krank wäre, dann könnten sich ja Lesben und Schwule ihr ganzes Leben lang krankschreiben lassen und bräuchten nicht zu arbeiten.

6. Kann Homosexualität „geheilt“ werden?

Nein. „Heilen“ schreiben wir in Anführungszeichen, da Homosexualität keine Krankheit ist. Daher muss man sie auch nicht „heilen“ oder „umpolen“. Allerdings wurde das seit dem 19. Jahrhundert auf vielfältige Weise versucht. Ihnen wurde Sport empfohlen, Medikamente, Hormone und Drogen verabreicht, sie wurden zum Sex mit dem anderen Geschlecht oder Heirat gezwungen, sie mussten sich psychoanalytischen Therapien und Elektroschocks unterziehen - hinter sogenannten "Konversionstherapien oder -behandlungen" verbergen sich all diese qualvollen Methoden und menschenverachtenden Anstrengungen, die nichts  gebracht haben außer Leid. Die sexuelle Orientierung konnte nicht verändert werden.

Seit 2020 ist die Durchführung dieser sogenannten Konversionstherapien an Minderjährigen in Deutschland verboten.

7. Trans* Personen sind verrückt.

Verrückt. Pervers. Abartig. Die Beschimpfungen, die trans* Personen auch heute noch über sich ergehen lassen müssen, machen fassungslos. Eine Grundlage für den Hass ist auch die unglaubliche Tatsache, dass Transgeschlechtlichkeit nach einer Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Geschlechtsidentitäts- und damit als Persönlichkeitsstörung gilt. Verhängnisvoll für transgeschlechtliche Menschen.

LSBTI-Vertretungen kämpfen schon lange dafür, die unselige WHO-Definition abzuschaffen – mit langsamem Erfolg: So definiert Dänemark seit Anfang 2017 Transgeschlechtlichkeit nicht mehr als psychische Krankheit. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Denn was Trans* Personen wirklich krank macht, sind Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt, die sie tagtäglich in Deutschland und weltweit erleben müssen. Was ist also verrückt daran, ohne Angst über die Straße gehen zu wollen?

Transgeschlechtlichkeit hat auch nichts mit sexueller Orientierung zu tun, wie noch einige Menschen glauben. Vielmehr sind trans* Personen teilweise, nicht oder nicht immer mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht einverstanden. Damit passen sie für viele nicht in das vorherrschende Mann-Frau-Bild. Statt jedoch diese Vorstellungen von Geschlecht zu hinterfragen, werden trans* Personen diskriminiert und ausgegrenzt. Trans* Personen brauchen Kraft, wenn sie sich entscheiden, in ihrem Identitätsgeschlecht zu leben und dafür etwa den juristischen und/oder medizinischen Weg gehen. Gleichzeitig sind sie nicht selten das Ziel besonders krasser Anfeindungen – Depressionen oder gar Suizid können das Ergebnis sein. Neben dieser bewussten Gewalt erleben trans* Personen aber auch täglich Situationen, in denen ihre Geschlechtsidentität nicht anerkannt wird, sie sich erklären und rechtfertigen müssen.

Fragen wie „Und wie hießt Du bei Deiner Geburt?“ oder Formulierungen im Sinne von „War früher ein Mann/ eine Frau“ mögen nicht böse gemeint sein. Doch Menschen mit Trans*-Vergangenheit würden selber nie von einer Ver- oder Umwandlung sprechen. Sie machen lediglich sichtbar, was sie schon lange fühlen.

8. Sucht man sich aus, lesbisch bzw. schwul zu sein?

Lesben und Schwule erleben nach wie vor Vorurteile und negative Reaktionen bis hin zu Gewalt. Warum sollten sie sich etwas aussuchen, was ihnen den Alltag erschwert? Können sich denn Heterosexuelle entscheiden, in wen sie sich verlieben oder wen sie sexy finden? Wenn dem so wäre, dann gäbe es nur doch nur noch glückliche Paare, kein Liebeskummer mehr, keine Eifersucht und keine Scheidungen. Warum kämpfen Lesben und Schwule weltweit gegen Gefängnisstrafe, Gewalt und Verfolgung, um Anerkennung und Akzeptanz, wenn sie angeblich stattdessen einfach aufhören könnten, lesbisch, schwul oder trans* zu sein. Macht wenig Sinn, oder?

Alle paar Jahre kommt in der Wissenschaft eine neue Mode-Theorie auf, die von sich behauptet, die Ursache für Homosexualität entschlüsselt zu haben. Alles Mögliche wurde bereits für die Entstehung von Homosexualität verantwortlich gemacht. Nur über eines sind sich die meisten Wissenschaftler*innen einig: Die sexuelle Ausrichtung liegt sehr frühzeitig fest, lange vor der Pubertät. Ob wir homosexuell oder heterosexuell sind, liegt außerhalb unserer Einflussmöglichkeiten und unseres Willens. Die sexuelle Orientierung kann nicht beeinflusst werden. Genauso wenig wie die Tatsache, mit welcher geschlechtlichen Identität man sich wohl fühlt. Was man aber ändern kann, ist der gesellschaftliche Umgang damit.

