LSVD

Regenbogenkompetenz in Rundfunk- und Medienräten

Ergebnisse des Fachforums auf dem zweiten Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* weiter gestalten"

Was hat sich bisher durch die Interessenvertretung von LSBTI* in einigen Rundfunk- und Medienräten an der medialen Berichterstattung verbessert und welche Herausforderungen stehen noch bevor?

In jahrzehntelangen Kämpfen konnten wesentliche Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Akzeptanz von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI*) erreicht werden. Aber auch nach der Öffnung der Ehe und dem wegweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Dritten Geschlechtseintrag sind Homophobie, Transfeindlichkeit und weitere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in vielen gesellschaftlichen Bereichen allgegenwärtig. Erfolge in punkto Gleichstellung und Akzeptanz stehen massiv unter Beschuss von Rechtspopulist*innen und Gleichstellungsgegner*innen. Ein aggressives und menschenfeindliches Klima droht wieder salonfähig zu werden. Wie kann vor diesem Hintergrund die „Regenbogenkompetenz“ in der Senior*innenarbeit, in der Bildung, in Religionsgemeinschaften, in den Medien, in der Arbeitswelt und in der internationalen Menschenrechtspolitik erhöht werden? Das wurde beim zweiten bundesweiten Regenbogenparlament in Köln mit über 80 Teilnehmenden diskutiert.

Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforum 3 "Regenbogenkompetenz in in Rundfunk- und Medienräten" mit Benjamin Rottmann (Vertretung des LSVD Niedersachsen-Bremen in der Niedersächsischen Landesmedienanstalt), Jenny Renner (ZDF-Fernsehrätin) und Caro Frank (Mitglied der Medienkommission der Landesanstalt für Medien NRW). Moderiert wurde es von Tina Adomako (Neue Deutsche Medienmacher). Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 2. Regenbogenparlaments "Akzeptanz von LSBTI* weiter gestalten" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

In der Medienberichterstattung über LSBTI* hat sich vieles zum Besseren gewandelt. Während einige Medien seriös und angemessen berichten, behandeln andere LSBTI*-Themen überwiegend in reißerischer oder voyeuristischer Aufmachung mit provokativ herabsetzenden Aussagen. Beim letzten Regenbogenparlament in Berlin wurde über die „Lebenswelten von LSBTI* in Medien-Wunsch und Wirklichkeit“ diskutiert. In Köln ging es darum, was sich bisher durch die Interessenvertretung von LSBTI* in einigen Rundfunk- und Medienräten verbessert hat und welche Herausforderungen noch bevorstehen.

Seit 2015 vertritt Caro Frank die Interessen der Allgemeinbevölkerung für die LAG Lesben und das Schwule Netzwerk in der Medienkommission NRW. Damit gehören die beiden Landesverbände zum ersten Mal zu den gesellschaftlich relevanten Gruppen, die in dieses Gremium berufen und dort kollegial aufgenommen wurden. Der Medienkommission obliegen die Vergabe und Kontrolle von Frequenzen, die Aufsicht über bestimmte private Fernsehprogramme, über die privaten Radioprogramme sowie die Förderung von Bürgermedien und Medienkompetenz der Bevölkerung.

Gleiches gilt für die Niedersächsische Landesmedienanstalt. Benjamin Rottmann übernimmt hier die Vertretung des LSVD Niedersachsen-Bremen seit 2016. Auch in Niedersachsen spiegelt sich die gesellschaftliche Vielfalt in der Zusammensetzung der Räte noch nicht umfassend wider. Hier besteht weiterhin Verbesserungspotential. Analog zur Situation in Nordrhein-Westfalen findet die ehrenamtliche Arbeit so-wohl in den großen Sitzungen aller Mitglieder als auch in einzelnen Ausschüssen statt. Und auch hier findet mehrheitlich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit statt. Die wichtigste Personalentscheidung betrifft die Wahl des*der Direktors*in der Landesmedienanstalt, denn die Direktion bestimmt in jeder Anstalt maßgeblich die inhaltliche Arbeit.

Jenny Renner ist seit 2016 ZDF-Fernsehrät*in. Ihre Entsendung in den Fernsehrat erfolgte über den Sitz des Landes Thüringen. Seit diesem Zeitpunkt sind nicht mehr einzelne Parteien, sondern lediglich die Vertretung der Bundesregierung dabei, wodurch die Zusammensetzung des Rates weniger politiklastig ist. Die dadurch her-vorgerufene Mehrheit von kirchlichen Vertretungen wird allerdings kritisch gesehen. Bei diesem Gremium des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks kommt der direkten Programmbeobachtung eine größere Bedeutung als beim privaten Rundfunk zu. Auch können bei Beschwerden der Zuschauer*innen direkte Nachfragen gestellt und Verbesserungsvorschläge gemacht werden. Außerdem wählt der Fernsehrat die Intendanz und den Verwaltungsrat. Eine Stärkung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks scheint sinnvoll zu sein, da nur dort Vielfalt ausdrücklich gesetzlich vorgeschrieben ist. In allen Gremien wird die Auseinandersetzung mit vermehrt rechtspopulistischem Vokabular in der Politik, in der Berichterstattung und in den Medien allgemein mehr und mehr notwendig. Die An-griffe (z.B. auf die Pressefreiheit) nötigen zu direkter Auseinandersetzung, bieten jedoch gleichzeitig die Chance sich selbst zu positionieren.

