Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

Gedenkort im Berliner Tiergarten

Seit dem 27. Mai 2008 erinnert das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen an das Schicksal und die Verfolgung von Lesben und Schwulen. Anlässlich des zehnten Jahrestages bat Bundespräsident Steinmeier beim vom LSVD mitorganisierten Festakt um Vergebung „für all das geschehene Leid und Unrecht, und für das lange Schweigen, das darauf folgte“.

Die Nationalsozialisten hielten Homosexualität für eine „widernatürliche Veranlagung“, für eine den so genannten „Volkskörper“ schädigende „Seuche“, die „auszurotten“ sei. Schon kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurden im März 1933 die lesbischen und schwulen Lokale Berlins geschlossen. Die vollständige Infrastruktur der ersten deutschen Homosexuellenbewegung, Lokale, Vereine, Verlage sowie Zeitschriften wurden aufgelöst, verboten, zerschlagen und zerstört.

Im Herbst 1934 setzte die systematische Verfolgung homosexueller Männer ein. 1935 wurde die totale Kriminalisierung männlicher Homosexualität eingeführt und § 175 RStGB in der Tatbestandsfassung radikal entgrenzt und im Strafmaß massiv verschärft. So entfiel die von der Rechtsprechung entwickelte Beschränkung der Strafbarkeit auf sogenannte „beischlafähnliche Handlungen“. Die Justiz stellte sich willig in den Dienst der Machthaber. Bald wurden selbst Zungenküsse bestraft, später reichte allein eine „wollüstige Absicht“ zum Schuldspruch. Bis 1945 gab es ca. 50.000 Verurteilungen. Tausende schwuler Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt. Nur eine Minderheit überlebte den Terror der Lager. Der von den Nazis verschärfte § 175 StGB blieb in der Bundesrepublik bis 1969 unverändert in Kraft.

Auch lesbische Frauen wurden in Lagern und Gefängnissen inhaftiert, gefoltert, missbraucht und ermordet. Zur Situation von Lesben im Nationalsozialismus sind viele Fragen offen: zu Unterdrückung und Verfolgung und grundlegend zu ihrem Leben in einem „Männerstaat“, der Frauen aus dem öffentlichen Leben drängte, sie ideologisch auf die Mutterrolle festlegte und ihnen zumindest in den ersten Jahren ab 1933 durch Einschränkungen der Berufstätigkeit die eigenständige Existenzsicherung außerhalb einer heterosexuellen Ehe massiv erschwerte bis unmöglich machte.

Anlässlich des zehnten Jahrestages der Übergabe des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen an die Öffentlichkeit luden die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der LSVD und die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zu einem Festakt am 03.06.2018 ein. Seit dem wird in dem Denkmal nun zudem ein Film der israelischen Videokünstlerin Yael Bartana gezeigt.

Festakt zum zehnten Jahrestag

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

"Die neue freiheitliche Ordnung in unserem Land, sie blieb über viele Jahre für viele noch unvollkommen. Die Würde von Homosexuellen, sie blieb antastbar. Zu lange hat es gedauert, bis auch ihre Würde etwas gezählt hat in Deutschland. Und die Jahre bis dahin, sie waren für Opfer und Aktivisten ein langer Weg, mit mühseligen Auseinandersetzungen. (…) Als Bundespräsident ist mir heute eines wichtig: Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen. Wir sind spät dran. Was gegenüber anderen Opfergruppen gesagt wurde, ist Ihnen bisher versagt geblieben. Deshalb bitte ich heute um Vergebung – für all das geschehene Leid und Unrecht, und für das lange Schweigen, das darauf folgte.

Ihnen allen hier am Denkmal, und allen Schwulen, Lesben und Bisexuellen, allen Queers, Trans- und Intersexuellen in unserem Land, Ihnen allen rufe ich heute zu: Auch Ihre sexuelle Orientierung, auch Ihre sexuelle Identität stehen selbstverständlich unter dem Schutz unseres Staates. Auch Ihre Würde ist so selbstverständlich unantastbar, wie sie es schon ganz am Anfang hätte sein sollen."