Akzeptanz und Nichtdiskriminierung dürfen jedoch prinzipiell nicht abhängig davon gemacht werden, ob man sich etwas ausgesucht hat oder nicht. Es geht auch um Menschenrechte. Alle Menschen haben das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Selbstbestimmung und Schutz ihrer Würde, vollkommen unabhängig von der Frage, ob die (sexuelle) Identität persönlich und frei gewählt oder genetisch vorgeformt wurde.

Jede*r sollte frei wählen können, wie das eigene Leben geführt werden soll– und dazu gehört natürlich auch die Entscheidung darüber, mit wem man Sex haben möchte und mit wem nicht, mit wem man zusammenleben möchte und mit wem nicht, mit wem man eine Beziehung führen möchte und mit wem nicht.

9. Können Kinder und Jugendliche zu Homosexualität verführt werden?

Kinder und Jugendliche können nicht zu Homosexualität „verführt“ werden, denn Homosexualität ist nicht ansteckend. Sie „werden“ es auch dann nicht, wenn sie sich mit diesem Thema beschäftigen oder lesbische bzw. schwule Familienangehörige, Freund*innen oder Mitschüler*innen haben.

Warum sollten Jugendliche plötzlich immun werden gegen die alltägliche Präsenz heterosexueller Leitbilder in der Familie, im Freund*innenkreis und in den Medien? Wenn Homosexualität wirklich so attraktiv wäre, warum leben dann über 90 % der Bevölkerung heterosexuell? Die Sexualwissenschaft hat die Verführungstheorie in den Bereich der Ammenmärchen verbannt. Auf so einfachem Wege formt sich keine sexuelle Identität.

10. Haben Eltern von Lesben und Schwulen was falsch gemacht?

Die sexuelle Ausrichtung steht sehr frühzeitig fest. Es liegt außerhalb menschlicher Einflussmöglichkeiten und unseres Willens, ob wir homo-, bi- oder heterosexuell sind. Daher können auch Eltern nicht verhindern, dass ihre Kinder lesbisch oder schwul sind. Es liegt nicht an der Erziehung. Sie sollten sich nicht vorwerfen, etwas „falsch gemacht“ zu haben.

Außerdem suggeriert die Frage, dass es schlimm ist, lesbisch oder schwul zu sein. Würden sich Eltern auch fragen, ob sie was falsch gemacht haben, wenn ihr Kind glücklich ist? Denn darauf haben Eltern durchaus Einfluss. Sie können ihr Kind annehmen und bestärken und somit dazu beitragen, ob es selbstbewusst und offen lesbisch oder schwul lebt und liebt. Eltern haben auch einen Einfluss darauf, ob ihre Kinder Lesben und Schwulen im Alltag mit Respekt begegnen und gleichgeschlechtliche Lebensweisen akzeptieren.

Eltern kann es durchaus sehr schwer fallen, die Homosexualität ihres Kindes zu akzeptieren. Sie sollten sich jedoch fragen, ob ihr Kind nach einem Coming-out so ein anderer Mensch ist als vorher. Hört man sein Kind auf einmal auf zu lieben? Ist es das wert, deswegen keinen Kontakt mehr zu seinem Kind zu haben? Was ist eigentlich so schlimm daran? Sollte es nicht das Anliegen von Eltern sein, ihre Kinder zufrieden und glücklich zu sehen?

11. Homosexualität verwirrt Kinder.

In der Reihe lesben- und schwulenfeindlicher Vorwürfe nehmen die Aussagen um Kinder einen ganz besonderen Stellenwert ein. Immer wieder werden Lesben und Schwule als Gefahr für Kinder und Jugendliche dämonisiert. Beliebt ist etwa die Aussage, eine zu frühe Konfrontation mit Schwulen oder Lesben würde Kinder verwirren oder gar homosexuell machen. Doch wie sollte es Kinder durcheinander bringen, wenn man ihnen etwas über Menschen erzählt, die sich lieben? Sofern sie noch keine homosexuellenfeindlichen Stereotype gelernt haben, werden sie ziemlich gelassen reagieren.

Ein Schlagwort, das in diesem Zusammenhang regelmäßig die Runde macht, heißt „Frühsexualisierung“: Dieser Vorwurf wird vor allem von Rechtspopulist*innen und christlich-fundamentalistischen Akteur*innen erhoben, die sich den Kampf gegen den angeblichen „Genderwahn“ und eine vermeintliche ideologisch motivierte Umerziehung von Kindern auf die Fahnen geschrieben haben.