Die Sensibilisierung für LSBTI*-Themen unter dem Gesichtspunkt von gesellschaftlicher Vielfalt ist in allen Gremien notwendig. In allen Bundesländern ist weiterhin gute Lobbyarbeit nötig. Die Vertretungen der anderen Organisationen in den Medien- und Rundfunkräten haben sich schon mehrfach als sehr gute Multiplikator*innen herausgestellt. Auch hier ist im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (von ZDF über 3Sat und KiKa bis zu Phoenix und arte) eine direkte Sensibilisierung der Redaktionen zu deren eigener Berichterstattung möglich. Weitere LSBTI*-Vertretungen bestehen bereits beim WDR, beim SWR, bei Radio Bremen und zukünftig auch beim Deutschlandfunk. In allen Bundesländern ist weiterhin gute Lobbyarbeit nötig, um die Entsendung von LSBTI*-Vertretungen in die Gremien zu gewährleisten. 

Forderungen

  • Bewusstsein schaffen für LSBTI*in  Redaktionen und Medienhäusern („Normalisierung des Besonderen“) 
  • Professionalisierung von Medien-schaffenden / Redaktionen zu LSBTI*-Themen 
  • Repräsentation von vielfältigen Stim-men in den Medien („nicht immer nur der weiße schwule cis-Mann, „keine single story“) 
  • mehr Präsenz von selbstgesetzten  queeren Themen in den Medien 
  • Redaktionen / Medienhäusern signalisieren, was gute Medienarbeit zu LSBTI*-Themen ist 
  • größere mediale Kraft, Sichtbarkeit, Solidarität 
  • LSBTI*-Medien unterstützen 
  • Vertretung von LSBTI* in allen Rundfunk- und Medienräten 
  • für alle verständlich werden

Strategien

  • Sensibilisierung für Lebenswelten von LSBTI* 
  • Guter Journalismus zu LSBTI*-Themen braucht Aufklärung und Sensibilisierung der Redaktionen / Medienhäuser 
  • Vernetzung und vielfältige Aufstellung in den eigenen Verbänden („Diversität leben“) 
  • Vernetzung der Community-Strukturen für gemeinsame PR-Arbeit und Professionalisierung der Pressearbeit 
  • Redaktionen nicht nur tadeln, sondern auch loben
  • Bündnisse mit anderen Vereinen, Organisationen, Interessensvertretungen (Bündnispolitik statt Identitätspolitik)
  • Sichtbarkeit der LSBTI*-Community stärken 
  • Lobbyarbeit 
  • (An)Sprache finden, die außerhalb der „queer bubble“ funktioniert. Wir müssen auch außerhalb der LSBTI*-Community verstanden werden.

Maßnahmen

  • Waldschlösschen-Appell überarbeiten und verbreiten: www.der-appell.de
  • Angebote der Medienanstalten zur Diversitätssensibilisierung für Redaktionen 
  • Qualitätsstandards (Recherche, Themenvielfalt, Repräsentation etc.) formulieren
  • Standards für „No-Gos“ (bezgl. der Verwendung von Begriffen und der Bebilderung) festlegen 
  • Pool von Sprechenden von Interessensvertretungen anlegen und zur Verfügung stellen (vgl. Vielfaltsfinder der Neuen Deutschen Medienmacher)
  • aktive Pressearbeit durch gemeinsame Pressemitteilungen und öffentlichkeitswirksame Aktionen 
  • Beispiele für gute Berichterstattung teilen, liken, verbreiten
  • Austausch, Wissenstransfer und gegenseitige Unterstützung
  • Zeitungen kaufen, Abos abschließen
  • Sensibilisieren und Gespräche mit Landtagsabgeordneten führen 
  • Leitfaden zu LSBTI*-Themen in einfacher Sprache (geplant von SCHLAU NRW)
  • Workshop-Angebot von ANDERS & GLEICH 

„Wenn wir unseren eigenen Zielhorizont erweitern und Bündnisse mit anderen Gruppen eingehen, ermöglichen wir einen erweiterten Zugang zu Ressourcen, die zum Erreichen der eigenen Ziele beitragen. (…) Letztendlich kann das, was wir in unseren unterschiedlichen Organisationen alle anstreben – ob wir jetzt beim LSVD, den NdM, NDO oder einer anderen Organisation aktiv sind – unter „soziale Gerechtigkeit“ zusammengefasst werden. Am Ende des Tages haben wir dann ein gemeinsames Ziel. Wir sollten, da wo es Sinn macht, viel häufiger common cause coalitions bilden.“ – Tina Adomako

„Insbesondere in Zeiten eines wachsenden Populismus müssen LSBTI* als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft Sitz und Stimme in Fernseh- und Medienräten haben. Auch die Deutungshoheit von Begriffen sollten wir zurückgewinnen, durch vereinfachte sprachliche Mittel können wir mehr Menschen mit unseren Themen und Positionen erreichen.“ - Benjamin Rottmann

Das Regenbogenparlament in Köln war eine Veranstaltung des LSVD-Projekts „Miteinander stärken. Rechtspopulismus entgegenwirken“ in Kooperation mit der Stadt Köln, Amt für Weiterbildung – Volkshochschule / Bereich Politische Bildung. Die Veranstaltung wurde unterstützt von: Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Nordrhein-Westfalen, Heinrich Böll Stiftung Tunis, &a o Hostels (Köln), Restaurant Consilium (Köln). Moderiert wurde das  Regenbogenparlament von Berena Yogarajah, Referent*in des Autonomen Frauen*Lesben*Referats der Uni Köln.

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