Mit Ressentiments Geld verdienen

Bericht aus dem Forum „Unterhaltungswert Homophobie?“ des Kongresses „Respekt statt Ressentiment“ 2015

Die Medien sollen und müssen Meinungsvielfalt und gesellschaftliche Debatten abbilden, aber sie stehen auch in einer ethischen Verantwortung, nicht jedem homophoben Marktschreier einen Talkshowsessel anzubieten. Welche homo- und transphoben Kommunikationsstrategien sind in den Medien zu beobachten? Was kann dagegen gesetzt werden?

katrin-gottschalk.jpgWelche homo- und transphoben Kommunikationsstrategien sind derzeit in den Medien zu beobachten? Was kann dagegen gesetzt werden? – diesen Fragen ging Forum 6 unter dem Titel „Unterhaltungswert Homophobie?“ nach.

Sehr lebendig und kenntnisreich aus dem Vollen schöpfend gab Katrin Gottschalk, Chefredakteurin vom Missy Magazin und Dozentin für „Geschlechterbilder in den Medien“, in ihrem Vortrag einen anschaulichen und mit vielen Beispielen versehenen Einblick in die Verbreitung von Ressentiments durch die Medien.

Mit Aufmerksamkeit und Skandalen werden Klicks und somit Geld verdient

Artikel wie „Ich bin homophob und das ist auch gut so“ von Matthias Matussek in der Welt veröffentlicht, oder Äußerungen wie „Homosexuelle sind geisteskrank“, die eine Einladung in die Maischberger Talkshow zur Folge hätten, sind nur einige der bekannten Beispiele. Einzige Währung sei dabei, so Gottschalk, die Aufmerksamkeit, mit der hier jedes Mal Geld verdient werden würde, unabhängig von dem gesellschaftlichen Schaden. Sie wies darauf hin, dass teilweise sogar gezielt shitstorms angestrebt würden, über die durch die entsprechende Aufmerksamkeit („viele Klicks“) zusätzliche Werbung verkauft würde. Warum ist das so? Laut Gottschalk befinden sich die Printmedien in der Krise. Gleichzeitig könne in den Online Redaktionen noch kein Geld verdient werden. Redaktionen seien zunehmend bereit über Ressentiments, über Hetze auf Minderheiten, Aufmerksamkeit zu generieren und zu verkaufen.

Homogene Besetzungen in den Redaktionen und fehlende Ausbildungsinhalte

Was kann man dagegen tun? Was bedeutet Journalismus für unsere offene Gesellschaft und wie können wir dieser Verantwortung gerecht werden? Gottschalk warb dafür, nicht nur auf bestehenden Medien zu reagieren, sondern ihnen auch eigene Bilder und eigene Medien entgegen zu setzen. Auch mit Humor ließe sich solchen Ressentiments begegnen. Laut Gottschalk müsse z.B. schon in der Ausbildung zum Journalismus diskriminierungsfreie Sprache zum Thema werden. Bisher seien Ausbildungsinhalte allein praktische Anleitungen wie z.B. gute Einstiege in den Text. Hier fehle es noch an gelebter gesellschaftlicher Verantwortung.

Die nach wie vor weitestgehend homogene Besetzung von Redaktionen schlägt sich auch in den Beiträgen nieder. Ein Beispiel für die Ergänzung der bestehenden Strukturen ist die Neubesetzung des ZDF-Fernsehrates mit einer LSBTI-Vertretung, für die der LSVD sich erfolgreich eingesetzt hat.

Gottschalk warb auch für ganz konkreten Widerstand gegen die Verbreitung von Ressentiments in den Medien durch Handeln. Zum Beispiel via Twitter, ein Medium, das von den Redaktionen sehr viel, von der politisch aufmerksamen Öffentlichkeit aber nach ihrer Einschätzung noch nicht genügend verwendet würde. So sei es z. B. via Twitter gelungen, die ARD dazu zu bewegen, statt des Begriffs „Homo-Ehe“ nun „Ehe für alle“ zu verwenden.

Ausgrenzungsdiskurs: Binäres System von Gut und Böse

dr.-jobst-paul1.jpgDr. Jobst Paul vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) führte in seinem Vortrag das Publikum in eine aufregende und sehr grundsätzliche Analyse der bestehenden Kommunikationsstrategien ein. Er erläuterte das immer wieder verwendete binäre System von Gut und Böse. Nach seiner Auffassung ein Ausgrenzungsdiskurs, der immer ALLE treffen kann.

Er warb deshalb dafür, selber nicht in diesen binären Selbst- und Gegenvorstellungen zu verharren. Diese Art des Widerstands gegen Ressentiments würde dem rechtspopulistischen Bild eines „Kulturkampfes“ in die Hände spielen, so befürchtet er. Als Beispiel nannte er auch die Gegensätze in den Diskussionen zu den neuen Bildungsplänen mit einer „Pädagogik von Gott, Familie und Vaterland“ auf der einen und einer „Pädagogik der Vielfalt“ auf der anderen Seite.

Dr. Paul forderte deshalb dazu auf, Energie auch darauf zu verwenden, diesen Code der Ausgrenzung offen zu legen. Es gäbe immer nur EINEN Ausgrenzungscode, dieser können jede/n treffen und den gelte es zu durchbrechen. Als weiteres Beispiel nannte er die Wortschöpfung der „Döner-Morde“. Auch hier sei Grundlage dieser Kommunikationsstrategie ein Gut und ein Böse. „Döner-Morde“ seien eindeutig einem Böse zugeordnet. Mit diesem Wortgebilde ließe sich der „Kampf einer Meute um Beute“ assoziieren und genau diese Assoziation von einem Bösen sei dann auch handlungsleitend für die Behörden geworden.

Mit diesen spannenden und sich in ihren Ansätzen vortrefflich ergänzenden Inputs der beiden Vortragenden und der sich anschließenden Diskussion und den Ergänzungen der teilnehmenden Expert/innen des Forums, bot die Veranstaltung wichtige und aufregende Ansätze in einem der Handlungsfelder „Respekt statt Ressentiment“, die es wert sind fortgeführt zu werden.

Uta Schwenke
LSVD-Bundesvorstand

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