Auf diese Weise wird der Versuch, die Lehr- und Bildungspläne an unsere heutige gesellschaftliche Realität anzupassen, diffamiert. Denn es geht hier nicht um Sexualisierung, sondern darum, Kinder über die Vielfalt partnerschaftlicher Beziehungen aufzuklären sowie Respekt und Akzeptanz für verschiedene sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten zu fördern. Für viele Kinder sind etwa gleichgeschlechtliche Paare ohnehin bereits Teil der eigenen Lebensrealität.

12. Wie merkt man, dass man schwul/lesbisch ist?

Meistens beginnt es damit, dass man sich in jemanden verliebt. Manchmal merkt man auch einfach so, dass man das eigene Geschlecht sexuell attraktiver findet, doch das ist manchmal gar nicht so einfach zu verstehen. Das erste Mal richtig verknallt und verliebt sein ist ein relativ eindeutiger Weg, um herauszufinden, ob man nun Jungs oder Mädchen liebt. Natürlich gibt es auch Menschen, die sich im Laufe des Lebens in Menschen unterschiedlichen Geschlechts verlieben. Wichtig ist, auf sich selbst zu hören und sich selbst zu akzeptieren.

13. Was bedeutet Coming-out?

„To come out of the closet“ ist eine englisch-amerikanische Redewendung und bedeutet wörtlich übersetzt „aus dem Schrank kommen“. Die übertragene Bedeutung ist „sich nicht mehr zu verstecken, sondern offen zu seiner sexuellen Identität zu stehen“. Ein gelungenes Coming-Out heißt, die eigene Homosexualität zu akzeptieren.

Ein Coming-Out wird oft in zwei Phasen unterteilt: Zum einen das innere Coming-Out, d.h. sich selbst darüber bewusst zu werden und zu akzeptieren, zum anderen das äußere Coming-Out, d.h. sich seinen Mitmenschen mitzuteilen.

Letztlich outen sich Lesben und Schwule aber ihr ganzes Leben lang. Es bleibt eine bewusste Entscheidung, sich in der Begegnung mit neuen Menschen zu outen oder sich etwa als gleichgeschlechtliches Paar in der Öffentlichkeit zu zeigen. Nicht immer und überall wollen und können sich Lesben und Schwule outen. Manche wollen neugierige Nachfragen vermeiden, schweigen aus Furcht vor negativen Reaktionen und Diskriminierung oder aus Scham.

Heterosexuelle Menschen outen sich übrigens auch, immer und überall. Vielen ist das nur nicht bewusst. Sie haben ein Foto der Freundin bzw. des Freunds auf dem Schreibtisch oder im Portemonnaie, sie erzählen mit wem sie zusammenwohnen, mit wem sie im Kino oder im Urlaub waren. Ganz selbstverständlich gehen heterosexuelle Paare Hand in Hand durch die Fußgängerzone, küssen sich im Zug, kuscheln im Park. Das ist vollkommen okay und genauso alltäglich, selbstverständlich und normal sollten Lesben und Schwule ihre Beziehungen und ihre Liebe zeigen können.

14. Homosexualität ist unnatürlich!

Das Argument, Homosexualität sei widernatürlich, wird durch die Natur selbst entkräftet: Bis heute wurden bei etwa 1.500 Tierarten gleichgeschlechtliche Pärchen entdeckt.

Allerdings sollte man sich fragen, ob man wirklich nur akzeptiert, was „natürlich“ ist. Was ist mit Autos, Handys oder Kleidung? Die wachsen schließlich nicht auf der Wiese. Außerdem, was ist mit Diskriminierungen aufgrund der Hautfarbe oder einer angeborenen Behinderung.

Selbst wenn man daran glauben will, dass es eine genetisch-materielle Basis des (Sexual)Verhaltens gibt, ja das sogar nachweisen kann, bleibt der Umgang damit immer ein Gegenstand sozialer und ethischer Erwägungen. Aus dem genetischen Sein folgt kein Sollen. Die Bezugspunkte der Begründung für Akzeptanz sollte menschenrechtlicher Art sein, beispielsweise das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und die Freiheit zur Wahl der Lebens- und Liebespartner/innen. Alle Menschen haben das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Selbstbestimmung und Schutz ihrer Würde, vollkommen unabhängig von der Frage, ob die (sexuelle) Identität persönlich und frei gewählt oder genetisch vorgeformt wurde.

15. Homosexualität ist eine Sünde und gegen die Religion?

Selbst für religiöse Menschen kann diese Aussage mit einigem Nachdenken kein Gewicht haben. Wer etwa mit der Bibel argumentiert, müsste dann auch zahlreiche andere Proklamationen aus der Bibel („Iss keine Schalentiere“, „Heirate die Witwe deines toten Bruders“, „Berühre keine Frau, die ihre Tage hat“) für Sünden und Gebote halten, die entsprechend bestraft werden sollten. In der Regel wird das dann nicht so eng gesehen.