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Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

"Vor zehn Jahren wurde der Erinnerungskultur in unserem Land ein bedeutender Teil hinzugefügt: Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen ist ein wichtiger Ort für das mahnende Gedenken an die Opfer dieses menschenverachtenden, totalitären Regimes. Mitten in Berlin ruft es uns auch dazu auf, entschieden für eine vielfältige Gesellschaft einzustehen."

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LSVD-Bundesvorstand Günter Dworek

"Auch in der Bundesrepublik hatte es für Homosexuelle lange Jahre keine Freiheit gegeben. 1963 prägte Hans-Joachim Schoeps den bitteren Satz: „Für die Homosexuellen ist das Dritte Reich noch nicht zu Ende.“ Der Rechtlosigkeit folgte eine lange Phase widerwilliger Duldung. Aber wir haben uns durchgebissen, Schritt für Schritt mehr Akzeptanz und Rechte erkämpft. Und ich sage in aller Unbescheidenheit: Das hat unsere ganze Gesellschaft freier und unser Land lebenswerter gemacht.

Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus führt vor uns Augen, was geschehen kann, wenn Hass und Hetze eine Gesellschaft vergiften, wenn eine Mehrheit gleichgültig wird gegenüber dem Leben Anderer, wenn sie Ausgrenzung und Entrechtung zulässt. Es gibt kein Ende der Geschichte. Um Freiheit, Gleichheit und Respekt muss täglich neu gerungen werden. Ein Ort wie dieser, ein Tag wie dieser geben uns Kraft dafür. Die Zukunft gehört der offenen, demokratischen Gesellschaft und nicht der Vergangenheit."

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Gulya Sultanova, Organisatorin des LGBT-Filmfestival “Side by Side”, Sankt Petersburg

"Ich komme aus Russland und bei uns ist die Situation leider ganz anders. Aber ich möchte jetzt kein Schwarz-Weiß-Bild liefern und möchte etwas über den historischen Kontext erzählen. Das Denkmal ist jetzt zehn Jahre alt und ich kann mir sehr gut vorstellen wie viel Arbeit und Energie von Aktivistinnen und Aktivisten seit 20, 30 Jahren investiert wurde, damit dieses Denkmal vor zehn Jahren überhaupt eröffnet werden konnte und die Initiative die Unterstützung der Politik bekommen hat.

Wir in Russland haben diese Bewegung erst seit zehn Jahren und das erklärt sehr viel. Aber: Die Bewegung ist sehr dynamisch, sie ist jung. Wir haben immer neue Gruppen von Aktivisten und Aktivistinnen. Wir haben Demonstrationen, wir versuchen, öffentliche Events durchzuführen, wir versuchen mit der breiten Öffentlichkeit zu sprechen, mit Journalisten, um Zugang zu den Menschen zu finden, die von der staatlichen Medienpropaganda nicht verblödet sind – und das klappt."

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Fotos:  Stiftung Denkmal / Marko Priske

Chronik zur Entstehung des Denkmals

1992/1993
Im Zusammenhang mit der Diskussion um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas erste Forderungen und Aktionen zugunsten eines nationalen Gedenkorts für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

1995
Veröffentlichung der Denkschrift „Der homosexuellen NS-Opfer gedenken“

25. Juni 1999
Beschluss des Bundestages zur Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, verbunden mit der Verpflichtung, „der anderen Opfer des Nationalsozialismus würdig zu gedenken“

3. Mai 2001
Gemeinsamer Aufruf der Initiative Der homosexuellen NS-Opfer gedenken und des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) für „Ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“, der u.a. die Unterstützung von Paul Spiegel, Romani Rose, Günter Grass, Christa Wolf und Lea Rosh gewinnt

17. Mai 2002
Bundestag beschließt gesetzliche Rehabilitierung der Opfer des §175 im Nationalsozialismus

12. Dezember 2003
Beschluss des Deutschen Bundestages für den Bau des Denkmals

2005/2006
Durchführung des künstlerischen Wettbewerbs zur Gestaltung des Gedenkorts

4. Juni 2007
Einigung zwischen der Bundesregierung, den Initiatoren und den Künstlern Elmgreen & Dragset auf deren Weiterentwicklung ihres prämierten Entwurfs

Sommer 2007
Baubeginn

27. Mai 2008
Übergabe an die Öffentlichkeit

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