LSVD

Queer School - Regenbogenkompetenz in Schule und Unterricht

Ergebnisse der Podiumsdiskussion auf dem zweiten Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* weiter gestalten"

Kinder, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder intergeschlechtlich  sind oder auch nur dafür gehalten werden, erfahren immer noch Mobbing und Gewalt auf Schulhöfen. Wörter wie „schwul“ oder „lesbisch“ werden als Schimpfwörter missbraucht und bleiben von Lehrkräften oftmals unwidersprochen. Wie lässt sich das verändern?

n jahrzehntelangen Kämpfen konnten wesentliche Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Akzeptanz von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI*) erreicht werden. Aber auch nach der Öffnung der Ehe und dem wegweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Dritten Geschlechtseintrag sind Homophobie, Transfeindlichkeit und weitere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in vielen gesellschaftlichen Bereichen allgegenwärtig. Erfolge in punkto Gleichstellung und Akzeptanz stehen massiv unter Beschuss von Rechtspopulist*innen und Gleichstellungsgegner*innen. Ein aggressives und menschenfeindliches Klima droht wieder salonfähig zu werden. Wie kann vor diesem Hintergrund die „Regenbogenkompetenz“ in der Senior*innenarbeit, in der Bildung, in Religionsgemeinschaften, in den Medien, in der Arbeitswelt und in der internationalen Menschenrechtspolitik erhöht werden? Das wurde beim zweiten bundesweiten Regenbogenparlament in Köln mit über 80 Teilnehmenden diskutiert.

Hier dokumentieren wir die Ergebnisse der abschließenden Podiumsdiskussion "Queer School - Regenbogenkompetenz in Schule und Unterricht" mit Marco Düsterwald (Volkshochschul-Landesverband Nordrhein-Westfalen), Renate Bonow (Landeskoordination „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“), Sebastian Krebs (Stellvertretender Vorsitzender der GEW NRW), Laura Becker (Bundesverband Queere Bildung) und Nikolaj Grünwald (Landesschüler*innenvertretung NRW). Moderiert wurde sie von Jürgen Piger, Jugendzentrum anyway. Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 2. Regenbogenparlaments "Akzeptanz von LSBTI* weiter gestalten" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Queere Lebensweisen - kein Alltag in der Schule?!

Die Vielfalt von Lebensweisen und Identitäten gehört heute zum Alltag in Deutschland. Besonders Schulen und Bildungseinrichtungen sollen junge Menschen auf diese Vielfalt vorbereiten. Oft gelingt das jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Kinder, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder intergeschlechtlich (LSBTI*) sind oder auch nur dafür gehalten werden, erfahren immer noch Mobbing und Gewalt auf Schulhöfen. Wörter wie „schwul“ oder „lesbisch“ werden als Schimpfwörter missbraucht und bleiben von Lehrkräften oftmals unwidersprochen.

Der Unterricht und die Lernmaterialien sind heteronormativ und LSBTI* – wenn überhaupt – nur ein Thema im Biologieunterricht. Auf der Podiumsdiskussion gingen die Expert*innen der Frage nach, wie es gelingen kann, dass Schulen Orte des Respekts und der Vielfalt werden können. Lehrkräfte und pädagogisches Personal treffen in ihrer Arbeit täglich auf die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Kindern und Jugendlichen. Auch queere Lebensweisen sind ein Teil dieser gesellschaftlichen Vielfalt, sei es hinsichtlich sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität /-ausdruck oder aber hinsichtlich ihrer Familienformen. 

Die Expert*innen auf dem Podium waren sich darüber einig, dass in Schulen und Bildungseinrichtungen Mobbing und Diskriminierung noch immer allgegenwärtig sind. Diskriminierende Äußerungen und Anfeindungen der Schüler*innen untereinander blieben noch zu häufig unwidersprochen. Das pädagogische Personal würde zu selten einschreiten, wenn Kinder wegen ihrer realen oder zugeschriebenen sexuellen und geschlechtlichen Identität angefeindet werden oder Ausgrenzung erfahren. „Schwul“ oder „Schwuchtel“ werde beispielsweise immer noch von 62% der Sechstklässler*innen und von 54% der Neunt- und Zehntklässler*innen als Schimpfwort verwendet. Das hätten Studien der Humboldt-Universität Berlin bereits gezeigt.5

Lehrkräfte dürfen Schimpfwörter und Mobbing nicht ignorieren

Nikolaj Grünwald von der Landesschüler*innenvertretung Nordrhein-Westfalen betonte während der Diskussion deutlich, dass es immer noch an Sensibilisierung fehle und Schimpfwörter nicht ignoriert werden dürfen. Oft sei es nur die lokale Schüler*innen-vertretung, die hier aktiv werden würde. Schulleitungen und Lehrkräfte würden häufig eher passiv reagieren. Bei Schulen in privater Trägerschaft (vor allem bei christlichen Trägern) verschärft sich die Situation noch einmal deutlich, so Grünwald. Der Status quo zeige auch, dass das Klima der Vielfalt an Schulen noch ausbaufähig sei.

Dem stimmte auch Laura Becker vom Bundesverband „Queere Bildung“ zu. Projekte wie „Schule ohne Rassismus“ und „Schule der Vielfalt“ böten Lehrkräften und Schüler*innen die Möglichkeiten, den Alltag an ihren Schulen so zu verändern, dass dieser von einem respektvollen und diskriminierungsfreien Umgang geprägt sei. Nach Einschätzung des Podiums sei es jedoch eine Herausforderung in einem solchen Prozess alle einzubinden. Häufig scheitere ein solcher Prozess an der angespannten Personalsituation und an der Überlastung von Lehrkräften. Diese Erfahrungen würden auch Schüler*innen-Vertretungen vor Ort machen. Oft sind es nur einzelne Lehrkräfte, die hier unterstützen würden. 