Religiös-begründete Sexualmoral und -politiken richten sich oft auch nicht nur gegen LSBTI*, sondern auch gegen die Selbstbestimmung von Frauen oder heterosexuellen Paaren – etwa wenn auf die Jungfräulichkeit der Frau bestanden wird, Sexualität vor der Ehe oder Verhütungsmittel tabu sind oder sexuelle Gewalt dadurch legitimiert werden soll, dass das oftmals weibliche Opfer zu aufreizend gekleidet gewesen sei.

In den traditionellen Auslegungen der abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) wird Homosexualität meist als Sünde gesehen. Dennoch gibt es in allen Religionen auch viele Menschen, die zwischen ihrem Glauben und der Akzeptanz von Lesben und Schwulen keinen Widerspruch sehen. Viele evangelische Kirchen haben sich vom alten Sündendenken verabschiedet und erkennen heute gleichgeschlechtliche Paare an. Ähnliches gilt für das liberale Judentum und liberale Strömungen im Islam.

In allen Religionen gibt es eine Diskussion darüber, ob bestimmte Schriften und Gebote sich auf homosexuelle Handlungen beziehen und sie verdammen (oder nicht) sowie die unterschiedlichsten Antworten darauf. Es gibt viele Gläubige, die im Namen ihrer Religion Lesben und Schwule dämonisieren und eine Bestrafung befürworten. Es gibt aber auch viele Gläubige, die ihren Glauben sehr wohl mit der Akzeptanz von Vielfalt vereinbaren können. Glauben die dann nicht richtig? Sind das keine echten religiösen Menschen? Das zu beurteilen wäre ziemlich anmaßend.

In allen Weltreligionen – sei es nun Christentum oder Judentum, Islam oder Hinduismus – organisieren sich mittlerweile auch LSBTI* in eigenen queeren Gruppen oder Verbänden. Homosexualität und Glaube sind also durchaus miteinander vereinbar. So erklärte zum Beispiel Nushin Atmaca vom Liberal-Islamischen Bund: „Die Liebe, die zwischen homosexuellen Partner*innen entstehen kann, sehen wir genauso wie die Liebe zwischen heterosexuellen Partner*innen als ein Zeichen Gottes, als Ausdruck seiner Liebe und Barmherzigkeit.“

16. Homosexualität ist was aus dem Westen. Bei „uns“ gibt es das nicht.

Gleich- und trans*geschlechtliche Lebensweisen gab und gibt es überall: im Osten und Westen, Norden und Süden, gestern, heute und morgen. Das wird weltweit von LSBTI betont. So verweisen bestehende Begriffe in Lokalsprachen, die sich auf LSBTI* beziehen, auf die geschichtliche Tatsache, dass LSBTI* „immer Teil der afrikanischen Kultur waren und es auch weiterhin sein werden“ – wie Menschenrechtsaktivist Gift Trapence aus Ghana betont. Mal davon abgesehen, dass auch das, was unter Afrikanisch-Sein verstanden wird, schwer bis nicht zu definieren ist. Stéphane Koche aus Kamerun meint: „Viele unserer Mitglieder kennen den westlichen Lebensstil überhaupt nicht und haben ihre Homosexualität dennoch schon seit ihrer Kindheit empfunden.“ Laut Arsham Parsi von der exiliranischen Organisation IRQR ist nicht Homosexualität, sondern Homophobie ein westliches Konzept. „Wer sich mit der Geschichte auseinandersetzt, kann feststellen, dass sich in östlichen Kulturen viele Hinweise auf Homosexualität finden.“1

In vielen Ländern, wie z.B. Saudi-Arabien, Iran, Malaysia oder Russland, Indien oder Uganda gilt der öffentliche Diskurs über sexuelle Orientierungen als Provokation, als Ausdruck einer vermeintlich verderbten westlichen Moral. So bezeichnete der ehemalige indische Gesundheitsminister Ghulam Nabi Azad Homosexualität einmal als „westliche Krankheit“, für Irans obersten Religionsführer Ali Chamene’i ist sie die vom Westen geförderte „schlimmste Form moralischer Degeneration“ und Russlands Staatspräsident Wladimir Putin fordert, das Land von Schwulen und Lesben zu „reinigen“. Die Ablehnung oder Verfolgung von LSBTI* wird vor dem Hintergrund solcher Aussagen zur einfachsten Strategie, sich vom Westen abzugrenzen und die eigene moralische Überlegenheit zu propagieren. Umso mehr Unterstützung verdienen die LSBTI-Aktivist*innen vor Ort, die trotz offener Verfolgung und Gewalt für ihre Rechte kämpfen.

In einigen Ländern wurden derartige Vorurteile und bis heute bestehende Strafgesetze auch von den damaligen Kolonialmächten eingeführt. Dass Homosexualität dort heute als „westliche Dekadenz“ verstanden wird, ist dann vielmehr Teil des kolonialen Erbes: Überbleibsel der Viktorianischen, christlich begründeten Prüderie.

Doch Menschenrechte kennen keine Himmelsrichtung. Sexuelle und reproduktive Rechte gehören dazu: Alle Staaten haben entsprechende internationale Abkommen unterzeichnet. Die Akzeptanz von Menschen ist kein westlicher, sondern ein universeller Wert. Sie gelten für alle – das ist unverhandelbar.

17. Homosexualität ist sinnlos, weil Lesben und Schwule keine Kinder bekommen können.

Sind kinderlose heterosexuelle Paare auch sinnlos? Haben Heterosexuelle nur Sex, weil sie Kinder wollen? Warum gibt es dann Verhütung? Ist Fortpflanzung wirklich der alleinige Zweck von Sexualität? Deutschland hatte 2015 laut Statischem Bundesamt eine Geburtenrate von 1,50 Kindern je Frau. Würde Sexualität allein der Fortpflanzung dienen, dann müsste es in Deutschlands Schlafzimmern recht traurig zugehen.

Sexualität ist selbstverständlich viel mehr als Fortpflanzung. Sexualität schafft Verbindung, stiftet Nähe und Vertrautheit. Und nicht zu vergessen: Vielen Leuten macht Sex großen Spaß. Und das ist auch gut so.

Übrigens: Es gibt auch lesbische und schwule Eltern, und Kinder wachsen in sogenannten Regenbogenfamilien auf. Sie stammen aus früheren heterosexuellen Beziehungen, doch zunehmend realisieren Lesben und Schwule ihren Kinderwunsch durch Adoption, Übernahme einer Pflegschaft oder Samenspende.

18. Ein Kind braucht Vater und Mutter!

Über viele Jahrzehnte haben Lesben und Schwule in Deutschland wie auf der ganzen Welt für ihre Rechte gekämpft – dazu gehören auch die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Seit Sommer 2017 scheint dieses Ziel einen großen Schritt näher: Bundestag und Bundesrat stimmten endlich dem „Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“ zu, welches die Ehe komplett für Lesben und Schwule öffnet.

Bis dato gab es für sie nur die Möglichkeit, eine eingetragene Lebenspartnerschaft einzugehen (und das erst seit 2001): Nicht nur durch den Namen wurde hier eine deutliche Unterscheidung getroffen, welche suggerierte, dass die Liebe von gleichgeschlechtlichen Paaren weniger wert sei als die von heterosexuellen.

Hinzu kommt: Eingetragene Lebenspartner*innen dürfen ein Kind nicht gemeinsam adoptieren. Ein beliebtes „Argument“ gegen dieses Adoptionsrecht lautet, dass ein Kind Vater und Mutter brauche, um gut aufzuwachsen – was dieses Vorurteil für alleinerziehende Elternteile bedeutet, lässt man geflissentlich unter den Tisch fallen … Zudem würden gleichgeschlechtliche Eltern das Kindeswohl gefährden – untermauert wird diese Ansicht aber nicht. Stattdessen müssen wahlweise Bibelstellen, ein „diffuses Bauchgefühl“ oder Sigmund Freud herhalten.

Aber stimmt das denn? Weltweit ist diese Frage tatsächlich Gegenstand unterschiedlicher wissenschaftlicher Studien gewesen. So untersuchten etwa Forscher*innen der New Yorker Columbia Law School, ob sich Kinder mit schwulen oder lesbischen Eltern anders entwickeln als Kinder aus heterosexuellen Partnerschaften. Ergebnis ihrer Meta-Analyse: 72 Studien belegten, dass es keinen Unterschied gibt. Ähnlich lautet auch das Fazit einer niederländischen Studie, die noch ein weiteres Detail ergab: Viel wichtiger als die Lebensweise der Eltern ist die gesellschaftliche Akzeptanz der so genannten „Regenbogenfamilien“ für die Entwicklung der Kinder.

Mit anderen Worten: Werden Kinder gleichgeschlechtlicher Paare akzeptiert und respektiert, gibt es keinen Grund zur Sorge. Doch auch ohne wissenschaftliche Unterstützung dürfte klar sein, dass Kinder vor allem Liebe brauchen. Das sieht die Mehrheit in Deutschland übrigens auch so. Denn mehr als 75 Prozent finden es gut, dass es schwulen und lesbischen Paaren genauso wie heterosexuellen Paaren erlaubt ist, gemeinsam Kinder zu adoptieren.

Für viele Menschen mögen Ehe und Familie zu den essentiellen Bestandteilen unserer Gesellschaft gehören – gerade für sie sollte es doch dann umso begrüßenswerter sein, wenn eben auch LSBTI diese Lebensmodelle leben können.

19. Wer übernimmt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung den männlichen und wer den weiblichen Part?

Die Überzeugung, dass in lesbischen und schwulen Beziehungen eine „weibliche“ und eine „männliche“ Rolle vergeben werden muss, ist ein Klischee, das auf heteronormativen Annahmen beruht. Das bedeutet, dass Menschen traditionelle Rollenmuster aus Heterobeziehungen übergestülpt bekommen, statt zu akzeptieren, dass es auch Beziehungen zwischen zwei Frauen und zwischen zwei Männern gibt.