Leitbilder, Schulverfassungen, Lehrpläne und Schulbücher: Vielfalt verankern

Diese Einschätzung teilte auch Renate Bonow, die im Projekt  „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ für die Landeskoordination in Nordrhein-Westfalen zuständig ist. Laura Becker vom Bundesverband Queere Bildung e.V. merkte an, dass Lehrkräfte oft zwar das Thema auf dem Schirm hätten, jedoch es oft auch an den zeitlichen Kapazitäten scheitern würde. Nur wenn wir die Vielfalt von unterschiedlichen Lebensweisen und Identitäten auch in die Leitbilder und Schulverfassungen verankern würden, könne es gelingen, Vielfalt auch in Schulen erlebbar zu machen und einen respektvollen Umgang sicherzustellen. Es ginge hier auch um die Sichtbarkeit dieser Vielfalt. Besonders auch Schulbuchverlage und die Bildungsverwaltungen sollten dafür sorgen, dass die Vielfalt in unserer Gesellschaft auch in den Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien abgebildet werde.

Nikolaj Grünwald fügte hinzu, dass Schulen auch mehr demokratische Räume bieten müssen, um Selbstwirksamkeit von Schüler*innen beim Thema Mitbestimmung und Teilhabe auch er-fahrbar zu machen. Renate Bonow merkte an, dass die Thematisierung von LSBTI* auch umfassender in den Lehrplänen verankert werden müsse. Wenn es nicht auch in den Lehrplänen verankert werde, finde das Thema im Unterricht nicht statt. 

Regenbogenkompetenz in die Ausbildung

Gleichzeitig sollte auch das Thema Regenbogenkompetenz in die Aus- und Fortbildung von Lehrer*innen und pädagogischem Personal aufgenommen werden. Laura Becker unterstrich in ihrem Statement, dass die Wissensvermittlung zu den Themen „Diskriminierung“ und „Vielfalt“ im Vorbereitungs-dienst der Lehrkräfte unbedingt veressert werden sollte. Vielfalt müsse über das Thema Inklusion hinausgedacht werden. Es sei grundlegend, dass Schule die Vielfalt von Identitäten und Lebensweisen als ein Querschnittsthema begreife. Auch sei Vielfalt eine Frage der Haltung von Lehrkräften und pädagogischem Personal. Eine bloße stoffliche Output-Orientierung sei hier eher hinderlich, so Renate Bonow.

Rechtspopulistische Einschüchterungen

Sebastian Krebs von der GEW merkte in diesem Zusammenhang auch an, dass die AfD gegenwärtig in einigen Bundesländern mit ihren online Portalen zur Denunziation von Lehrkräften das Schulklima zu beeinflussen versucht. Es existieren Aufrufe an Schüler*innen zur Denunziation von Lehrer*innen, die sich angeblich nicht an den Beutelsbacher Konsens hielten. Man versuche Lehrkräfte einzuschüchtern, um die Sichtbarkeit der Vielfalt von Identitäten zu verhindern und Kritik an rechten Positionen mundtot zu machen. Das Neutralitätsgebot von Schule werde so instrumentalisiert. Die Volkshochschulen sehen sich beim Thema Neutralität in einer ähnlichen Situation, vor allem weil sie in der Regel zur kommunalen Verwaltung gehören. Gleichwohl können sie auch Raum geben, um gesellschaftliche Vielfalt sichtbar zu machen und dafür in Kursen zu sensibilisieren.

Demgegenüber steht die Einsicht, dass die politische Aufklärung über populistische Bedrohungen der Menschenrechte und der Demokratie auf jeden Fall ein Auftrag von Schule wie auch Volkshochschule ist. Wir sollten das Thema Vielfalt nicht denen überlassen, die mit Agitationen und faktenfreien Kampagnen unser gesellschaftliches Miteinander spalten wollen, so Marco Düsterwald vom Landesverband NRW der Volkshochschulen. Zielführender sei, die eigenen Wertvorstellungen zu kommunizieren, als sich an rechten Positionen abzuarbeiten. Darüber war sich das Panel einig.

Weitere Forderungen des Podiums

  • Förderung ehrenamtlicher Strukturen, die sich in der Antidiskriminierungsarbeit engagieren wie zum Beispiel Queere Bildung e.V. Denn Hauptamt wird automatisch mehr ehrenamtliches Engagement hervorgerufen.
  • Das BAMF ist aufgefordert, in den Lehrmaterialien für Integrationsschulen LSBTI* nicht weiterhin zu ignorieren.
  • Die NRW Landesregierung ist aufgefordert, etwas gegen die Diskriminierung von Trans* und Inter* im Schulalltag zu unternehmen. Die Schule der Vielfalt gibt dazu demnächst einen Leitfaden heraus.

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Das zweite Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* weiter gestalten" in Köln war eine Veranstaltung des LSVD-Projekts "Miteinander stärken" in Kooperation mit der Stadt Köln, Amt für Weiterbildung – Volkshochschule / Bereich Politische Bildung. Die Veranstaltung wurde unterstützt von: Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Nordrhein-Westfalen, Heinrich Böll Stiftung Tunis, &a o Hostels (Köln), Restaurant Consilium (Köln). Moderiert wurde das  Regenbogenparlament von Berena Yogarajah, Referent*in des Autonomen Frauen*Lesben*Referats der Uni Köln. Hier gibt es die gesamte Dokumentation des zweiten Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* weiter gestalten"

Fußnote

5  Vgl. Klocke, U. (2012). Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen: Eine Befragung zu Verhalten, Einstellungen und Wissen zu lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgeschlechtlichen Personen und deren Einflussvariablen. Berlin: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Online abrufbar.