Bei schwulen und lesbischen Paaren kommt eine Aufgabenverteilung entlang der traditionellen Geschlechtsrollen kaum vor. Das gilt für den Alltag, Haushalt und Beruf. Vielfach stimmt inzwischen das Klischee von der traditionellen Aufgabenteilung zwischen Männern und Frauen nicht einmal mehr für heterosexuelle Paare, oder?

20. Lesben sind keine richtigen Frauen und Schwule keine richtigen Männer!

Lesben und Schwule sind Menschen – und Menschen sind vielfältig: Sie leben vielfältige Geschlechterrollen und geschlechtliche Identitäten. Aber das sind auch nicht alle Facetten, die uns Menschen als Individuen ausmachen. Dass man eben jene Orientierung oder Identität auf den ersten Blick erkennt, gehört ebenso in das Reich der Mythen wie die Aussage, es gebe keine schwulen Fußballspieler. Mit solchen Behauptungen wird wenig über die verschiedenen queeren Communities und viel über eigene überholte Geschlechterbilder verraten.

Und wer bestimmt eigentlich, was so ein richtiger Mann oder eine richtige Frau ist? Macht eine bestimmte Haarlänge weiblich oder eine bestimmte Muskulatur männlich? Die Vorstellungen, die zu dieser Frage herumgeistern, haben viel mit traditionellen Geschlechterrollen, aber wenig mit der Realität zu tun. Oftmals soll damit legitimiert werden, dass jemand was darf oder nicht darf, warum jemandem gleiche Rechte verwehrt bleiben.

So haben unsere Vorstellungen von Geschlecht, von Weiblichkeit und Männlichkeit immer noch viel Wirkkraft – auch für den Umgang mit Lesben und Schwulen: Je mehr sie den als richtig geltenden Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit entsprechen desto eher bleiben sie im Alltag unbehelligt. Lesben, Schwulen und Trans*, denen man „es“ nicht ansieht, werden eher akzeptiert.

Wenn wir zum Beispiel an prominente und offen lesbisch lebende Frauen aus dem Fernsehen denken, dann gelten sie zwar als Paradebeispiel vermeintlicher Gleichberechtigung. Aber wären sie auch so erfolgreich, wenn sie mit ihrem Aussehen nicht den vorherrschenden Vorstellungen von Weiblichkeit oder der „richtigen Frau“ entsprechen würden? Das Gleiche trifft auf schwule Fußballer zu. Es ist kein Zufall, dass aktive Profi-Fußballer nicht über ihr Schwulsein offen sprechen können und wollen. Denn eine Fan- und Fußballkultur ist zutiefst mit eindeutigen Vorstellungen von Männlichkeit verbunden, die nicht kompatibel sind mit Homosexualität.

Homosexuellen- und Transfeindlichkeit sind eben auch Ausdruck zutiefst patriarchaler Muster, die unsere zweigeschlechtlich bestimmte Welt immer noch beherrschen. Doch Geschlecht ist kein großer Gleichmacher. Wäre das so, hätten wir knapp 3,74 Milliarden gleiche Frauen und 3,81 Milliarden identische Männer auf dem Planeten.

Genauso überflüssig wie unsinnig sind auch die anderen stereotypen Klischees, mit denen sich LSBTI* oft herumschlagen müssen. Und selbst, wenn die Klischees stimmen würden: Es gibt kein Recht auf Diskriminierung. Wegen nix und für niemanden.

21. Wie haben Lesben / Schwule Sex?

Es gibt beim schwulen oder lesbischen Sex praktisch nichts, was nicht auch unter Heterosexuellen stattfinden würde. Vaginaler Verkehr, Oralverkehr, Analverkehr, im Bett, in der Küche, auf der grünen Wiese, mit dem Mund, mit der Zunge, mit den Fingern …

Wie auch immer. Wichtig ist: aufeinander zu achten, über Liebe, Sex und auch Ängste zu sprechen. Unabdingbar ist, dass die Beteiligten einwilligen. Niemand sollte überredet oder gar gezwungen werden, etwas zu tun, was er oder sie nicht will. Dann endet sexuelle Selbstbestimmung und wird zu Gewalt.

22. Lesben haben noch nicht den richtigen Mann und Schwule haben noch nicht die richtige Frau gefunden?

Nein. Insbesondere bei Jugendlichen hoffen Eltern häufig, Homosexualität sei „nur eine Phase“, die vorüber geht. Tatsächlich ist homosexuelles Verhalten bei Jugendlichen häufiger als in anderen Altersgruppen. Manche Jugendliche experimentieren, indem sie unterschiedliche Beziehungsarten ausprobieren. Es ist auch gut möglich, sich im Laufe seines Lebens in Menschen unterschiedlichen Geschlechts verlieben. Fakt ist aber auch, bei Jugendlichen und Erwachsenen, die lesbisch oder schwul sind, kann Homosexualität nicht durch eine gegengeschlechtliche Person verändert werden. Wichtig ist, auf sich selbst zu hören und sich selbst zu akzeptieren.

23. Man kann nicht einfach Geschlechter erfinden.

Wenn es um Geschlechter geht, hält sich wohl nichts so hartnäckig wie die Vorstellung von zwei klar getrennten Seiten: Mann und Frau, hetero- und homosexuell, Yin und Yang – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Dabei gibt es eine Vielzahl an Geschlechtern. Und die Geschlechtsidentität sagt noch nichts über eine sexuelle Orientierung aus.

Sozial erwünscht und akzeptiert sind in der Regel nur die Kategorie „Mann“ oder „Frau“: alle Menschen sollen sich einer dieser beiden Kategorien zuordnen. Die, die das nicht können oder wollen, werden gesellschaftlich abgewertet. Egal, welchen Etiketten man hier begegnet: Es schwingt auch immer das Bild von starkem und schwachem Geschlecht mit, die erst gemeinsam ein funktionierendes Ganzes ergeben. Deswegen müssen sich gleichgeschlechtliche Menschen auch immer wieder die unsinnige Frage stellen lassen, wer in ihrer Beziehung eigentlich „Mann“ und wer „Frau“ ist.

Diese zwanghafte Dualität verursacht nicht nur viel Leid – sie ist auch überholt. Und das nicht erst seit gestern. In den 1920er Jahren sprach man – in bestimmten Subkulturen – (leider nicht im Mainstream) zum Beispiel von Geschlechtervielfalt. Im Nationalsozialismus verfestigte sich die Annahme von einer biologischen Zweiteilung, die bereits mit Beginn der Aufklärung zunehmend an Durchsetzungskraft gewann. Diese hält sich bei vielen noch heute, obwohl sie wissenschaftlich überholt ist.

So wird etwa das Geschlecht durch viele Faktoren geprägt, durch Chromosomen, Hormone, Geschlechtsorgane und das Erscheinungsbild, aber auch durch Erziehung, Rechtsprechung oder die eigene Zuordnung. Auf jeder dieser Ebenen gibt es verschiedene Ausprägungen; die Kombinationsmöglichkeiten sind zu vielfältig, als dass die Beschreibungen „männlich“ oder „weiblich“ genügen würden. Genauso möglich ist es, dass Menschen sich weigern, sich überhaupt ein entsprechendes Label aufkleben zu lassen – warum sollte das ein Problem sein? Und was ist mit intergeschlechtlichen Menschen, die sich weder genetisch, anatomisch noch hormonell dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen können und das auch teilweise nicht wollen?

Die Schubladen, in die geschlechtliche Identitäten und sexuelle Orientierungen gestopft werden sollen, sind überholt. Sie bilden einfach nicht die Realität ab, in der es ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Varianten gibt – cis, trans*, queer, straight, bi, pan oder inter sind nur eine Auswahl der verschiedenen Möglichkeiten der Kategorisierung – die sich eben nicht darin erschöpft, Menschen stumpf als „Mann“ oder „Frau“ zu bezeichnen und das war’s. Viel wichtiger aber: Ob und welcher Gruppe ich mich zugehörig fühle, sollte jede*r für sich selbst entscheiden können. Da muss niemand von außen mit einem Etikettenkleber kommen.

24. Homosexualität gab es früher nicht!

Gleichgeschlechtliche Liebe und Begehren gab es immer und überall! Homo- oder Heterosexualität sind keine bloßen sexuellen Gewohnheiten oder Vorlieben, sondern tief in der Persönlichkeit verwurzelte Gefühle und Empfindungen.

Manche Menschen halten Homosexualität für eine Erscheinung der westlichen Kultur. Dabei ist Homosexualität auf dem ganzen Globus verbreitet. In allen Kulturen und Epochen der Weltgeschichte finden sich Menschen, deren Gefühle und sexuelle Wünsche sich auf das eigene Geschlecht richten.

Was sich unterscheidet, ist die Möglichkeit, wie offen und ungefährlich man lesbisch oder schwul leben kann und darf. So standen in Deutschland sexuelle Handlungen lange Zeit unter Strafe. In über 70 Ländern weltweit ist Homosexualität bis heute verboten, wird mit Gefängnis oder sogar der Todesstrafe geahndet.

25. Gibt es immer mehr Lesben und Schwule?

Mancher hat den Eindruck, der Anteil der Lesben und Schwulen in unserer Gesellschaft würde ständig zunehmen. Das stimmt nicht. Aber in einer demokratischen Gesellschaft, wo jeder das Grundrecht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hat und Homosexualität mittlerweile weniger verpönt ist als früher, wird ein offenes Auftreten für Lesben und Schwule immer mehr möglich: In Fernsehserien, bei der Arbeit oder beim Einkaufen.

Was sich geändert hat, ist nicht die Zahl, sondern der gesellschaftliche Status und damit die Sichtbarkeit. Es gibt also immer mehr Lesben und Schwule, die offen und selbstbewusst leben.

26. Hassen Lesben Männer!?

Hassen heterosexuelle Frauen andere Frauen? Hasst man jemanden, weil man sich nicht in ihn/sie verliebt oder eine Beziehung führen möchte? Homosexualität meint die Liebe zum gleichen Geschlecht. Vom Hass ist dabei nicht die Rede. Allerdings haben viele Lesben schon unangenehme Anmache von Männern erlebt, Annäherungsversuche, Belästigungen oder Bedrohungen. Oftmals unter dem Vorwand, Lesben hätten bloß noch keinen „richtigen“ Mann abgekriegt oder getroffen. Das ist Unsinn. Lesben verlieben sich in Frauen.

27. Schwule sind eine Gefahr für Kinder!?

Kinder müssen vor sexuellen Übergriffen Erwachsener geschützt werden. Ohne Wenn und Aber. Die Opfer von Kindesmissbrauch sind überwiegend Mädchen, die Täter Männer. Niemand käme auf die Idee, deshalb alle Heterosexuellen unter Generalverdacht zu stellen.

Homo- und Heterosexualität sind etwas anderes als ausgelebte Pädophilie. Erstere beruhen auf Selbstbestimmung und Konsens, letztere ist eine Form der sexuellen Gewalt und des Missbrauchs. Schwule sind an Kindern sexuell ebenso wenig interessiert wie heterosexuelle Männer. Pädophilen Tätern geht es um die Kindlichkeit des Opfers, das Geschlecht ist dabei oft zweitrangig.

Lange Zeit hat der Gesetzgeber dennoch das Vorurteil vom Schwulen als Jugendverführer gepflegt. Bis 1994 gab es den § 175 im Strafgesetzbuch, der für homosexuelle Handlungen eine wesentlich strengere „Schutzaltersgrenze“ festlegte als für heterosexuelle Begegnungen. Nach endlosen Anhörungen von Wissenschaftler/innen ist der Deutsche Bundestag schließlich nahezu einmütig zu der Überzeugung gelangt, dass von Homosexualität an sich keine Gefahr für die Jugend ausgeht.

28. Muss ich jetzt Lesben und Schwule gut finden?

Hinter der vermeintlich harmlosen Frage, ob man jetzt „Homos“ gut finden müsse, steckt oft die Vorstellung, die an sich selbstverständliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen sei eine verordnete Zwangsmaßnahme, diktiert von angeblichen „Gutmenschen“, welche die Grundfeste der Gesellschaft aushebeln wollten. Klingt nach rhetorischen Wortmonstern? Aber genau aus denen setzt sich das Bullshit-Bingo zusammen, das sich Lesben und Schwule Tag für Tag anhören müssen.

Fakt ist: Niemand muss irgendjemanden „gut“ finden, darum geht es nicht. Vielmehr geht es um die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen – ohne Einschränkung, Punkt. In einer demokratischen Gesellschaft darf einfach kein Zweifel darüber bestehen, dass die Grundrechte für alle gelten, egal welcher sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität.

Mit überbordender „Political Correctness“ (PC) oder „linker Meinungsdiktatur“ hat das übrigens nichts zu tun, auch wenn das die Buzz Words sind, die einem in der Diskussion häufig um die Ohren fliegen – gerne übrigens von Figuren aus der extrem rechten Szene, denn das Schwingen der PC-Keule ist dort eine beliebte Strategie, um Menschen mit ihren Diskriminierungserfahrungen zum Schweigen zu bringen.

Es sind allerdings beileibe nicht nur Rechtsextreme, die glauben, es gebe mittlerweile eine „Homo-Lobby“, welche die Schlagzeilen diktiere. Tatsächlich reden wir heutzutage mehr über die Rechte von LSBTI, Migrant*innen und Menschen of Color, deren Vertreter*innen oft jahrelang dafür gekämpft haben, zumindest endlich gehört zu werden und die Rechte, die für andere schon längst gelten, auch für sich einzufordern. Und das kann man durchaus gut finden.

Übrigens: Diejenigen, die sich beschweren, dass sie angeblich gezwungen werden sollen, Lesben und Schwule gut zu finden, sind in der Regel diejenigen, die sie weiterhin abwerten und schlecht finden wollen. Letztlich sollte es nicht gut oder schlecht, sondern egal sein, ob eine Person lesbisch oder schwul ist.

Einige Antworten sind im Zuge des Projekts #Respektcheck entstanden - ein gemeinsames Projekt des LSVD und der Amadeu Antonio Stiftung gegen digitalen Hass. Ermöglicht wurde es von Volker Beck, der nach der Verleihung des Leo-Baeck-Preises sein Preisgeld spendete.

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